Das Fest

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Vor dem Einsteigen zog Chucky seine schwarze Feelgood-Jacke aus und warf sie achtlos auf den Beifahrersitz. Er bereute es schon fast, für den heutigen Besuch keine besser geeignete Oberbekleidung, sondern diese nagelneue Jack Wolfskin-Veloursjacke gewählt zu haben, an der man jeden Spritzer sehen konnte. Vielleicht hätte er heute früh besser zu einer abwaschbaren Wachsjacke, seiner guten alten Barbour-Jacke gegriffen, einem der letzten Überbleibsel aus besseren Zeiten. Die hatte er sich damals noch als BWL-Student geleistet, um mit den Anderen aus der Juraclique und seinen spießigen Kommilitonen mithalten zu können. Genauer gesagt, er hätte sie sich leisten können, wenn er nicht vergessen hätte, das gute Stück zu bezahlen. In seiner Erinnerung spürte er noch den Nervenkitzel, das Kribbeln im Bauch, die Erregung, die ihn gepackt hatte, als dieser übereifrige Hausdetektiv im KaDeWe auf ihn aufmerksam geworden war. Der Typ hatte ihn dann doch tatsächlich noch bis zur nächsten Ecke verfolgt. Nur halbherzig natürlich, die faule Sau kam nämlich nicht weiter als bis zur nächsten Bordsteinkante, das muss die Passauer Straße gewesen sein, wo er schwer atmend haltgemacht und sich erstmal eine Zigarette angesteckt hatte.

In dem dichten Gewimmel in Kudammnähe hätte er Chucky sowieso schnell aus den Augen verloren, der ihn aus sicherer Deckung des Imbissstandes noch eine Zeitlang beobachtet hatte. Besonders motiviert hatte der vertrottelte Kaufhausbüttel jedenfalls nicht gewirkt. Warum auch? Als Angestellter bekam er keine Kopfprämie, wenn er Diebstähle verhinderte; er musste also kein unnötiges Risiko eingehen, der elende Lakai. Geklaute Sachen konnten die Kaufhausbonzen eh von der Steuer abschreiben. Wurde unter Inventurdifferenzen verbucht. So nannte man das. Hatte ihm mal dieser schwule Steuerberater gesteckt, der sich damals immer im Unikellercafé herumgedrückt hatte. Diebstahl wurde bis zu einer bestimmten Höhe anerkannt, 3 oder 5 % vom Bruttowarenwert oder in begründeten Fällen noch höher. So einfach war das. Da tat man den Unternehmern doch was Gutes, wenn man ihnen half, Steuern zu sparen und diesen Freibetrag auszuschöpfen. So verhinderte man auch, dass der Staat Schindluder trieb mit der Steuerknete, etwa Waffen kaufte, milliardenteure Geisterflughäfen baute oder ähnlichen Blödsinn anstellte, über den sich jetzt schon keiner mehr aufregte, seit sie zur neuen Normalität geworden waren. Wer da noch Mondpreise für irgendwas bezahlte, wär schön blöd gewesen. Noch dazu für überteuerte Markenklamotten, die von glücklichen Sklaven in China oder Bangladesh hergestellt wurden. Ehrlicher war’s doch, man nahm sich, was man wollte, wenn man konnte, wie man wollte. Jedem nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten. Da war man gewissermaßen auch Vorreiter in Sachen Sparsamkeit gewesen. Sparsamkeit hatte ja auch was mit Nachhaltigkeit zu tun, wie man wusste, und Nachhaltigkeit war Trumpf. Überteuerte Preise bezahlen war für Pussys und Weicheier, für all die stumpfsinnigen Volltrottel und Schafe, die in zunehmender Zahl die Stadt, die Straßen, S- und U-Bahnen bevölkerten. Dabei hatte es doch immer geheißen, dass dieses Volk aussterben würde? So ein darwinmäßiges Ding eben. Na, da konnte man mal wieder sehen, wie man von dem Politgesindel belogen wurde. Zahlungsverweigerung war da quasi ein legitimer Akt des Widerstandes. Seltsam aus heutiger Sicht, aber so dachte man eben damals. War ohnehin alles eine Frage des Blickwinkels. Immer. Der Weg war das Ziel, und der Weg lag im Dunkeln.

