Frei am Freitag

Ich war heute auf dem Friedhof in meiner alten Heimatstadt. Kostete mich knapp zwei Stunden Autofahrt. Ist nicht weit, aber der Rückweg zieht sich dann immer ewig. Ich hasse die Rückfahrten. Wenn ich zu spät losfahre, werde ich auch manchmal schläfrig. Je nachdem, wie man die Nacht zuvor geschlafen hat. Viele Leute vergessen ja, wenn sie wohin fahren, dass sie auch wieder zurück müssen. Wer irgendwohin fährt, muss auch wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren. Simple Physik. Stell dir vor, du hängst an einem gespannten vollelastischen Gummiband. Dieses lang gezogene Gummiband muss immer wieder in seine Ausgangsform zurückschnellen. So ist es mit den Reisenden auch. Es sei denn, dieses Gummiband reißt gewissermaßen. Dann bleibt man da, wo man ist, oder man kann woanders hin. Na ja, wo war ich gerade?
Ja, die Fahrtzeit ist jedenfalls immer auch abhängig von der Verkehrslage in Berlin. Freitag ist eher ungünstig, aber das war heute egal. Scheiß drauf, sagte ich mir.

Arschkalt war es heute früh in meiner Wohnung; also es ist nicht meine Wohnung, aber jedenfalls da, wo ich wohne. Seit gestern blieb hier und im ganzen Block die Heizung kalt. Warmwasserversorgung war auch komplett ausgefallen. Hatte aber jetzt nichts mit unbezahlten Rechnungen oder Terror und Sabotage und so zu tun, Gott bewahre, all das gibt’s hier gar nicht. Um diesem nachvollziehbaren Einwand vorzugreifen. Es war einfach höhere Gewalt, Force Majeure, so heißt die betreffende Vertragsklausel.
Daher fror ich, und zu allem Überfluss spürte ich noch Anzeichen eines beginnenden Schnupfens. So ein Mist, dachte ich mir. Ich setz mich ins Auto, da hab ich es wenigstens warm. Und warum diesen ohnehin freien Tag nicht nutzen, um mal wieder dem Friedhof in meiner Heimatgemeinde einen Besuch abzustatten? Da liegen auch etliche Leute, die ich kannte. Mein Vater auch. Ich ging dann später am Tag die langen, gut geharkten Wege entlang und schaute mir rechts und links die schwarzen glänzend polierten Grabsteine an. Ich sah viele Namen, die ich kannte oder zu kennen glaubte. An einige erinnerte ich mich sogar noch. Lehrer, Eltern, auch einige ehemalige Mitschüler. Gute Leute, die es nicht verdient hatten. Andere Menschen, deren Zeit gekommen war. Und Leute, die Pech hatten. Oder kein Glück. Aber das will nichts heißen. Es gibt noch massig freie Plätze dort. Seltsames Gefühl. Das, was ich suchte, fand ich aber nicht.

Bei der Gelegenheit schaute ich auch kurz auf einen Sprung bei Mutter vorbei, die im selben Ort wohnt. Danach fuhr ich ziellos durch die mir seit Kindertagen vertraute Gegend und hielt Ausschau nach bekannten Orten oder Gesichtern, die mein Interesse weckten. Vieles hat sich verändert. Als ich genug hatte, machte ich mich auf den Heimweg und gab Gas. Im Auto war es kuschlig warm. Ich hatte die Heizung voll aufgedreht und musste nur gelegentlich niesen. Vielleicht roch es etwas streng. Mit geschwollenen Schleimhäuten reagiere ich manchmal etwas empfindlich auf unangenehme Gerüche. Zwischendurch hielt ich auf einem dieser stillen, dunklen Parkplätze. Ich mag diese kleinen Oasen der Einsamkeit direkt neben der belebten Autobahntrasse. Man kann nur frei sein, wenn man einsam ist.

Ab und zu überholte mich ein schnelleres Auto, oft ein BMW. Auch ich überholte andere Fahrzeuge. Man überholt und wird überholt, so einfach ist das Leben. Heizung und Warmwasser funktionierten abends übrigens wieder. Es ist gut, wenn alles seine Ordnung hat.

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