Extraktion

Ich muss geahnt haben, dass sie irgendwann kommen. In heißen Sommernächten habe ich einen besonders leichten Schlaf. Jede knarrende Diele in unserem Heim lässt mich in der Nacht hochschrecken und die Ohren spitzen, egal, wie tief ich geschlummert habe. Das Summen einer mit 550 bis 600 Hertz flügelschlagenden Mücke ist für mich die reinste Folter. Selbst das hauchzarte Flattern einer verirrten Motte kann mich zuweilen um meinen wohlverdienten Schlaf bringen.

Daher war’s auch erstmal nicht verwunderlich, dass mich früh am Morgen einige seltsame Geräusche aus dem Schlaf hochschrecken ließen. Nun ja, ich war zunächst nicht sonderlich alarmiert. Irgendwas ist immer, weiß man ja. Aber diesmal klang es ungefähr so, als würde unsere verärgerte Putzfrau triefend nasse Lappen nacheinander mit Wucht auf den Dielenboden unseres Büros klatschen. Genauer gesagt, unsere ehemalige Putzfrau. Nach einigen unerfreulichen Vorfällen mussten wir sie leider gehen lassen, wie man heutzutage gern euphemistisch sagt.

Ich tat also das, was ich immer nach dem Aufwachen tue. Erstmal nichts. Ich bemühte mich, weiter zu lauschen, ruhig zu bleiben und mich allmählich zu orientieren. Wie so häufig war ich mir nicht sicher, wo genau, an welchem Ort und in welcher räumlichen Lage sich mein Körper befand. Was und wie viel hatte ich am Vorabend getrunken? Meine Augen hatten Mühe, sich an das Halbdunkel im Raum zu gewöhnen. Lichtstrahlen tasteten sich durch die Schlitze der geschlossenen Jalousien, griffen wie spinnenartige Finger nach mir.

Dann eine glockenhelle Stimme. Der Schreck fuhr mir in die müden Knochen. „Schlafmütze! Wach endlich auf! Wir haben eure Botschaft empfangen“, nahm ich wahr – gedanklich, nicht akustisch. Ich hörte nichts, denn die Stimme und die fremde Nachricht waren einfach vorhanden, als hätte man sie in mein Bewusstsein implantiert. Worte, die direkt in meinem Hirn entstanden und sich in mein innerstes Ich hineinschraubten.

Die Lippen der urplötzlich vor meinem Schreibtisch aufgetauchten fremdartigen Gestalt hatten sich dabei nicht bewegt. Trotz seiner androgynen Körperform wusste ich instinktiv, dass das Wesen weiblich war. Sie, also das in einen marineblauen Schutzanzug gehüllte Wesen, hatte erkennbar weibliche Gesichtszüge. In der Morgendämmerung umspielte ein unergründliches Lächeln ihre Lippen, ähnlich dem Gesichtsausdruck der Mona Lisa. Diesem Lächeln hier schien der gleiche dämonische Zauber innezuwohnen, der so manchen Betrachter von Leonardos Meisterwerk in seinen Bann zieht. Wie in einem billigen Science-Fiction-Heftroman, durchfuhr es mich. Lasst euch mal was Besseres einfallen, verfluchte Aliens, dachte ich in einem Anflug von Fatalismus, nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte.

