Einfach nur mitfahren

DSCN4191Er wolle Beifahrer werden, schrieb mal vor vielen Jahren einer meiner Mitschüler, als wir zu Beginn eines Schuljahres unsere Berufswünsche aufschreiben mussten. Beifahrer zu werden, sei sein innigster Wunsch, denn dieser Aufgabe fühle er sich gewachsen. Vorsichtig ausgedrückt, zählte er nicht unbedingt zu den beliebtesten Schülern. War auch keiner der hellsten Köpfe in unserer Klasse, aber zumindest ehrlich, doch das war er. Alle lachten wir, als unser Klassenlehrer die Liste mit den notierten Berufswünschen durchging und dabei wohl irgendeinen spöttischen Kommentar abließ.
Jedenfalls sprach sich die Beifahrergeschichte im Laufe des Tages an der Schule herum, und in der großen Hofpause kamen die älteren Schüler auf dem Schulhof auf uns zu und fragten: „Wo iss’n der Blödmann, der Beifahrer werden will?“

Fanden wir damals irre komisch und irgendwie dämlich. Dabei waren wir eigentlich die Idioten, und der besagte Mitschüler war damals schon Realist. Nur wussten wir das damals noch nicht. Bei heutigem Lichte besehen, war das nämlich gar nicht so ein unsinniger Berufswunsch. Wahrscheinlich könnten sich viele Zeitgenossen glücklich schätzen, wenn sie „nur“ Beifahrer geworden wären oder sein könnten, sofern man dieses im Umfang noch zu präzisierende Tätigkeitsfeld in eine hauptberufliche Tätigkeit überführen könnte. Als ausschließlicher Beifahrer könnte man dann bestimmt bis 75 und sogar noch länger arbeiten. Zumindest, wenn man nicht unbedingt lenken und einparken muss. Ist so ähnlich wie ein Beisitzer. Rentenansprüche werden buchstäblich ersessen. Im Grunde kann man dann so lange jobben, wie man will. Natürlich höchstens so lange, bis man irgendwann den Löffel abgibt. Oder kurz davor. Danach ist freilich Schicht im Schacht.

Mein Opa ist auch mit weit über 85 noch Auto gefahren. Er hatte zwar gelegentlich mal einige Probleme, zuverlässig die Spur zu halten, und da durfte ihm besser kein vorwitziger Radfahrer unerwartet in die Quere kommen. Mein lieber Scholli, was haben die unvorsichtigen Radler geflucht, aber als Beifahrer hätte er durchaus noch eine brauchbare Fachkraft abgegeben. Leider ist er nun schon einige Jahre tot. Beifahrer – ein Beruf mit Zukunft, solange man einen tüchtigen Fahrer neben sich weiß – letzteres zweifellos ein entscheidendes Detail. Der andere Fahrer, also jener, welcher hierzulande links im Auto sitzt, der müsste natürlich ranklotzen. Gas geben, bis die Schwarte kracht. Leistung bringen, um die Rente der im Erlebensfalle glückseligen Wenigen zu finanzieren. Gelebte Solidarität, doch oder? Und all den Zweiflern, die hier sogleich einwenden würden, dass sich das nicht rechne, dass das doch unwirtschaftlich wäre bei dem harten Wettbewerb in der Transportbranche, den niedrigen Frachtpreisen, und überhaupt sei die Thematik viel zu komplex … Ja, all denen möchte ich nur in der mir eigenen diplomatischen Art entgegnen: Maul halten, verfluchte Bedenkenträger, wir machen das jetzt einfach mal so, ich hab das so entschieden, weil es so moralisch richtig ist und ich davon überzeugt bin, dass wir das schaffen … – und ich wette, wenn wir das auf alle Weltbürger, aber erstmal natürlich auf Deutsche umlegen, bis wir eine weltweite Einigung finden, dann kostet das nach meiner Prognose nur den Gegenwert einer Tasse Kaffee oder einer Kugel Eis – vielleicht Vanille- oder Erdbeergeschmack, da hätte ich auch wieder Appetit drauf … aber mal Hand aufs Herz, eine lächerliche Kugel Eis oder eine Tasse dünnen Kaffee, sollte es uns das nicht wert sein, liebe männliche und anders orientierte Freunde und Leser?

Eine (zugegeben etwas) flache Pointe, wenn man so will, die folgt auch noch: Soweit ich von diesem ehemaligen Mitschüler irgendwann hörte, ist der irgendwann nach der Wende Polizist geworden. Hat also Karriere gemacht, wenn man so will. Der könnte mich jederzeit kontrollieren und wegen irgendwas schurigeln oder auch auf ner Demo zusammenknüppeln. Wenn ich demonstrieren täte. Oder würde. Theoretisch gesehen. Aber wer zuletzt lacht, so heißt es ja, den beißen die Hunde …

Heutzutage sollen Schulkinder übrigens bei Befragungen häufig angeben, sie würden mal Hartz4-Empfänger werden (wollen), liest man des Öfteren. Was für Optimisten …

PS: http://schreibnix.blogspot.de/2016/05/ps.html

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5 Antworten auf Einfach nur mitfahren

  1. Dark Lord sagt:

    Lustig, ich kannte mal einen, der wollte Berufsurlauber werden und heute knüppelt er mehr als viele andere ….

  2. Philipp sagt:

    Ich wollte immer Rentner werden als Kind….

    Grüße aus Dresden

    Philipp

  3. Maxx sagt:

    Oder Spießer werden: Wie sagt der Junge zu seinen supercoolen, unspießigen Althippie-Eltern? „Wenn ich groß bin, werde ich mal Spießer.“ Schön wär’s wenn er es noch werden könnte….
    http://www.achgut.com/artikel/abschied_von_der_insel_der_seligen
    Tja, aber wer hatte schon Hippie-Eltern?

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