29. Mai 2017

Nur mal kurz erinnert: Zur Rechtfertigung seines Terrorregimes hatte Stalin in den 30er Jahren die These von der stetigen Verschärfung des Klassenkampfes bei fortschreitendem Aufbau des Sozialismus aufgestellt. So rechtfertigte er die Verfolgung Andersdenkender, willkürliche Verhaftungen und „Säuberungen“, denen bekanntlich auch fast alle früheren Kampfgefährten Lenins, eben Kommunisten aus der alten Garde zum Opfer fielen, u. a. damit: Je erfolgreicher sich der Sozialismus entwickele, desto härter und erbitterter werde auch die Gegenwehr der kapitalistischen Elemente (also Überreste des Klassenfeindes, den man ja längst besiegt/beseitigt hatte).
Die inneren Feinde, konterrevolutionäre Kräfte, Saboteure und Diversanten, (heute würde man viell. sagen: Hetzer, Menschenhasser) – die würden ja immer wütender und radikaler werden in ihrem Hass – daher müsse man gegen diese Kreise auch immer härter durchgreifen …
Stalin wollte also damit begründen, warum man die Repression im Inneren stetig erhöhen muss, immer mehr Feinde in der Gesellschaft identifizieren und liquidieren muss, denn die Zahl der Feinde, Spione, Saboteure, Hetzer usw. musste ja immer weiter anwachsen – obwohl oder gerade weil es mit dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft offenbar so gut voranging …

Daraus ergib sich eine (rhetorische) Frage: Findet nicht heute auch (im Zuge der Vervollkommnung der demokratischen, schrankenlos weltoffenen Gesellschaft) eine krasse Ausweitung der von Staats wegen als Gegner ausgemachten Bevölkerungskreise statt? Ist das nicht eine seltsame Parallele, dass da heutzutage unter Missachtung des gesunden Menschenverstandes immer mehr Leute quasi zu Nazis deklariert werden, obwohl’s da (abgesehen von ein paar Verwirrten oder Provokateuren vom Verfassungsschutz) gar keine mehr gibt? Jeder, der nicht mindestens auf Merkelkurs segelt oder besser weiter links, gilt schon als halber Unmensch. Und das ist möglicherweise auch erst der Anfang oder? Trotzki, Bucharin, Kamenew, Sinowjew, Radek und die vielen namenlosen Opfer des stalinschen Terrorregimes – die waren eben auch sehr lange arglos, haben vertraut auf Vernunft, Gerechtigkeit und ihre Partei. Oder ziehe ich hier einen völlig unzulässigen Vergleich, der mich für die Teilnahme an einem demokratischen Diskurs disqualifiziert, mich quasi ungewollt in die Reihe derer stellt, die man gemeinhin als Pack bezeichnet? Dies würde mich natürlich höchst betrüblich stimmen. Vorsorglich sei daher der Kreis der zu ächtenden bzw. aus der Gesellschaft auszuschließenden Subjekte eingegrenzt auf: Menschenfeinde oder alle, die zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern haben und die Frechheit besitzen, infamerweise auch noch eine höhere Geburtenrate für ihresgleichen zu fordern (Korrektur: nicht mal für ihresgleichen, sondern für die einheimische Bevölkerung, was ja Migranten einschließt). Aber darauf kommt’s nicht an, immerhin ging’s der guten Frau doch darum, die AfDler als Nazis hinzustellen, und das finden wir doch ungeachtet der Faktenlage generell gut und klatschen halt mal alle Beifall. Wer wird denn da so pingelig sein? Freundschaft!

Nachtrag: Wobei für mich die käßmannsche “Sportpalastrede” schon gar nicht mal der Aufreger war (weil eben plump antideutsche Ausfälle, maskiert als Kampf gegen rechts, heutzutage von jedem politisch agierenden Zivilfunktionär zu erwarten waren und sind), sondern ich eher die Tatsache befremdlich fand, dass da einige Tausend Deppen (muss man leider so sagen) sitzen, die einer abgehalfterten Kirchenfunktionärin einhellig Beifall spenden (angeblich tosender Applaus), die geistigen Dünnschiss absondert. Und die Leute sitzen da und merken nix. Kann das sein? Oder dachten die naiverweise tatsächlich, der käßmannsche Rundumschlag bezöge nicht auch sie in den braunen Kreis ein? Oder haben die sich nicht nur getraut, ihre Stimme zu erheben, sondern haben sich weggeduckt, anstatt aufzustehen? Andererseits funktionieren Massenveranstaltungen ja eben genau so. Vorn steht ein Einpeitscher, und alle jubeln und klatschen, auch wenn sie selbst verarscht werden. So wie früher bei den Parteiveranstaltungen. Da gab’s ja auch nie Widerspruch, obwohl viele da auch “inneren Widerstand” geleistet haben, wie man später hörte. Hmm … Tja, Religion und Ideologie eben, in Kombination wirksamer als Opium.
Hier noch ein paar Links zu Bloggern, die die käßmannschen Ausfälle auf dem Kirchentag thematisiert haben:

http://www.achgut.com/artikel/frau_kaessmann_verschlimmbessert_sich

http://www.danisch.de/blog/2017/05/30/die-kaessmann-ausputze/

https://www.michael-klonovsky.de/acta-diurna/item/542-28-mai-2017

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