„Häh?“, sagte ich. „Welche Botschaft? Was soll das billige Theater?“ Das Wesen lächelte weiterhin geheimnisvoll. Seine sonore Stimme ließ meinen Hirnstamm erzittern: „Kein Theater und nicht billig. Obwohl meine Anwesenheit auf diesem Exoplaneten zeitlich begrenzt ist, verschlingt selbst dieser kurze Dimensionswechsel enorme Ressourcen des intergalaktischen Gemeinschaftsfonds.“ –  Das Wesen hob die rechte Hand, über der eine strahlend helle regenbogenfarbige Halbkugel erschien.
„Aber es muss sein. Humanoides Exemplar namens Max, sag mir, was soll ich tun, um dich von unserer Existenz und Allmacht zu überzeugen? Ein Beben oder eine Sintflut erzeugen oder vielleicht diesen Turm einstürzen lassen?“ Ihre Hand wies auf die in der Ferne sichtbare Spitze des Fernsehturms am Alexanderplatz, der von meinem Balkon aus bei klarem Wetter sichtbar ist.
„Oder ein Gebäude mit höherer Symbolkraft, ein Ministerium oder euer Parlamentsgebäude? Lässt sich alles einrichten, nur entscheide dich schnell, denn Zeit ist ein kritischer Faktor.“ Das gleißende Licht der Halbkugel blendete mich. Ich rückte instinktiv ein Stück nach hinten an die Wand und schirmte meine Augen notdürftig mit der rechten Hand ab.
„Nee, nee, schon gut“, murmelte ich verstört. Mir wurde etwas mulmig zumute. „Nicht nötig.“
In meinem Kopf erklang ein Geräusch wie ein trockenes Räuspern, das in ein unterdrücktes Kichern mündete. „Das war nur ein Scherz“, nahm ich wahr.

„Okay“, sagte ich langsam und wischte mir die ersten Schweißtropfen von der Stirn. „Aber was ist das für eine ominöse Botschaft, die du meinst? Ich hab’ nix gesendet.“

Die Halbkugel wurde langsam gedimmt und verfärbte sich zu einem halbtransparenten Schwarz, bis im Inneren eine flimmerfreie 3D-Projektion eines Sternenhimmels erschien, aus dem ein einzelner Abschnitt stufenweise vergrößert wurde. Ich kenne mich in Astronomie nicht besonders aus, vermutete aber, dass es sich bei der symbolischen Darstellung um einen fernen Spiralnebel handelte. Die heimatliche Galaxis dieser Wesen? Mit einem Mal verschwand die dunkle Halbkugel wieder.

„Nicht du hast die Informationen gesendet, aber andere Erdlinge. Im Rahmen von Projekten, die ihr SETI und METI nennt, begaben sich eure sogenannten Wissenschaftler auf die Suche nach außerirdischen Zivilisationen. Vor einigen Planetenumläufen – natürlich eurer Zeitrechnung nach – hat man ein Kosmogramm in den tiefen Raum abgestrahlt. Schon vergessen, Subjekt Max? Du hast es doch selbst im Internet kommentiert.“

„Ach das, tja, ja.“ Ich erinnerte mich. Vor einigen Jahren waren einige Wissenschaftler auf die glorreiche Idee gekommen, nicht nur mittels leistungsstarker Radioteleskope nach Spuren extraterrestrischer Zivilisationen zu suchen, sondern selbst aktiv zu werden und eigene Willkommensbotschaften und Informationspakete von der Erde ins All zu senden. Ich war strikt dagegen gewesen und hatte einige umstrittene Artikel und Kommentare zur Untermauerung meiner Position in Blogs verfasst, die auf einschlägigen Plattformen kontrovers diskutiert wurden. Ohne Einfluss oder Macht stand ich jedoch von vornherein auf verlorenem Posten. Wer war ich schon? Ein Niemand. Ich kannte keine wichtigen Leute, war kaum vernetzt, beruflich ein Versager.

