Bericht eines Kleindarstellers

Gut, dass ich das bin, was ich bin. Zu etwas anderem hätte ich nicht getaugt.
Jaime Lannister (der „Königsmörder“), Game of Thrones

Hört mal auf zu jammern, Leute. Ist doch würdelos. Dies passt euch nicht, das passt euch auch nicht. Tragt euer Los mit Fassung, und zieht euer Ding durch. Klar, das sind keine leichten Zeiten jetzt. Für niemanden. Ich halte mich hier beispielsweise mit einigen Statistenrollen über Wasser, seit ich aus der Redaktion raus bin.

Gute Abfindung gab’s natürlich auch. Versteht sich. Die Stellenkürzungen kamen auch nur wegen der vielen Blogger, die ständig Fake News verbreiten und die Leute aufwiegeln. Da sind die Leute da draußen angreifbar, ich meine die sind ja dafür empfänglich, besonders bestimmte Gruppen, die ich besser nicht nennen will, weil viele von euch ja sonst nicht weiterlesen würden. Na ja, und die Blogger instrumentalisieren das alles. Die Einzelfälle, selbstredend bedauerlich, sind Wasser auf deren Mühlen. Und daher arbeite ich jetzt als Statist fürs Fernsehen. Besser gesagt, ich mach in Komparsenjobs, aber Statist ist für die meisten Leute doch verständlicher als Komparse. Seit der Umstellung auf leichtes Deutsch muss man ja da auch in sprachlicher Hinsicht sensibler sein und darauf achten, wie man sich ausdrückt, dass man eben Menschen nicht diskriminiert, indem man Fremdwörter und schwierige Satzkonstruktionen benutzt. Tu ich ja auch nicht, und wenn doch, dann übersetz ich das gern in leichte Sprache oder erklär auch, wie was gemeint ist. Ich meinte ja nur, dass Statist und Komparse eigentlich unterschiedliche Jobs sind, wie man vielleicht noch weiß oder bei Gelegenheit mal ergoogeln kann. Ist natürlich nicht das Gelbe vom Ei, dieser Job, aber wenigstens ein regelmäßiges Einkommen, was ja immer wichtig ist. Bringt Struktur in mein Leben. Struktur und Disziplin brauch ich ja. Vater sagte das auch immer, wenn er sich dann wieder etwas beruhigt hatte, nachdem der Billardstock auf meinem Rücken zerbrochen war. Kein Stock, sondern ein „Queue“. Ein Queue sei es, kein Stock, ob das nicht endlich in meinen sturen Schädel reingehen wolle. So prägte sich das gut ein.

