Bruch

Polizeikommissar Ingo Kotschmarski, 43, ledig, Besoldungsgruppe A9, war heute nicht in Stimmung. Sogar ziemlich gefrustet war er, obwohl er doch, wie er zugeben musste, im Großen und Ganzen mit seinem Leben hätte zufrieden sein können. Zumindest bis zum heutigen Tag. Nun gut, der Schichtdienst war anstrengend und nervenaufreibend. Auch nach etlichen Dienstjahren litt er noch unter einem ständigen Schlafdefizit, die Ausrüstung war mies, und seine Vorgesetzten waren auch nicht immer einfach zu nehmen. Aber all dies gehörte eben zum Alltag eines Berliner Polizeibeamten. Und er hielt sich schließlich für einen guten Polizisten. Klar, es gab da auch noch einige andere Dinge in seinem Leben, die aus dem Ruder gelaufen waren, Beziehungskisten zum Beispiel, aber daran wollte er jetzt keinen Gedanken verschwenden. „Scheiß drauf“, sagte sich der stämmige Polizist, der in lässiger Haltung neben dem stark abgenutzt wirkenden Einsatzwagen verharrte – einem silbernen VW Passat mit blauer Folienbeklebung, auf dessen Dach ein Blaulicht nervös flackerte. Das blaue Licht war so grell, dass der vor ihm auf dem Boden kauernde junge Mann die Augen leicht zukneifen musste, um nicht geblendet zu werden.

Blaulicht

PK Ingo Kotschmarski hatte seine dienstlichen Aufgaben bislang stets ohne größere Probleme und meist zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erledigt. Mal abgesehen von den üblichen Kabbeleien, falschen Beschuldigungen und unbegründeten Anzeigen, denen man im Polizeidienst in einer heruntergekommenen Großstadt wie Berlin nicht entgehen kann. Niemand hatte mehr sonderlich viel Respekt vor der Polizei. Wer sich damit nicht abfinden konnte, ging sowieso früher oder später freiwillig. In seinem bisherigen Berufsleben hatte er es dennoch ganz gut getroffen, wenn er es recht bedachte. In finanzieller Hinsicht ging es ihm relativ gut. Nicht wirklich doppelplusgut, aber immer noch besser als all den gescheiterten Existenzen, mit denen man sich Tag für Tag auf den düsteren Straßen von Marzahn-Hellersdorf herumschlagen musste. Als Beamter war man wenigstens abgesichert, das war ihm immer schon wichtig gewesen, und Andere waren schließlich weitaus schlimmer dran als er. Wenn er da an einige seiner ehemaligen Schulkameraden dachte, wie zum Beispiel den Markus Klingental, ihren einstigen Klassenstreber, der sich damals mit seinem Einser-Abi und seinen Weibergeschichten für was Besseres gehalten hatte… Irgendwann hatte er den sogar mal in Berlin wiedergetroffen: aufgedunsene Visage, langhaarig, unrasiert, total versifft, Studium offenbar geschmissen oder nie abgeschlossen und aushilfsweise als Taxifahrer unterwegs gewesen. Der Typ hatte die Kreuzung an der Greifswalder Straße bei Dunkelrot überfahren und war von seinem zivilen Einsatzfahrzeug gestoppt worden. Hatte sich noch unterwürfig bei ihm dafür bedankt, dass er ihn ohne Strafmandat weiterfahren ließ. Normalerweise hätte man ihm sofort seinen Fleppen abnehmen müssen. Aus reinem Mitleid hatte er ihn vom Haken gelassen. Gnadenhalber wegen der alten Zeiten, wie er sagte. Was für ein jämmerlicher Wichser, hatte er noch gedacht. So ändern sich die Zeiten. In Erinnerung an dieses kurze Aufeinandertreffen, das ihn für alle Demütigungen und Kränkungen aus seiner Schulzeit entschädigt hatte, umspielte ein leichtes Lächeln Kotschmarskis rissige Lippen. Sein leeres und ausdrucksloses graues Gesicht hellte sich merklich auf.

