Guten Morgen, Herr S.

„Blob, blub, bloblob.“
Das große halbdunkle Schlafzimmer mit den hellen Wänden wurde von blubbernden und ploppenden Geräuschen erfüllt, deren Lautstärke sich allmählich steigerte.
Dieser künstlich erzeugte Weckton sei platzenden Lavablasen in einem heißen Strom flüssigen Vulkangesteins nachempfunden und werde morgens seine Lebensgeister wecken – mit diesen Worten hatte ihm einst der geckenhafte Work Life Balance-Berater seiner Exfrau diesen sündhaft teuren Designerwecker aufgeschwatzt. Die blubbernde Geräuschkulisse werde ihn mental stärken und beruhigend wirken, hatte der Typ wie aufgezogen weitergeschwatzt und gestikuliert, bis er ihm, um ihn endlich loszuwerden, seinen Designer-Blubberwecker abgekauft hatte.

Leider erzielte der avantgardistische Weckton bei ihm nicht den versprochenen und gewünschten Effekt, was übrigens auch auf alle anderen akustischen Muntermacher zutraf, die er zuvor schon ausprobiert hatte. Die Blubbergeräusche machten ihn meist gleich wieder schläfrig oder gar missmutig, wenn er nicht unverzüglich in den Radio- bzw. Musikmodus schaltete. Aber gute Musik musste es sein, nicht dieses nervtötende Gequatsche, unterbrochen durch freudloses Gelächter drittklassiger Berliner Radiomoderatoren, die über ihre eigenen schlüpfrigen Witze lachten und sich an jedem neuen trüben Morgen vergeblich darum bemühten, Munterkeit zu verbreiten und ihre Hörerschaft zu bespaßen…

Als waschechter Morgenmuffel, der er eben war, blieb er nach dem Aufwachen meist noch eine Weile liegen, bevor er sich endlich aufraffen konnte, die Beine aus dem Bett zu hieven und die nötige Kraft für einen neuen schweren Tag im Dienste von Partei und Wählerschaft zu sammeln. Nein, das frühe Aufstehen war keine einfache Aufgabe für ihn, Peter Stahlmotz, den amtierenden Kanzlerkandidaten der zentraldemokratischen Partei.

Im Moment hatte er seinen Kopf noch tief in die beiden flauschigen Kissen vergraben, so dass nur sein Hinterkopf mit dem lichten, grauen Haarschopf zwischen den Kissenzipfeln hervorragte. Mit einem kaum hörbaren Fluch auf den Lippen drehte er nun den Kopf und blinzelte verdrießlich in den neuen Tag. Er verspürte noch leichte Kopfschmerzen und ein unangenehmes Schwindelgefühl.

Gestern war es schließlich doch noch später geworden als gedacht, da man nach dem internen Casting für die weibliche Rolle in seinem Kompetenzteam mit den Genossen der Parteiführung noch einige gute Flaschen Bier und einige kräftigere Drinks an der Bar geleert hatte.

Es hatte aber auch einen guten Grund zum Feiern gegeben, denn man hatte endlich die halbwegs gut aussehende, halbwegs intelligent wirkende Frau gefunden, die man im Kompetenzteam wohl oder übel für den Wahlkampf brauchte, um die noch zögerlichen weiblichen Wählerschichten anzusprechen und davon zu überzeugen, dass der zentraldemokratische Kanzlerkandidat mitnichten der kaltschnäuzige, arrogante Macho, sondern ganz im Gegenteil ein warmherziger Frauenversteher ist, der sich prächtig mit klugen, feschen Frauen versteht und von ihnen angehimmelt wird.
Ja, die könnte uns noch einige Prozentpunkte bringen, denn das Gesicht einer hübschen Frau bewirkt wahrlich mehr als trockene Parteiparolen, dachte er immer noch müde.