Na ja, wo war ich? Jedenfalls war ich froh, diese kleinen Nebenrollen über eine dieser Agenturen hier zu bekommen, ohne in Ärsche kriechen zu müssen. Obwohl ich Besseres gewohnt bin, also bessere Jobs, aber das sagt ja sicher jeder. In der Soap „Blutige Blumen“ spiele ich gelegentlich einen Penner, der dann im Hintergrund seinen mit Plastiktüten und Pfandflaschen gefüllten Einkaufswagen durch die urbane Kulissenlandschaft schiebt und in den Ecken herumlungert. Also eine nachlässig gekleidete Person ohne festen Wohnsitz, die sich wie ein Zombie bewegt, herumfurzt und irgendwas lallt oder murmelt, wie es ein Penner hierzulande eben so tut. Kennt Ihr ja sicher selbst, muss ich also nicht lang und breit erklären. Nicht so schwer zu spielen, Natürlichkeit ist da Trumpf. Leider keine echte Sprechrolle. In der anderen Soap, in der ich als Komparse mitspiele, hab ich aber sogar ab und zu etwas Text, darf dann ein paar Sätze sagen, je nachdem, was da ins Drehbuch reingeschrieben wurde. Da bin ich im Grunde schon ein Kleindarsteller. Die Rolle hat Potenzial, meinte neulich auch der Caterer aus der Entourage von dem Tom Tschiller, den ich neulich mal am Set traf. Der tut ja auch viel Gutes, ist sozial engagiert und so das alles. Soll ja auch diesen neuen Preis kriegen, hab ich gehört, diese Heßling-Verdienstmedaille, weil er dieses Heim für obdachlose Männer aus eigener Tasche finanziert hat. Die Soap, wo ich mitspiele, hat auch einen etwas sperrigen Titel: Die Zukunft ist ein mieser Verräter. Ja, genau die. Das wird aber meist abgekürzt: DZIEMV. Hat bestimmt schon mal jemand gesehen, denke ich. Ist jetzt nicht mehr der Quotenhit wie früher, aber der eine oder andere wird das noch von früher kennen, als man noch öfter Fernsehen geschaut hat oder? In der Rolle spiele ich jedenfalls einen Aktivisten, der in einem Neuberliner Kiez den Weltverbesserer gibt und gelegentlich mal lässig ins Bild schlurft, wenn irgendwas passiert, ein Unfall oder eine Prügelei, wo jemand übel zusammengeschlagen wird. Da sag ich dann so Sätze wie: Alda, das könnte auch ein Deutscher getan haben. Voll krass, oder so was in der Art. Die Figur ist aber sonst ganz okay, meine ich. Ich denke, da gelingt es mir recht gut, dieses komplexe Rollenbild mit meiner widersprüchlichen Persönlichkeit zu füllen. Die differenzierte Sichtweise des rebellischen Hoffnungsträgers, wenn Ihr wisst, was ich meine. Neulich schrieb mir sogar ein Zuschauer, dass ich ihn an den Jeff Bridges in The Big Lebowski erinnere, immer das Herz am rechten Fleck und so. Na ja, da fühlt man sich schon verstanden und auch etwas geschmeichelt, aber ich will das jetzt nicht weiter ausführen … Kommt wohl auch ganz gut rüber, die Rolle als moderner Sympathieträger, der diese heroische Gelassenheit glaubwürdig verkörpert, wie mir auch mal versichert wurde. Hab auch schon ein paar hundert Likes im Netz. Vielleicht ausbaufähig, und ich hab da den ersten Aufnahmeleiter schon mal darauf angesprochen. Der meinte neulich, ich sollte mal abends bei ihm vorbeikommen, damit man mal meine Perspektiven erörtern könne, und wir würden uns da schon einig werden.

Früher, also noch viel früher hab ich übrigens etliche Jahre als freier Stuntman gearbeitet, da hatte ich eine Zeitlang gut zu tun. Da war ich immer gut drauf und natürlich noch besser in Form, klar, als halbes Zirkuskind, das man war. Eine Zeitlang war ich sogar mal mit Vertrag angestellt im Filmpark Babelsberg, wo ich bei dieser Action-Stuntshow in dieser kultigen Arena mit der Ruinenkulisse mitgespielt habe, die man da besuchen konnte. Die Truppe dort war schon erstklassig. Am besten hat mir immer diese apokalyptische Mad-Max-Nummer gefallen, war echt Spitze nach damaligen Maßstäben. Damals auch schon etwas angestaubt, so 90er-Jahre-Style, fast retro, aber durchaus filmreif und bald wieder im Trend, würd ich sagen. Ich spielte da anfangs so ein Opfer, eine halbtote kahlköpfige Geisel, die vorn auf ein Auto gebunden wird, also ich wurde da an einem Stahlkreuz festgebunden, das vorn an einem Autowrack angeschweißt war. Und dann wurde das Kreuz angezündet, natürlich, da tobte die Menge im Halbrund. Habt Ihr das mal gesehen? Nee? Kam sehr authentisch rüber. Da blieb kein Auge trocken. Das war natürlich nur Show, ein Trick, also ich bin ja nicht wirklich verbrannt. War eigentlich auch immer gut besucht diese Show, außer wenn Bundesliga-Fußball war oder wenn die Eisbären, das ist unsere Eishockey-Mannschaft, also wenn die gespielt haben. Na ja, später spielte ich dann jemanden, der in der Arena hinter einem Wagen hergeschleift wurde, das war so ein Pickup-Truck, ein aufgemotzter Amischlitten mit einer extrastarken Anhängerkupplung. Die Rolle hab ich dann aber an eine junge Kollegin verloren, die spielt auch sehr authentisch, und Frauen können sich ja da jetzt auch viel besser in so eine Szene hineinversetzen …

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2 Antworten auf Bericht eines Kleindarstellers

  1. FDominicus sagt:

    Gefällt mir – irgendwie ;-)

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