Festzuhalten

IMG_20170326_165108Eines Tages, irgendwann an einem Wochenende im Frühjahr, will ein Mann zu einem Volksfest fahren, zum Kirschblüten-, Bier- oder Schützenfest. Berliner Straßen- und Volksfeste haben eine lange Tradition. Menschen aller Couleur kommen zusammen, um Spaß zu haben, gemeinsam zu feiern und ihre Ess-, Trink- und Raufkultur (oder so ähnlich) zu pflegen. Da gibt es z. B. diverse Schieß- und Rummelbuden, unterschiedlichste Schausteller, Hau den Lukas, Achterbahn, Autoscooter, Riesenrad, gebratenes Ferkel am Spieß, Zuckerwatte und noch einige andere Attraktionen. Früher, so erinnerte man sich, konnten junge Männer auch noch beim beliebten Zwergenweitwurf ihre Kräfte messen, während daneben eine lustige Zigeunertruppe zum Tanz aufspielte. Das war aber menschenverachtend, darum hat man das abgeschafft. Einige entfreundete Miesmacher sagten, dass jetzt vieles anders sei als früher. Na gut, die Stimmung ist vielleicht nicht mehr ganz so gelöst und entspannt wie in der Vergangenheit. Aber die gute Vergangenheit ist auch nur so ein sozial rückständiges, geistiges Konstrukt von Nostalgikern. Die sterben ja zum Glück auch aus. Und alles was uns lieb und teuer ist, das bleibt uns doch erhalten: die Blockflöte, das (bereinigte) Liederbuch, Peitsche und auch Zuckerbrot. Außerdem standen wir doch immer schon im Krieg gegen Eurasien (oder Ozeanien) bzw. gegen den Terror, der aber auch nur sozioökonomische Ursachen hat. Und schon immer kam die eigentliche Gefahr von anderswo. Man achte auf die Brutkästen. Ja, doch. Man ist jetzt wachsamer, misstrauischer, einige drehen sich vor der Treppe schon mal um, bevor sie runtergehen, zucken bei jedem Knall eines Feuerwerkskörpers zusammen, der gelegentlich mal draußen explodiert. Der goldfarbene Schein des flackernden Feuers, aus der Motorhaube einer Oberklasselimousine heiße rotgelbe Funken schlagend, dann Reifen und Innenraum gierig verschlingend, beißenden Geruch von verbranntem Gummi und Kunststoff der Isolierung verbreitend, ein trauriges schwarzes Metallgerippe hinterlassend – ein Fest für die Sinne, doch die Ästhetik dieser Kunstform erschließt sich ihnen nicht. Primaten mit Smartphones. Aber man hat sich eigentlich dran gewöhnt, auch an den Anblick der Polizisten mit den Maschinenpistolen, obwohl die eigentlich gar keine Sicherheit vermitteln, überlegt der Mann. Die bewaffneten Polizisten verursachen da eher so ein ungutes, flaues Gefühl in der Magengegend. Aber eh, geht es uns nicht gut? Gut geht es uns, saugut, wir haben gerade wieder fließend Wasser, manchmal ist es sogar warm, leicht bräunlich ist es anfangs noch, doch das vergeht; und eine 100%ige Sicherheit gibt’s ja nicht, und auch ein Blitzschlag könnte dich treffen, täglich gibt es mehr Autounfälle als Terrortote, und was ist schon dabei, wenn man in einen Raum mit 80 Leuten drei neue Stühle hineinstellt und dann mal eine Handgranate hinterherwirft? Was soll da bei den Zombies schon noch groß passieren, was nicht schon passiert ist? Und nächstes Jahr wird bestimmt auch der neue Berliner Flughafen fertig. Da können wir noch fixer in die Türkei in Urlaub fliegen, und vielleicht bleiben wir auch länger. Immerhin werden wir da auch nicht an degenerativer Inzucht sterben, wie der Minister Schäuble, der u.a. körperlich beeinträchtigt ist, uns vorsorglich warnte. Inklusivität ist doch Trumpf, und haben wir nicht auch die beste medizinische Versorgung, wie man sieht, um die uns alle Welt beneidet? Da muss uns nicht Bange sein.
Der Mann also, ich will jetzt auch nicht weiter abschweifen, der überlegt nun, wie er dorthin kommt, zu dem Volks- bzw. Menschenfest, also es handelt sich ja um ein Fest der schon länger hier lebenden kulturlosen Gesellen, bei denen bekanntlich jenseits der Sprache keine spezifische Kultur identifizierbar ist. Welches Verkehrsmittel soll dieser kulturlose Zeitgenosse nun nutzen? S- und U-Bahn, Bus, Fahrrad oder das eigene Auto? Letzteres fällt aus, z. B. auch wegen des Klimawandels. Und was soll er zum Fest mitnehmen, welche seiner männlichen oder weiblichen Freundinnen soll er über Facebook zum Mitkommen einladen? Gehen Schwule auch? Er will natürlich Spaß haben, aber er ist auch nicht dumm oder naiv. Besonders klug ist er aber auch nicht, sonst wäre er wohl nicht mehr bei Facebook angemeldet …

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