Später war man dazu übergangen, umfangreichere Datenpakete mittels energiereicher Infrarot-Laserstrahlen ziellos, quasi als intergalaktischen Spam ins All zu streuen. Schließlich kam man auf die Idee, den gesamten Inhalt des Internet komprimiert in den Weltraum abzustrahlen. Das gesamte zeitgenössische Wissen und kulturelle Erbe der Menschheit würde verschleudert, umsonst weggegeben und damit für alle Zeiten auf dem intergalaktischen Informationsmarkt als potenzielles Tauschmittel entwertet. Ich hatte jedenfalls befürchtet, dass sich die freiwillige Preisgabe unserer gesamten Informationen an fremde Zivilisationen als fataler Fehler erweisen würde und schlimmstenfalls sogar räuberische oder uns feindlich gesinnte Alien-Spezies anlocken könnte. Offenbar hatte also tatsächlich eine fremde Zivilisation diese Daten aufgefangen? Nur was wollten diese Fremden gerade von mir? Würden sie mir einen galaktischen Orden anheften oder mich wie ein seltenes Insekt aufschneiden, ausschlachten, untersuchen? Nee, dazu könnten sie sich auch jeden beliebigen Penner von der Straße greifen.

„Ja, Subjekt Max, eure Signale und Datenpakete wurden tatsächlich von den Sensoren unserer Außenstationen in diesem verlassenen Spiralarm der Milchstraße aufgefangen. Das ist auch der Grund für mein Hiersein. Übrigens brauchst du nicht zu sprechen. Bemühe dich nur, klare Gedanken zu bilden, dich gedanklich auf das zu konzentrieren, was du uns mitteilen möchtest. Eure unterentwickelten Hirne sind zwar nicht mit eigenen telepathischen Fähigkeiten ausgestattet, aber wir können…“ – das Wesen überlegte einen Moment lang – „eure Gedankenstrukturen erfassen wie alte Felszeichnungen oder in euren Hirnen lesen wie in primitiven Kinderbüchern.“
Aha, dachte ich und überlegte, ob ich in den letzten Minuten irgendetwas Verfängliches gedacht hatte.

„Löse dich einfach von deinen archaischen Gedankenstrukturen. Nein, Belohnung oder Bestrafung mögen wirkungsvolle Motivationswerkzeuge sein – für Primaten oder dressierte Tiere. Es wäre aber sinnlos, im Nachhinein derartige Reize anzuwenden, um gewünschte Verhaltensweisen zu erzwingen.“ Ungerührt lächelnd sendete das Wesen weiter: „Auch eine Verwertung eurer Körper oder Organe ist nicht das vorrangige Ziel meiner Anwesenheit. Fleisch und Körperteile von Exemplaren aus Qualzuchten und Käfighaltung zu verwerten, verbietet sich von vornherein. Zugegeben, einige Fleischsorten bestimmter Ethnien mögen zwar schmackhaft sein, sind aber bereits zu stark belastet mit Giftstoffen, Schwermetallen und sonstigen fremden Substanzen. Mittlerweile stellt dieser Genuss für uns ein unkalkulierbares Risiko dar.“

„Nein, wir wollen etwas anderes von dir.“
Ich spitzte gedanklich die Ohren und richtete mich halb im Bett auf.
„Wir benötigen dein Bewusstsein.“

„Verrückt geworden?“, erschrak ich. „Wie soll das gehen? Mein Bewusstsein extrahieren? Oder auf die harte Tour, Kopf aufbohren, Gehirn schockfrosten?“ Trotz meiner strategisch ungünstigen Lage versuchte ich krampfhaft, witzig zu klingen. In ausweglosen Situationen hilft nur noch Humor. Helden fallen, Feiglinge sterben, aber Narren überleben. Manchmal. Wenn sie Glück haben. Ich lotete meine Fluchtmöglichkeiten aus und überschlug meine Erfolgschancen. Sah nicht gut aus. Ich lag im Grunde wehrlos unter meiner Bettdecke und wollte dem Alien auch nicht unbedingt meinen nackten Pimmel zeigen, wenn ich versuchte, aufzuspringen und aus der Wohnung zu flüchten. Seltsam, dachte ich. Das Schamgefühl funktioniert noch.

