Entfernte Verwandtschaft – Kommentar

Der Bahnhof der Kuscheltiere ist ja mittlerweile jedem ein Begriff oder? Denke schon. Jedenfalls las ich zufällig vor einigen Tagen auf achgut.com einen interessanten Beitrag, in dem Alexander Meschnig die deutsche Kriegsbegeisterung im Sommer 1914 mit dem stürmischen Willkommensfuror anlässlich der bedingungslosen Grenzöffnung im Herbst 2015 verglich und diesbezüglich einige überlegenswerte Analogien aufzeigte. Weiß gar nicht, wie ich darauf kam. Ach so, der Michael Klonovsky, bei dem ich immer mal gern reinschaue, weil der nicht so lange Texte schreibt und … der hatte also den Beitrag verlinkt, nur daher stieß ich darauf. Na ja, und irgendwie bekam ich das Thema nicht aus dem Kopf, was ja immer ein Indiz dafür ist, dass man da einen anregenden Beitrag gelesen hat, der jedenfalls einen Gedankengang angestoßen hat. Selten genug kommt’s ja vor.
Zum Thema: Oberflächlich gesehen bestehen da vielleicht wirklich einige Ähnlichkeiten zwischen beiden Ereignissen (1914 versus 2015), dachte ich zunächst. Aber dann … Wenn man sich den Text im Einzelnen durchliest, merkt man halt doch, wie weit hergeholt und eben oberflächlich solch ein Vergleich ist. Viele der erwähnten Ähnlichkeiten, so wie beschrieben, sind für sich gesehen schon plausibel, trotzdem halte ich den Vergleich für unpassend bzw. verfehlt. Natürlich kann man historische Ereignisse vergleichen, ohne sie gleichzusetzen, und bestimmte Parallelen aufzeigen. Inwieweit man die Wahl der Vergleichspunkte für fragwürdig hält und ob man geschichtliche Ereignisse (die teils auch noch nicht abgeschlossen sind) und überlieferte massenpsychologische Reaktionen aus völlig verschiedenen Epochen, aus ihrem geschichtlichen Kontext gelöst, miteinander vergleicht, ist egal – man verfolgt natürlich immer eine Intention; man will natürlich Muster aufzeigen, Parallelen und ein Fazit ziehen. Ist legitim.

Aber mein Hauptkritikpunkt: Gab es denn den sprichwörtlichen Willkommenstaumel vom Herbst 2015 überhaupt? Existierte diese uneingeschränkte Euphorie und Begeisterung angesichts der anrollenden Migrantenmassen als gesamtgesellschaftliches Phänomen? Aufgrund meiner Erinnerung bezweifele ich das doch. Ist es (das Eintreffen der Fremden) überhaupt als abgeschlossenes Ereignis zu betrachten (so wie die angebliche Kriegsbegeisterung 1914, die mit der Verabschiedung der Frontsoldaten endete)? Bin da gar nicht so sicher. Geht der Autor nicht den Hauptstrommedien voll auf den Leim, wenn er die fatalistische Akzeptanz und eher von Gleichgültigkeit als Zustimmung geprägte Einstellung der deutschen Bevölkerung rückwirkend als vorbehaltlosen Jubel und überschäumende Begeisterung definiert? Die sogenannte Willkommenskultur selbst war meines Erachtens nur ein medial begründeter und von Interessengruppen aus Eigennutz befeuerter Mythos, eine vorläufige Vermittlungs- und Bewältigungsstrategie. Vordergründig belegen bunte und bewegte Bilder die Legende vom Bahnhof der Kuscheltiere, und die wird auch in den Medien stets neu belebt und aufgewärmt. Aber mal Hand aufs Herz: Wie viele Deutsche waren da 2015 wirklich im kollektiven Jubelmodus gefangen? Wie viele Leute begrüßten die ankommenden Züge/Busse und bewarfen die eintreffenden wehrhaften jungen Männer mit Plüschtieren? Fünfzigtausend, vielleicht auch hunderttausend? Infantilisierte Aktivistinnen, wohlmeinende Pensionäre, Mädchen oder ganze Schulklassen, von ihren Lehrern mit selbst gemalten Transparenten und Stofftieren auf den Bahnsteig beordert? Kasperletheater mit naiven Statistinnen. In weiten Teilen eine organisierte Show, und ich wette, vielen war das auch bewusst. Es war persönlich niemand betroffen (anders als 1914). Die Lasten trugen die Anderen, die Gesellschaft, der Staat. Wie auch immer, es kann sich höchstens um eine verschwindend kleine, aber aktive Minderheit gehandelt haben, der jedoch – und das ist der entscheidende Aspekt – die ungeteilte Aufmerksamkeit in den Medien und Presseorganen zuteil wurde. Die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft verhielt sich angesichts der bedingungslosen Grenzöffnung entweder gleichgültig oder begegnete ihr gar mit Skepsis. Von einer breiten überschwänglichen Begeisterung in der Gesellschaft habe ich zumindest nichts gespürt. Indolenz und Skepsis waren (und sind immer noch) die vorherrschenden Reaktionen. Wenn ich einen (für mich) plausiblen Vergleich ziehen müsste, würde ich andere gedankliche Verknüpfungen herstellen. Mich erinnert nämlich der staatlicherseits geförderte Willkommenszirkus an die Propagandaveranstaltungen, FDJ-Aufmärsche und Parteitage aus DDR-Zeiten. Da hat man auch nur die jubelnden Gesichter in der ersten Reihe und ein Meer aus wehenden Fahnen gesehen, die tags darauf in den Zeitungen abgebildet waren. Eine medial hofierte Minderheit, die breite Unterstützung für das Regime simulierte. Die vielen, vielen Leute, die diesen sinnentleerten, ritualisierten Veranstaltungen fernblieben oder nur unter sanftem Druck und aus konformistischen Gründen mitgelaufen sind, sah man nicht. Minderheiten können tonangebend sein. Minderheiten können das Gesamtbild prägen, und Minderheiten können Kollektive dominieren.
Noch ein Gedanke: Würde ein Vergleich der Ereignisse von 1914 und 2015 nicht letztlich nur darin gipfeln oder dazu beitragen, den Deutschen als Volk (wieder einmal) besonders destruktive Eigenschaften zu attestieren bzw. zu suggerieren, es gäbe da vielleicht eine inhärente charakterliche Eigenschaft der Deutschen, die irrationale massenpsychologische Rauschzustände begünstigen würde, einen vor Gutmenschlichkeit und Hypermoral schäumenden Furor teutonicus, der Europas Kulturen zerstört – so dass daraus nur wieder eine neue, jedoch „positivistische“ deutsche Schuld konstruiert wird?

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