Die Hard

Es war an einem dieser warmen Nachmittage im Spätsommer vor vielen Jahren – damals muss ich wohl in der ersten oder zweiten Klasse gewesen sein. Mit einem Schulfreund und dessen Oma, die uns wie eine Glucke folgte, waren wir auf dem Heimweg vom Freibad. Unsere wie immer schlecht aufgepumpten Räder rollten schwer und schienen am heißen Asphalt zu kleben. Wir fühlten uns träge und schlaff. Ich spürte eine angenehme Schläfrigkeit, die einen an lauen Sommernachmittagen befällt, wenn man ausgepowert ist. Die Glieder werden müde, man denkt erstmal an nichts, kommt dann ins Träumen, gestattet sich, kurz die Augen zu schließen, und flugs ist man eingedöst. Sekundenschlaf ist eine gefährliche Sache, Mädels. Ja, auf der langen staubigen Straße, die wie eine Zielgerade zu unserem langen grauen Häuserblock führte, bin ich während der Fahrt auf dem Fahrrad eingenickt.

So richtig kam ich erst zu mir, als ich auf der warmen Asphaltoberfläche aufschlug. Wo zur Hölle war ich? Eben noch hatte ich geträumt, dass ich auf der Gegenfahrbahn, der anderen Straßenseite frontal gegen ein parkendes Auto fuhr und mich mit angeborener Eleganz über dessen Motorhaube abrollen ließ. Nur, dass es tatsächlich passiert war. Keine Ahnung warum, aber in meiner Erinnerung sind manche belanglose Begebenheiten so fest eingebrannt, wie die Seriennummer in den Lauf einer Waffe eingeschlagen ist. Als ich auf der Straße lag, rieb ich mir verwundert die Augen. Zum Glück war kaum Verkehr damals. Meine beiden Begleiter schauten etwas besorgt drein. „Ups. Nix passiert“, beeilte ich mich zu versichern. Wäre blöd gewesen, wenn ich eine Acht im Vorderrad gehabt hätte. Aber das von meinem Bruder geborgte Fahrrad hatte zum Glück nichts abbekommen. Ich auch nicht. Nicht mal einen Kratzer. Um das Auto kümmerten wir uns nicht weiter.

Als ich etwa vier Jahre alt war, verlor ich beim Balancieren auf dem Rand eines Springbrunnens das Gleichgewicht und fiel kopfüber in das große Wasserbecken am Bahnhofsvorplatz. Schwimmen konnte ich noch nicht. Ich ruderte oder paddelte wohl irgendwie mit den Armen wie ein junger Hund. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich mich damals dem Ertrinken nah gefühlt hätte. Irgendeine zufällig vorbeikommende Passantin zog mich aus dem Wasser. Triefend nass trottete ich wie ein begossener Pudel nach Hause.

Todesangst verspürte ich auch nicht, als mich Gonzo später einmal minutenlang unter Wasser drückte. Gonzo war der große Bruder eines Schulfreundes, der sich immer mal ein Späßchen mit uns Kindern erlaubte. Gonzo war ein ziemlicher Rabauke, viel älter und klar stärker als wir. Man hatte ihn als sportliches Talent entdeckt und als Hammerwerfer zur KJS delegiert, nach einem Jahr jedoch zurück an unsere Provinzschule geschickt, weil er angeblich einem Trainer die Fresse poliert hatte, so erzählte man sich.
„Nicht totzukriegen, der Bengel“, murmelte Gonzo, als mein Kopf wieder an der Wasseroberfläche auftauchte, ohne dass ich das Bewusstsein verloren hatte. Na gut, etwas außer Atem war ich schon.
Als ich einmal barfuß mit Freunden in den geheimnisvollen unaufgeräumten Ecken des Freibads herumtollte, schnitt ich mir meine Fußsohlen an Scherben auf, die damals überall in den Büschen herumlagen. Einige Liter Blut tränkten den kargen Altmarkboden und markierten meine Spur bis nach Hause.

Als Kind war ich neugierig und oft unvorsichtig. Ich war ein Kind, das unbedingt mit den Fingern auf jedes heiße Bügeleisen patschen, die Hand auf jede Herdplatte legen, das Bein an ein rauchendes Auspuffrohr halten und den Kopf tief in die Waschmaschine stecken musste. Eines von den Kindern, die alle unguten Erfahrungen selbst machen müssen. Ich musste alles anfassen, an jedem Hebel ziehen, auf jeden Knopf drücken und alles ausprobieren. Da war dieser unwiderstehliche Drang. Ich wollte wissen, wie es ist. Selbst wenn ich die Gefahr ahnte, zog sie mich an.

Einmal in den Ferien bei Großvater im Garten nahm ich gierig vor Durst einen tiefen Schluck aus einer braunen Brauseflasche. Die in der süßen Brühe schwimmende Wespe bemerkte ich erst, als mich der stechende Schmerz im Mund wie ein Keulenschlag traf. Ich erinnere mich, dass dieser Schmerz eine bislang ungekannte Intensität annahm und mich aufschreien ließ wie eine Heulboje. Aber irgendwann ließ auch dieser Schmerz nach.

Aus irgendeinem Grund fiel mir einmal ein schwerer Pflasterstein aus Beton auf meine Hände. Blutige Angelegenheit. Auf einer Baustelle stürzte ein Gerüst um, auf dem ich gerade herumkletterte. Ich fiel tief, aber landete auf einem Sandhaufen. Ich stürzte auch später noch etliche Male mit dem Fahrrad und auch mit meinem Moped und dann mit dem alten Motorrad mit höherer Geschwindigkeit. Es war irre. In meiner Heimatstadt waren viele Kurven mit dunklen Schlackesteinen und altem Kopfsteinpflaster belegt – bei Feuchtigkeit waren die glänzenden Steine glatt wie Schmierseife. Ich hatte wohl immer Glück. Soweit ich zurückdenke, brach ich mir nie einen Knochen und war nie ernstlich krank. Alles war gut oder heilte irgendwann.

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Message


Bei einem Spaziergang kam ich neulich zufällig auf diese Brücke, die über die Stadtautobahn führt. Es muss am 14. Mai gewesen sein, jedenfalls war’s wohl irgendein christlicher Feiertag, an dem sich alle besaufen. Schon von weitem sah ich diese neonfarbene Schrift auf dem Betonboden. Ich sah die an mich gerichtete Botschaft. Ich blickte mich um. Dann trank ich einen letzten Schluck Red Bull und stellte die schlanke blaue Dose auf dem Boden ab.

Vorsichtig klettere ich aufs Geländer und richte mich auf. Bin nicht mehr ganz so gelenkig, das Training fehlt mir. Ich leide nicht an Höhenangst, doch wenn man im Wind auf einem schmalen Stahlprofil des Brückengeländers steht, erscheint einem die Fahrbahn mit den Fahrzeugen, die von oben wie bunte Matchboxautos aussehen, im tiefsten Schlund des Diesseits zu liegen.

„Spread your wings“, ein alter Song von Queen kommt mir in den Sinn. Früher oft gehört. Wann ist Freddy Mercury gestorben? Ich breite die Arme aus und bin bereit zum Abheben.

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2 Antworten auf Die Hard

  1. Ich überlege immer noch, was ich davon halten soll … Tage später.

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