Akademikergesindel war ihm schon immer zuwider gewesen. Versager und Schaumschläger, allesamt zu blöd, einen Eimer Wasser umzutreten, aber über die Polizei meckern. Aber wehe, bei dem Herrn Studienrat wurde eingebrochen oder der Herr Doktor wurde mal auf der Straße von einigen Migranten schief angesehen oder vermöbelt, weil er keine Zigaretten dabei hatte. Dann winselten sie um Hilfe und riefen schleunigst nach der Polizei, auf dass ihr Freund und Helfer sie vor dem Mob beschützen möge.

Im Moment blickte PK Ingo Kotschmarski allerdings etwas konsterniert. Überrascht wäre vielleicht auch der passendere Ausdruck. „Mann, Kotschmarski, musste das sein? Mal wieder nen schlechten Tag erwischt, oder haste deine Pillen nicht genommen?“ Sein Streifenkollege Ulle, einen Kopf größer als er, war sichtlich sauer und schüttelte verärgert den Kopf. Konnte man auch verstehen. Hätte nicht sein müssen. Schon wieder ein unnötiges Vorkommnis, dessen Bereinigung Walter, ihrem Wachleiter einiges an Arbeit abfordern würde. Kotschmarski hatte sich zugegebenermaßen nicht immer ganz so gut unter Kontrolle, wie man es von einem langjährigen und erfahrenen Beamten der Polizeiwache Marzahn II erwarten würde. Manchmal übermannte ihn eben die Wut. Einfach so. Natürlich nur, wenn man ihn blöd anmachte oder ihn unnötigerweise reizte. Dann rastete er aus, so wie eben bei diesem arroganten kahlrasierten Jüngling, der sich in diesen Beziehungsstreit auf offener Straße eingemischt hatte. Faselte etwas von Zivilcourage und dass man nicht wegschauen dürfe. Was für ein gequirlter Schwachsinn! Der Blödmann hatte doch nur alles verschlimmert mit seinem Gequatsche und ein Handgemenge ausgelöst, sah er das denn nicht? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, das wusste man doch. Selbst der einfältigste Waldorfschüler musste doch irgendwann kapieren, dass man sich aus Streitereien heraushielt, die einen nichts angingen. Am besten nicht einmischen und abwarten, bis sich die Streitsüchtigen von selbst beruhigen oder einer am Boden liegt. Ansonsten gingen die Streithähne bei einer Intervention von außen sogleich auf den „edlen Helden“, den eifrigen Streitschlichter, oder die Polizisten los. Insbesondere der Hass auf die Polizei hatte immer die Kraft, das Gesindel zu einen und zu mobilisieren.
Dabei war in diesem Moloch Berlin doch Deeskalation das Gebot der Stunde, so wie es der Wowereit, der Ex-Bürgermeister, auch immer empfohlen hatte. Aber gut. Wer nicht hören wollte,…

Nun, ein Wort hatte das andere gegeben, und plötzlich war sein Tonfa zerbrochen, sein zuverlässiger, robuster Schlagstock, den er immer griffbereit hatte und als überzeugende Argumentationshilfe zu schätzen wusste. Dieser verlieh ihm stets ein Gefühl der Sicherheit, was im Einsatz von unschätzbarem Vorteil sein konnte. Dummerweise war ihm sein Tonfa aber direkt auf dem Hohlschädel dieses Penners zerbrochen, der sich unvorsichtigerweise eingemischt hatte und sich jetzt neben den beiden schwarzen Bruchteilen seines Mehrzweckeinsatzstocks stöhnend auf dem Asphaltboden wand. Die anderen Idioten standen daneben und feixten. Mann, was war der Typ auch so vorlaut gewesen? Hatte er ihn nicht auch „Bulle“ genannt? Es war ja bekannt, dass er auf das B-Wort immer mal etwas allergisch reagierte, da war der Typ eigentlich noch ganz billig davongekommen.
Jetzt kam wieder der ganze Papierkram auf ihn zu. Ingo hasste das. Elendig lange und schwierige Berichte in trockenem Beamtendeutsch waren zu schreiben; Formulare mussten ausgefüllt werden. Ein riesiger bürokratischer Apparat wurde in Gang gesetzt. Und all dies nur, weil ein kleines, wenn auch wichtiges Utensil, ein Ausrüstungsteil zu ersetzen war, sein Schlagstock. Nun ja, ein zerbrochener Schlagstock war zwar eigentlich eine Lappalie, aber schließlich kostete alles das Geld der Steuerzahler, und das Budget der Polizei war nicht gerade hoch…
Warum hatte ihn der Glatzkopf auch nur so provoziert? Bestimmt ein Student, so hochnäsig, wie der sich gegeben hatte. Na, der kassierte auf jeden Fall erstmal eine Anzeige wegen Widerstands und Beamtenbeleidigung.