Chucky verzog nun angewidert das Gesicht. Na egal. Wäre aber heute eigentlich ein passender Anlass gewesen, sich mal wieder in Schale zu werfen, nahm er den ursprünglichen gedanklichen Faden wieder auf. Andererseits hatte er sich auch etwas geniert. Man musste nicht unbedingt wegen einer olivfarbenen Barbour-Jacke für den Schnösel gehalten werden, der man war. Obwohl die Barbour-Jacke natürlich farblich besser zu dem Plastiksack gepasst hätte, stellte er nüchtern fest.
Chucky hasste es aufzufallen. Mit einer Jack Wolfskin-Jacke fiel man nirgendwo auf. Die trug mittlerweile jeder Einkaufswagenschieber beim Kaufland. Längst verblichen, die Exklusivität dieser einst legendären Outdoor-Marke.
Einige Arbeitskollegen, die sich irrigerweise oder wider besseres Wissen als seine Freunde sahen, hatten ihn, Chucky, zum diesjährigen Fest eingeladen. Lecker essen und einen ruhigen, besinnlichen Abend verbringen. Heilige Scheiße. Leckeres Essen und Besinnlichkeit – genau das, was er gebraucht hatte. Man könnte jetzt noch kotzen. Diese zur Schau gestellte Selbstzufriedenheit der debilen Hackfressen. Sie hatten es nicht verstehen wollen. Diese Larven, wie sie regungslos da gesessen und ihn starr vor Schrecken angeglotzt hatten. Keinerlei Reflexe.
Chucky erinnerte sich ungern an den ungenießbaren Fraß, den Mutter in seiner Kindheit immer an Sonn- und Feiertagen aufgetischt hatte. Sie konnte ums Verrecken nicht kochen. Hatte es nur gut gemeint, natürlich. Alle hatten es gut gemeint. Sie trugen keine Schuld. Überhaupt niemand hatte Schuld an irgendwas.
Chuck hasste seinen Namen. In der Schule hatte man ihn in den unteren Klassen manchmal mit seinem Namen gehänselt. Chucky, die Mörderpuppe – was auch sonst? Diese Assoziation drängte sich nun mal regelrecht auf. Er hatte seine Eltern oft dafür gescholten, genauer gesagt seine Mutter, die sich natürlich bei der Namensgebung durchgesetzt hatte. Solange er denken konnte, hatte Mutter immer die Pantoffeln angehabt. Oder die Hosen, was auch immer. Nach einem gewissen Chuck Harris oder Morris hatte sie ihn benannt, für den sie mal in den 60ern geschwärmt hatte. Ein Idol aus einem analogen Zeitalter, in dem die Welt schwarzweiß, aber ansonsten in Ordnung gewesen sein soll, wenn man dem Gerede der Alten glauben mochte. Aber die Alten redeten viel, wenn der Tag lang war. Das wusste man. Schwätzer, die sich ihre Lebenslügen zurechtzimmerten, bevor sie abtraten, abtreten mussten. Früher oder später mussten sie das alle. Wie auch immer, angeblich sei der besagte Chuck, oder wie auch immer sein Namensgeber hieß, ein bekannter Skispringer oder Langläufer oder was auch immer gewesen. Irgendein Sportkasper jedenfalls, den heute natürlich kein Schwein mehr kannte. Der war vergessen und wahrscheinlich längst vermodert. Vielleicht hatte er auch nie existiert, wer wusste das schon. Niemand wusste irgendwas. Na ja, daher kam einem bei seinem Namen unwillkürlich diese lächerliche Mörderpuppe in den Sinn, eben der Chucky aus der gleichnamigen Horrorfilmserie.

Der echte Chuck hingegen liebte die Menschen. Trotz gelegentlicher misanthropischer Anwandlungen, die ihm nachgesagt wurden, war er im Grunde ein wahrer Menschenfreund. Das innere Wesen des Menschen war wunderbar, göttlich, engelsgleich, daran bestand kein Zweifel. Das Problem war nur, dass man dieses wunderbare innere Wesen normalerweise nicht wahrnehmen konnte. Die Hülle war das Problem. Denn allzu oft verbarg sich der engelsweiche Kern hinter einer rauen harten Schale. Den weichen Kern musste man erst freilegen. Nur dann vernahm man manchmal diesen herrlichen Klang, glockenhell und klar, wie eine Offenbarung. Die Köpfe all der armen Menschen waren diese Glocken, die man zum Schwingen bringen musste, um diesen Klang zu erzeugen. Ohne geeigneten Klöppel ging das nicht. Wohltönende Resonanzen erzeugen, nur darauf kam es an. Nicht immer gelang dies freilich …
Chucky seufzte und legte die mit einem olivgrünen Plastikmüllsack umwickelte Axt hinter den Vordersitz. Säubern konnte er sie später. Der glatte Holzstiel lag immer gut in der Hand. Bestes Hickory-Holz, glatt, widerstandsfähig, erstaunlich hart und schlagfest. Dann stieg er in seinen schwarzen Audi mit den dunkel getönten Scheiben und ließ den Motor an. Vorsprung durch Technik. Der Wagen sprang sofort an. Wie immer fühlte er sich danach erlöst. Er liebte den verlässlich brubbelnden Klang dieses hubraumstarken Motors. Hubraum war tatsächlich durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Hubraum. Die Straßen waren heute frei. Alles war so friedlich. Vielleicht sollte er doch noch einen passenden Baum suchen.

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3 Antworten auf Das Fest

  1. DarkLord sagt:

    Find ich klasse. Man kann sich alles hineindenken, was man mag. Das Gemetzel, nicht ausgesprochen, nur angedeutet – herrlich. Mag ich. Stellt sich mir nur die Frage, wie viel von Dir da drin steckt ;)

    • Max sagt:

      Ja, genau das ist es; diese Wirkung wollte ich erreichen. Nur angedeutet und mehrdeutig, so war es auch gemeint. Dank dir fürs Lesen. ;-)

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