Dem Volk aufs Maul…

Zu Zeiten Karls des Großen residierte in Bagdad der märchenhafte Kalif Harun al-Raschid, der über ein riesiges Weltreich herrschte.

Wenn der Kalif wissen wollte, wie seine Untertanen über ihn und seine Herrschaft dachten, soll er einfache Kleidung angelegt und unerkannt, als Händler getarnt, seinen prunkvollen Palast verlassen haben – so ist es in den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht überliefert.

Das, was der weise Kalif Harun al-Raschid (Aaron der Gerechte) seinerzeit auf seinen ausgedehnten heimlichen Streifzügen durch Bagdad sah und in Gesprächen mit Menschen aus dem einfachen Volk erfuhr, half ihm, ein gerechterer und gütigerer Herrscher zu werden.

Etwas Ähnliches muss wohl auch Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg im Sinn gehabt haben, als er beschloss oder besser gesagt, als ihm seine Wahlkampfstrategen vorschlugen, als Taxifahrer getarnt durch Oslo zu rollen, um mit seinem Wahlvolk auf Tuchfühlung zu gehen und sich als menschennaher, volksverbundener Politiker zu präsentieren.

Ein durchaus origineller und witziger PR-Gag, der, wie ich meine, die für Skandinavien wohl typische, engere Beziehung der Menschen zu ihren Politikern auf nette Weise illustriert. Im Internet kann man sehen, wie der sympathisch wirkende Stoltenberg mit seinen Fahrgästen scherzt und ungezwungen über politische Themen diskutiert.

Die Fahrkünste Stoltenbergs wurden übrigens stark kritisiert, was für einen Politiker, der sich seit vielen Jahren von seinem Fahrdienst chauffieren lässt, nicht verwunderlich ist.

Kann man sich eine Angela Merkel oder einen Peer Steinbrück in einer solchen Rolle vorstellen, vorausgesetzt, sie hätten einen Führerschein oder gar einen P-Schein? Wohl kaum.
Routinierte deutsche Spitzenpolitiker wirken auf mich steif, abgehoben und unaufrichtig. Können sie überhaupt anders als in sinnentleerten, plastikartigen Worthülsen reden oder – im Falle von Steinbrück – auch patzig wirken und pöbeln? Jedenfalls für mich kaum vorstellbar, dass sie sich als „normale Menschen“ verkleiden oder als Berufstätige maskieren würden und sich ohne Personenschutz auf die Straßen trauen könnten, um mit Bürgern ein offenes Gespräch zu suchen.

Man verlässt sich hier lieber auf penibel durchgeplante Kaffeekränzchen mit handverlesenem Publikum, Jubelveranstaltungen mit Claqueuren oder Laiendarstellern aus dem eigenen Parteivolk und auf optimierte Umfragen der parteinahen Meinungsforschungsinstitute.

Nein, unsere Demokraten müssen dem Volk nicht mehr aufs Maul schauen. Dieses Stadium der Demokratie haben wir schon hinter uns.
Bestenfalls kann man von Frau Merkel einen Auftritt in ihrer Lieblingsrolle als Oberlehrerin erwarten, wie auch gestern an einem Berliner Gymnasium, an dem sie ein einstündiges Gastspiel als Vertretungslehrerin für Geschichte gegeben haben soll.

Leider ist nicht bekannt, ob Frau Merkel eigene Erkenntnisse aus ihrer DDR-Zeit in den vermittelten Lehrinhalt hat einfließen lassen. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, was sie denn aus Anlass des 52. Jahrestages der Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls den jungen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen (ja ja, so viel Zeit muss sein) zu berichten hatte. Und überhaupt, was mag sie den Schülern (ja, und den Schülerinnen) wohl erzählt haben – über das Leben, das Universum und den ganzen Rest? Ich werde es wohl nie erfahren… Sehr bedauerlich.

Der einzige „Whistleblower“, der mit einem mutigen Twitter-Tweet aus der gut abgeschirmten Lehranstalt nach außen drang, wusste zu berichten, dass Frau Merkel ganz schön kleine Füße habe.
Aber was wollte uns der vorlaute Twitterer damit sagen? Vielleicht dies: Jede gute Hausfrau weiß, dass auch und gerade kleine Füße ganz schön viel Dreck hinterlassen können …

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