Blatt XXXVI (Abschrift)

DSCN4334_kompr36. Tag des 225. Zyklus n. Z.

Liebes Tagebuch,
entschuldige, dass ich schon ein paar Tage nichts mehr geschrieben habe, aber ich war tagsüber zu schwach, und abends hatte ich wenig Lust zum Schreiben. Bei flackerndem Kerzenlicht ermüden meine Augen schneller, und das abendliche Schreiben im kalten Zimmer strengt mich so an, dass ich manchmal Kopfschmerzen bekomme.

Außer den vorgeschriebenen Kontrollleuchten an den Gittertüren haben wir in unseren Wohneinheiten kaum noch elektrisches Licht. Nur an den wenigen Festtagen dürfen wir das Licht so lange einschalten, wie wir wollen. Unsere Stromrationen wurden letzte Woche wieder gekürzt, der Strom reicht da gerade noch für die Sicherheitskameras und die TV-Bildschirme, die ja immer eingeschaltet bleiben müssen. Die Kameras dienen ja auch unserem Schutz, da sind wir froh, dass wir die haben. Aber bald werden auch die Tage wieder länger, da freue ich mich schon drauf. Ich mag Tageslicht sowieso lieber, und frische Luft ist auch gesünder als die klimaschädliche Heizungsluft. Wenn ich friere, ziehe ich mir meinen dicken Happy-Sheep-Pullover an, dann wird mir ganz warm. Wir hatten die letzten Tage leider nur wenig zu essen, aber zum Glück hatte sich wieder ein Kaninchen in Papas selbstgebauter Falle in unserer Gartenecke verfangen, wo wir auch unser lizenziertes Gemüse anbauen dürfen. Das Kaninchen war ziemlich abgemagert. Es tat mir sehr leid, so wie es mich aus seinen braunen Augen angeguckt hat. Onkel Max, der seit drei Wochen bei uns einquartiert ist, sagte neulich, sogar die wilden Kaninchen seien früher schlauer gewesen, die hätten sich nie fangen lassen. Dann sagt er auch immer, dass man früher sehr oft Hühnerfleisch gegessen hätte, das ja nun auch selten geworden ist, Hühner und auch Gänse, und ganz früher, als es noch genug Fische in den Gewässern gegeben hat, konnte man die auch noch gefahrlos essen, meinte er. Und noch viel früher, als man das Fleisch von Schweinen essen durfte, da sei es den Leuten richtig gut gegangen. Fleisch von schmutzigen Schweinen zu essen, das kann ich mir gar nicht vorstellen, das muss doch schlimm gewesen sein oder? Wo das doch so unreine Tiere sind, wie unser Lehrer Rajiv sagte, der uns letztes Jahr in der Schule in der einzig wahren Lehre unterrichtet hat, bevor das alte Dach mit dem Obergeschoss dann eines Abends über ihm eingestürzt ist – das war aber Sabotage, das wurde ja aufgeklärt, weil die Schuldigen gestanden haben und dann gerecht bestraft wurden. Sie gestehen immer, meint Onkel Max. Jeder gesteht. Onkel Max erzählt immer viel von den alten Zeiten, aber keiner von den anderen Erwachsenen in unserer Wohngruppe will das mehr hören. Papa sagt dann immer zu ihm: Halt den Mund, du bringst uns noch in Teufels Küche, setz dem Kind keine Flausen in den Kopf. Das Leben ist nie besser gewesen als jetzt, das sagt der Papa oft, und er spricht dann direkt in Richtung der blinkenden Kamera, die in der oberen Ecke unseres Gemeinschaftsraums mit den grauen rissigen Wänden hängt. Onkel Max verzieht dann das Gesicht, schweigt aber und nimmt nur einen tiefen Schluck Gin aus dem großen Einweckglas mit den Kalkrändern. Manchmal schüttelt er sich kurz und murmelt etwas, was aber keiner versteht. Für unsere Bedarfsgemeinschaft bekommen wir immer reichlich Victory Gin auf unsere Lebensmittelkarten. Weil wir alle unsere Normen erfüllen in der Konzentratfabrik und auch, weil der Papa bei den Einsätzen gegen Saboteure und mentale Diversanten so fleißig ist, wo die Erwachsenen manchmal bei den Durchsuchungen und Festnahmen mitmachen dürfen. Da wollen sie aber nichts von erzählen. Ich durfte auch schon mal von dem Gin kosten, aber mir schmeckt der nicht so gut. Papa trinkt auch viel und wirft manchmal das Glas an die Wand. Bevor er dann einschläft, sagt er, dass wir jetzt in der besten aller Welten leben und dass wir das nie vergessen sollen. Die Dosimeter zeigen auch jeden Monat immer niedrigere Werte an. Nur die eurasische Union garantiert uns Frieden, Wohlstand und Seelenheil. Uns geht es doch verhältnismäßig gut, wir haben überlebt, oder etwa nicht? Ja, verhältnismäßig, das sagt Papa oft, wenn er nüchtern ist, denn wir können uns glücklich schätzen, zur Gruppe der Survivors zu gehören. Und dass wir zufrieden sein sollen, wir als Natives der unteren Kaste, zufrieden mit dem, was wir haben. Wir haben ein Dach überm Kopf, an den meisten Tagen zu essen, zu trinken und können einmal pro Woche unser Basic-Smartphone an einer öffentlichen Ladestation aufladen, damit wir uns im geschützten Internet lustige Katzenvideos und die aufmunternden Botschaften von Scheich Mahmud, dem Gütigen, anschauen können, wenn wir nach der Arbeit in der Fabrik noch nicht zu müde sind. Kultur ist uns allen sehr wichtig, das weißt du ja, liebes Tagebuch. Manchmal gehen wir an unserem arbeitsfreien Tag, den wir einmal im Monat haben, spazieren und besichtigen das gusseiserne Denkmal der Mutter aller Gläubigen, die wir alle lieben. Da staune ich jedes Mal wieder, wie riesig groß die Statue ist. Ab und zu gehen wir auch ins Wachsfiguren- oder Schrumpfkopfkabinett, wenn neue Exponate eingestellt werden. Oder wir machen einen Ausflug auf den Marktplatz, wo der große Baukran steht, und schauen uns die finalen Disziplinierungen an. Ich find es ja immer etwas gruselig, aber der versammelten Menge gefällt es. Später am Tag musste ich mich heute übergeben, und ich hatte danach auch wieder etwas Durchfall. Das war aber nicht so schlimm wie damals, du weißt schon, als wir das halbverdorbene Rattenfleisch gegessen haben, das wir letztes Jahr zum Winterfest vom Versorgungsamt bekommen hatten. Das war ja aber ein Versehen, keine Absicht, dass das Fleisch nicht mehr frisch war.

Heute war aber ein guter Tag, das will ich noch schnell schreiben. Von der Gemeinde kam der Bruder Steven, das ist einer von denen, die nur noch eine Hand haben, also der kam vorbei und brachte uns eine Flasche gefiltertes Wasser mit. Ich war zuerst an der Reihe und durfte einen richtig tiefen Schluck nehmen. Das war so toll, kannst du dir meine Freude vorstellen, liebes Tagebuch? Sauberes Trinkwasser, köstlich und so klar, dass man hindurchgucken kann? Nun ich muss schließen, mein vertrautes Tagebuch, es gibt heute für uns noch viel zu tun, und ich möchte auch meinen Bleistift und das knappe Schreibpapier nicht zu schnell aufbrauchen.

(Vermerk des zuständigen Fallbearbeiters: Zu den Akten)

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