Guckloch in die Vergangenheit

Nachts, wenn die meisten meiner Mitmenschen den Schlaf der Gerechten schlafen und höchstens noch eingefleischte TV-Junkies oder an nächtliche Computerarbeit gewöhnte Zombies wie ich wach sind, greife ich manchmal zur Fernbedienung und hangele mich durch das Dickicht der ca. 30 bei mir verfügbaren Fernsehkanäle – nur, um mich zu vergewissern, dass ich keine filmischen Sensationen, Katastrophen oder weltbewegenden Geschehnisse verpasse. Regelmäßig bleibe ich dann bei irgendwelchen skurrilen Formaten oder in irgendeiner Hinsicht ungewöhnlichen Sendungen oder Filmen hängen, z. B. bei den etwas bizarr anmutenden filmischen Interviews eines gewissen Alexander Kluge. Eigentlich schalte ich aber nur ein, um abzuschalten. Bekanntlich ist das TV-Nachtprogramm meist von durchwachsener Qualität. Auf nächtlichen Sendeplätzen werden zuweilen recht gute, künstlerisch wertvolle oder systemkritische Sendungen oder Filme versteckt, die keine Quote bringen oder die man nach Ansicht der Programmchefs der Mehrheit des Zuschauervolks nicht zumuten kann. Meist wird aber lediglich preiswert produziertes lückenfüllendes Sendematerial ausgestrahlt. Bei vielen dieser Sendungen handelt es sich um eine Art bewegtes Testbild. So manchen Senderverantwortlichen scheint es vor ziemliche Herausforderungen zu stellen, Tag für Tag ein 24-stündiges Vollprogramm bieten und die Sendezeit auf sinnvolle Weise füllen zu müssen.
Zu den seltsamsten televisionären Einschlafhilfen gehören meiner Ansicht nach die auf einigen dritten Kanälen zu nachtschlafender Zeit gezeigten Wiederholungen der Tagesschau aus dem letzten Jahrtausend: Pro Tag wird jeweils ein Originalbeitrag der Tageschau von 1994 oder 1989 gezeigt. Weiter als 25 Jahre geht man zurzeit nicht zurück. Ein argwöhnischer Geist könnte vermuten, dass man Ost- oder Nostalgikern, die sich die gute alte Zeit der 80er Jahre zurückwünschen könnten, keinen Nährboden bieten möchte. Die „Tageschau vor 30 Jahren“ und das entsprechende Ost-Pendant „Aktuelle Kamera“ wurden bis vor einigen Jahren ebenfalls ausgestrahlt, dann jedoch eingestellt. Vielleicht dachte man, je weiter man in der Zeit zurückginge, desto schwieriger sei es, dem heutigen Zuschauer den erreichten sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Fortschritt zu verdeutlichen oder ihm klar- bzw. weiszumachen, wie gut es ihm, verglichen mit damals, doch jetzt gehe. Mitunter ist es dann hilfreich, den nebligen grauen Schleier über dem Spiegel der jüngeren Geschichte nicht zu lüften.

Natürlich ist das Quatsch (oder auch nicht, wer weiß das schon). Höchstwahrscheinlich interessieren die verstaubten Nachrichten sowieso niemanden. So reizlos wie der sprichwörtliche Sack Reis oder benutztes Toilettenpapier. Man kann derlei gesendete alte Nachrichtenkonserven schlicht und ergreifend als entlarvendes Kennzeichen eines einfalls- und inspirationslosen Rundfunkbeamtentums deuten. Ich kann mich noch gut erinnern, dass man früher auf einem dritten Kanal hier im Berliner oder Brandenburger Raum ein Aquarium mit gelangweilt herumschwimmenden Goldfischen zeigte oder auch die legendären und sehenswerten Zug- oder S-Bahnfahrten durch die mitteldeutsche Landschaft, direkt aus dem Führerhaus aufgenommen, die es dann auch auf Video zu kaufen gab.