Angesichts der Lichtstrahlen, die nun wie Spinnenbeine durch die metallisch schimmernden Lamellen der Jalousien ins Zimmer drangen und den kurzsichtigen Spitzenpolitiker blendeten, ließ selbiger nun ein kurzes Seufzen hören und bereitete sich seelisch und moralisch darauf vor, endlich den Tag zu beginnen und sich mit einer kräftigen Dusche zu erfrischen. Er streckte seine linke Hand aus, die sodann mit einigem Schwung auf dem an der Weckeroberseite angebrachten ergonomischen Tastknopf landete.

Der ungeliebte stylishe Wecker wechselte aus dem Blubber- in den Radiomodus. Wenigstens war sein Lieblingssender eingestellt, dachte er. Ja, auch diesen deutschen Schlager hörte er immer wieder gern, das passte am Morgen: „Lebe dein Leben“ von Wolfgang Petroli. Nun, das war schon eher nach seinem Geschmack als das hirnlose Geblubbere…

„Vielleicht sollte ich nachher Müllenkörber beauftragen, endlich einen neuen Wecker zu beschaffen. Wozu hat man auch sonst Personal“, dachte er flüchtig. Müllenkörber war sein neuer persönlicher Referent, der wichtige Besorgungen erledigte, seinen Terminplan koordinierte und auch mal eine seiner Reden redigierte.
Dennoch gehörte dies nicht zu den Kernaufgaben eines Referenten, denn all dies könnte auch sein übriges Personal problemlos erledigen, beispielsweise seine Sekretärin Anna-Lena, die ihm ohnehin stets in allen Belangen gern zur Hand ging, oder auch seine Lakaientruppe, wie er sie insgeheim nannte: seine Redenschreiber, Berater und all die freiwilligen Helfer und nützlichen Idioten, die ihn, den bekannten Politiker umschwärmten wie die Fliegen den Misthaufen.

Aber Müllenkörber, sein persönlicher Referent, hatte im Grunde eine andere Aufgabe: Er diente als Prellbock, an dem er sich abreagieren konnte.
Jeder führende Politiker hatte solch einen persönlichen Punchingball, einen Prügelknaben, den er nach Herzenslust demütigen und herunterputzen konnte, wenn ihm danach war – am liebsten vor versammelter Mannschaft.

Ja, die wahre Funktion oder Zweckbestimmung eines persönlichen Referenten bestand darin, als Blitzableiter oder sprechender Dummy zu dienen, an dem man jederzeit seine schlechte Laune auslassen konnte. Damit erfüllten sie eine wichtige Ventilfunktion, derer sich viele Politiker bewusst und gern bedienten. Besser mal einen Referenten im Büro zur Sau machen, als in der Öffentlichkeit ausrasten.

Er schmunzelte, als er daran dachte, wie vor einiger Zeit Finanzminister Schörbele seinen Staatssekretär vor laufenden Kameras auf einer Pressekonferenz gedemütigt hatte, was
seinerzeit als ziemlicher Fauxpas wahrgenommen worden war. Offenbar war Schörbeles persönlicher Referent und Blitzableiter zuvor nicht verfügbar gewesen.
Nun ja, sie wollten es ja nicht anders und wurden im Übrigen auch angemessen für ihre Dienste entlohnt. Der eine oder andere Referent, der sich in seinem früheren Leben als arbeitsloser Politikwissenschaftler oder schulgeschädigter Lehrer hatte durchschlagen müssen, hegte gar selbst die Hoffnung auf eine Karriere in der Partei oder in einem Ministerium und erduldete daher die Launen seines Chefs fast bis zur völligen Selbstaufgabe.