Aber dieses Materialversagen erschien ihm dennoch seltsam. Vielleicht hatte man sich im Berliner Beschaffungsamt eine mangelhafte Charge der Tonfas andrehen lassen? Er nahm sich vor, dieses Thema irgendwann mal auf einer Versammlung der Polizeigewerkschaft anzusprechen. Der MZE, der Mehrzweckeinsatzstock, wie der Tonfa im Behördendeutsch hieß, bestand schließlich aus ziemlich hartem Material, Polypropylen oder irgendeinem anderen robusten Kunststoff, so dass man sich ohnehin wunderte, wie ein solches Teil im normalen Dienstgebrauch überhaupt hatte zerbrechen können. Andererseits war es auch immer wieder erstaunlich zu sehen, wie widerstandsfähig eine menschliche Schädeldecke sein konnte. Faszinierend, dass der ungeschützte Schädel eines Zivilisten problemlos der Wucht eines Schlagstockhiebs standhalten konnte. Wunder der Evolution, dachte Kotschmarski leicht amüsiert und erinnerte sich dunkel an eine Fernseh-Doku über Primatenschädel und Neandertaler, die er vor einiger Zeit auf n-tv oder N24 gesehen hatte.
Im Nachhinein konnte er sich gar nicht so recht daran erinnern, wie heftig er zugeschlagen hatte, kam ihm in den Sinn. Hmm, der Typ blutete zwar am Kopf aus zwei Platzwunden, war aber ansonsten bei Bewusstsein und würde sicher keine dauerhaften mentalen Beeinträchtigungen erleiden, die er nicht schon vorher gehabt hatte. Also nochmal gut gegangen.
Im offiziellen Einsatzbericht würde es natürlich heißen, ein streitsüchtiger Bürger sei ausgerutscht, woraufhin der Polizeibeamte im Eifer des Gesprächs versehentlich ein- oder zweimal den Kopf des Passanten mit seinem Mehrzweckeinsatzstock gestreift habe, als er ihm unter die Arme greifen und ihn stützen wollte. Hörte sich zwar etwas seltsam an, wenn man mal nüchtern drüber nachdachte, aber irgendeine ähnlich gestelzt klingende Formulierung würde ihm sein Wachleiter schon in die Tastatur diktieren. Danach nochmal die Aussage mit den Kollegen abstimmen, damit es halbwegs stimmig und glaubwürdig wirkte, und die Sache wäre geritzt. Derartige Missverständnisse oder Versehen wurden zwar hier in Berlin nicht ganz so locker gehandhabt wie bei den Kollegen in Bayern, aber dennoch musste einem Polizisten nicht Bange sein. Man verkörperte schließlich die Staatsmacht, und wo gehobelt wurde… Schwamm drüber!
Abrupt unterbrach Kotschmarski seinen Gedankengang.

„Ach, reg dich nicht künstlich auf“, entgegnete er zu seinem Kollegen gewandt. „Der Bürger hat sich eben den Kopf gestoßen. Ruf gleich mal vorsorglich nen Krankenwagen, Ulle. Das übliche Prozedere. Erstmal nen Alkoholtest.“ An den vor ihm zusammengekauerten Verletzten gerichtet, jetzt aber mit strenger Stimme: „Können Sie sich ausweisen? Personalausweis, bitte! Haben Sie getrunken oder Drogen konsumiert?“


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