Für Sender, die möglichst ohne Zusatzkosten ihre Sendezeit füllen müssen, sich zugleich jedoch auch an einen staatlichen Informations- oder Grundversorgungsauftrag gebunden fühlen, ist es naheliegend, die Konserven mit den alten ÖR-Nachrichten und staatstragenden Kommentaren aus den letzten Jahrzehnten abzuspulen. Da erlebt man auch keine bösen Überraschungen. Was natürlich nur im Sinne der geschichtlich interessierten oder der jüngeren Zuschauer ist, die anhand der alten staatlichen Nachrichten ein total umfassendes und uneingeschränkt objektives Bild der Vergangenheit vermittelt bekommen. Selbstverständlich ist es ein Fenster in die Vergangenheit, aber eben nur ein winzig kleines Guckloch, durch das eine selektive und gefilterte Momentaufnahme sichtbar wird.
Als ich neulich nachts zufällig auf diese informationellen Relikte stieß und eine Tageschau von 1994 sah, wurde mir etwas bewusst, dessen Erkenntniswert oder Informationsgehalt so simpel ist, dass es, wie ich selbstkritisch anmerken muss, den Aufwand des Niederschreibens eigentlich nicht wirklich rechtfertigt:
Zeit fließt sehr langsam, viel langsamer, als man gemeinhin denkt. In 20 oder 25 Jahren hat sich streng genommen fast nichts auf der Welt verändert, jedenfalls nicht zum Guten. Die Frisuren haben sich verändert, aber die Köpfe sind dieselben geblieben. Die Namen der „üblen“ Verdächtigen, Bösewichter und sonstigen politischen Akteure wechseln, neue Konflikte und Krisen lösen alte ab, aber sonst?
Ja, manche Details ändern sich, aber im Großen und Ganzen bleibt alles so, wie es ist. Hätte man sich im Jahre 1994 die Welt des Jahres 2014 so vorgestellt, wie sie sich dem in das aktuelle Geschehen eingebetteten Beobachter heute darbietet? Mit Sicherheit nicht.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir in der Schule irgendwann Ende der 70er oder zu Beginn der 80er Jahre einen Aufsatz über die Welt im fernen Jahr 2000 schreiben mussten. Ich weiß ehrlich nicht mehr, was ich damals mit meinen ungelenken Fingern geschrieben habe, ob ich futuristische Träumereien von einer technisch hochentwickelten Zivilisation oder sozialistische Zukunftsvisionen auf liniertes Schreibpapier gebannt habe… Wahrscheinlich habe ich in dümmlich-floskelhaften Formulierungen in etwa das geschrieben, was alle geschrieben haben, das, was unsere Lehrer lesen wollten. Oder das, von dem wir glaubten, dass sie es erwarteten. Ich weiß aber noch, dass ich nachrechnete, wie alt ich denn im Jahr 2000 sein würde, und dass ich überlegte, ob ich diese ferne Zeit überhaupt erleben werde. Jedes menschliche Alter über 30 schien uns nach damaliger Vorstellung natürlich uralt.
Die Zukunft von damals ist jetzt längst Vergangenheit, und trotzdem hat sich doch erstaunlich wenig verändert. Erschreckend wenig. Und das Wenige, was anders ist, hat sich nicht unbedingt zum Positiven verändert, mal abgesehen von dem entbehrlichen technischen Schnickschnack, an den man sich gewöhnt hat. Woran liegt das? Vielleicht liegt es daran, dass ich derselbe Mensch geblieben bin? Jeder möchte natürlich glauben, dass man sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, zu einem anderen Menschen, einem besseren Wesen, aber seien wir ehrlich: Das ist eher nicht der Fall. Menschen ändern sich nicht. Und da sich die meisten Menschen über den Zeitraum einer halben Generation nicht oder nicht wesentlich verändern, wird auch in der Welt alles beim Alten bleiben. Mehr oder weniger jedenfalls…

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3 Antworten auf Guckloch in die Vergangenheit

  1. Dem stimme ich zu. Wenn man gedanklich einmal zurückreist, ausser nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes ist seit Ende des zweiten Weltkrieges nichts mehr passiert. Nicht bahnbrechendes, was auf eine gesunde Entwicklung der Menschheit schließen würde.

  2. mig sagt:

    scheiße, du hast wieder einmal so recht ;-) zitronigen gruß

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