Eigentlich hatte Herr Stahlmotz das ganze Parteileben längst satt, einfach alles hatte er satt… Seine Ehe war im Eimer, seine Kinder wollten schon lange nichts mehr von ihm wissen, und auf Freunde konnte er in seiner Partei auch nicht zählen, vermutete er.
Da war höchstens mal der eine oder andere vorgebliche Jugendfreund, der bei gelegentlichen Interviews pflichtbewusst positive Testimonials über ihn abgab und so an seiner Legende mitstrickte. Freilich, der Peter sei schon immer ein leistungsstarker Schüler gewesen, der sich für seine Mitschüler eingesetzt und früh eine soziale Ader entwickelt habe…
Dies noch gewürzt mit der einen oder anderen ausgeschmückten Anekdote aus der Jugend reichte aus, um den Journalisten das Futter zu geben, nach dem sie stets gierten. „Geier, Neider und Speichellecker“, dachte er verächtlich…

Wozu tat er sich all das überhaupt an, fragte er sich wohl zum hunderttausendsten Male – diese innerparteilichen Auseinandersetzungen, die Intrigen in der Fraktion, die sinnlosen, sich im Kreise drehenden TV-Diskussionen bei Plasberg, Illner, Maischberger und den ganzen anderen eitlen Fernsehaffen… oder diese fast schon komisch anmutenden, gestellten Gespräche mit Leuten aus dem „einfachen Volk“, die in Wahrheit gecastete Parteianhänger waren; diese immergleichen Vorträge, bei denen er lediglich ablas, was seine Redenschreiber in Absprache mit der Parteiführung vorformuliert hatten.

Warum hatte er sich nur breitschlagen lassen, diese Kandidatur anzunehmen?
„Bedeutet doch nichts als Stress und Ärger“, seufzte er. „Vielleicht sollte ich heute einfach im Bett bleiben?“
Dabei hatte er mit seiner politischen Karriere eigentlich schon abgeschlossen gehabt, als ihn der Ruf der Parteiführung ereilte.
Peter Stahlmotz hatte die gesamte Verwertungskette, die ein gewichtiger Politiker einer etablierten Partei durchläuft, bislang mehr oder weniger reibungslos und ohne größere Skandale überstanden. Er hatte eben auch Glück gehabt.
Seine Memoiren waren nun geschrieben, seine Ministerpension war ihm sicher, die Höhe seiner Ruhestandsbezüge war zwar nach seinem Empfinden nicht üppig, aber jederzeit durch Vorträge und Beraterverträge auf ein erkleckliches Niveau aufstockbar. Sein Vermögen war gut angelegt und das Beziehungsnetzwerk war intakt, so dass er auch gelegentlich Gefälligkeiten einfordern oder den einen oder anderen Aufsichtsratsposten annehmen konnte, falls es ihm in seinem gewählten Altersdomizil langweilig werden sollte.

Nein, Peter Stahlmotz musste eigentlich niemandem noch etwas beweisen.
Eine echte Chance, die Amtsinhaberin zu schlagen, hatte er ohnehin nicht, das wusste er. Selbst mit dem als Aushängeschild dienenden neuen weiblichen Gesicht in seinem Kompetenzteam würde es schwer werden, das Kunstprodukt Peter Stahlmotz an die skeptischen Wähler zu verkaufen. Diesbezüglich gab er sich keinen Illusionen hin, denn selbst in den Umfragen der seiner Partei nahestehenden Meinungsforschungsinstitute landete er weit abgeschlagen hinter der beliebten Kanzlerin.

Dennoch war er Tag für Tag wohl oder übel gezwungen, optimistisch klingende Statements abzusondern, vor den Kameras den gut gelaunten Strahlemann und siegessicheren Herausforderer zu geben und sich auf dem Podium als seriöser Staatsmann zu präsentieren – insbesondere letzteres war eine Rolle, die Peter Stahlmotz ganz und gar nicht lag.
Je länger der Wahlkampf dauerte, desto schwerer fiel es ihm, die Rolle eines seriösen, kritisch-abwägenden Politikers zu verkörpern.