„Nein, sieht nicht gut aus für dich“, lächelte das Wesen. „Aber falls es dich tröstet, dir wird eine besondere Ehrung zuteil. Dein Wissen, deine Erfahrungen und erlebten Sinneswahrnehmungen, deine philosophischen Erkenntnisse werden bewahrt – zusätzlich zu den Informationen, die wir aus den empfangenen Internetdaten extrahiert haben. All dies wird uns helfen.“

„Wie bitte? Philo was? Da habt ihr euch wohl das falsche Opfer gegriffen. Welche tiefschürfenden Erkenntnisse glaubt man denn, aus meinen Texten rausgelesen zu haben? Meinst du mein Blog, Citronimus.de? Zugegeben, auch wenn’s mir schmeichelt, ich bin nur ein unbedeutender Blogger, der sich ab und zu seinen Frust von der Seele geschrieben hat.“

„Wir irren nie, Meister Max. Jedenfalls nicht in dieser Frage. Es wird dich vielleicht überraschen zu hören, aber deine Artikel und Schriften sind bereits in der gesamten Galaxis bekannt und haben mittlerweile auf den meisten entwickelten Welten große Verbreitung und Anerkennung erfahren. Unergründliche Weisheit spricht aus deinen schriftlich fixierten, digitalisierten Worten. Hunderte Bücher wurden geschrieben, in denen deine Aussagen interpretiert und in andere intergalaktische Kontexte gesetzt wurden. Philosophische Ansätze wurden auf Grundlage deiner Gedanken entwickelt, eine neue intergalaktische Denkschule wurde begründet: die citronimusische Halbweltphilosophie. Insbesondere auf den Planeten der Reptiloidenkulturen ehrt man dich als einen der größten Denker der intelligenten Weichkörperwesen und hat dir den Status eines Meisters des 18. Ranges verliehen. Du kannst es nicht wissen, aber dies ist eine große Ehre für einen terranischen Säuger …“ Eine kurze Pause trat ein, während der ich mir an die Stirn fasste. War ich im falschen Film? Ich konnte nicht wirklich wach sein oder? Auf meiner Stirn stand kalter Schweiß.

„Du genießt gewissermaßen extraterrestrischen Prominentenstatus. Mit dir allein möchten wir euer geistiges Erbe bewahren. Daher wurde beschlossen, dein Bewusstsein zu extrahieren und auf unserer Heimatwelt in einen lauffähigen Klonkörper zu übertragen. Das heißt, wenn gerade einer frei ist. Ist natürlich auch eine Kostenfrage. Wird aber mit deinen Tantiemen problemlos finanzierbar sein. Immerhin waren es deine philosophischen Erkenntnisse, die uns geholfen haben, im galaktischen Rat über eure Existenz zu entscheiden. Wir bemühen uns immer, potenziell gefährliche oder fehlentwickelte Zivilisationen zu verstehen, bevor wir sie exterminieren. Nicht, dass es uns leicht fällt, eine solche Entscheidung …“ Ein tiefes Seufzen war in meinem Hirn zu spüren. Die Fremde wies auf die Glastür,  hinter der ich jetzt verschwommene Bewegungen und gedämpfte Geräusche wahrnahm. „Im Wohnzimmer wird jetzt unsere mobile Bewusstseinsextraktionsanlage aufgebaut. Zunächst müssen wir allerdings deine genaue Körpertemperatur im Rektum messen. Nur aus technischen Gründen. Unser Messgerät hier ist leider etwas groß geraten; versehentlich hat das Team eins von der Welt der Elefantenwesen mitgebracht. Stört dich aber jetzt nicht oder?“ Ich begann zu schreien …

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4 Antworten auf Extraktion

  1. Dark Lord sagt:

    Hehe, der Ruhm, den man nie wollte. Ließe sich mit etwas Rum leichter ertragen …

    Danke für das heutige Lachen ;)

  2. Maxx sagt:

    Oh nee, bei der Hitze bloß keinen Rum.
    Rum brachte Opi um…
    (noch flacher, ich weiß) ;-)

  3. Dark Lord sagt:

    Nerne, dat war Opium,
    Opium brachte Opi um …

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