Peter Stahlmotz wusste, dass er selbst sein größter Feind war. Zu häufig fiel er aus der ihm zugedachten Rolle und brachte seinen Beraterstab mit unbedachten Äußerungen zur Verzweiflung. Er wirkte zuweilen arrogant und unbeherrscht. Seine schnoddrige, undiplomatische Art trieb ihn dann dazu, in einen poltrigen Ton zu verfallen und scharfe Äußerungen an die Adresse ausländischer Politiker oder seiner Widersacher in einer Weise zu richten, die dem Abschießen vergifteter Pfeile auf unbewaffnete, arglose Opfer ähnelte.
„Der Mann redet Klartext“, so lautete nun das Motto, unter dem seine Partei versuchte, ihn als kantigen Klartextredner und ehrliche Haut zu präsentieren und in einer neuen Imagekampagne seine offensichtlichen Defizite als originelle Vorzüge zu verkaufen. „So blöd sind selbst die Wähler nicht, dass sie uns dies abnehmen“, dachte Stahlmotz fatalistisch.

Stahlmotz selbst hatte im Grunde kein Problem mit sich, wusste aber, dass er es vorerst etwas gemäßigter und gesitteter angehen lassen müsste, wollte er seine ohnehin geringen Wahlchancen nicht weiter gefährden. Danach müsste man ihn halt nehmen, wie er war, und fertig, dachte er. Nun ja, zum Glück scherte sich keiner mehr um Inhalte, wenn man ihn wegen seines poltrigen Auftretens kritisierte.
Ihm war es ohnehin ziemlich egal, welche Positionen er im Namen der traditionsreichen einstigen Arbeiterpartei im Wahlkampf vertreten musste. Es ging erstmal darum, die Macht zu erobern und diese uckermärkische Schnepfe aus dem Amt zu jagen. Danach würde man schon weitersehen, und ein Basta wirkte manchmal Wunder.

Auch wenn er seinem Wahl- und Parteivolk stets den dynamischen Macher und aufgeweckten Parteimanager vorspielte und sich in zahllosen Talkshows als schlagfertiger und angriffslustiger Diskussionsteilnehmer erwiesen hatte, war er doch in Wahrheit recht desillusioniert und oft deprimiert, da ihm schmerzlich bewusst war, seine früheren Werte und Grundsätze längst aufgegeben und den besten Moment zum Ausstieg aus dem Politikzirkus bereits vor Jahren verpasst zu haben.
Er stand kurz davor, sich in einen jener rückgratlosen Dinosaurier der Politik zu verwandeln, die er doch selbst immer verachtet hatte.

Was für ein elender Tag. Was stand heute überhaupt auf dem Programm? Missmutig schlug der Mann jetzt die Bettdecke zurück und sann kurz nach, ob er nicht erst einmal masturbieren sollte, um sich locker zu machen. Na ja, dafür war auch später noch Zeit. Wenn ihm zu langweilig würde, könnte er sich ja später jederzeit in einer Sitzungspause verdrücken und sich in der Toilette einen runterholen….

Oh, jetzt aber los. Schon fast acht. In einer halben Stunde würde der dienstbeflissene Fahrer klingeln, der ihn zur Parteizentrale bringen musste. Er erinnerte sich, dass heute auch noch eine Besprechung mit seinem Image-Berater angesetzt war, der ihm neulich geraten hatte, sich einen Bart stehen zu lassen und sich Fett absaugen zu lassen. Er hatte erst empört abgelehnt, schließlich wollte er sich nicht komplett zum Affen machen, wie einst sein Parteifreund Scharfing. Aber nun ja, wenn es den Beliebtheitswerten förderlich war, könnte man dies noch einmal überdenken…
Er musste sich jetzt aber wirklich beeilen. Schwerfällig hievte der große müde Mann seinen massigen Körper aus dem Bett, wobei er peinlich genau darauf achtete, mit beiden Füßen gleichzeitig in die flauschigen Birkenstock-Pantoffeln zu schlüpfen.
„Jetzt erstmal eine ausgiebige Dusche, dann rasieren und einen doppelten Espresso, und schon sieht die Welt wieder anders aus“, sprach er sich neuen Mut zu.

Noch leicht schwankend bewegte sich der Kanzlerkandidat schlurfenden Schrittes aus dem Schlafzimmer und verschwand im Badezimmer, aus dem alsbald die gewohnten Duschgeräusche und lautes Prusten zu hören war…

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