Haruki Murakami: 1Q84

1Q84 war der erste Roman Murakamis, auf den ich vor Jahren zufällig stieß. War wirklich reiner Zufall: Jemand, den ich gut kannte, hatte es seinerzeit als ungekürztes Hörbuch gekauft bzw. heruntergeladen. Ich glaub, ich wäre sonst nie auf Murakami gestoßen. Mir wären dann auch seine anderen Romane entgangen, z. B. „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“, was mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch besser ist. Dacht ich mir, okay, kannst ja mal reinhören, was der so schreibt. Vielleicht taugt es was.
Hat mich jedenfalls schon schwer beeindruckt, wenn ich recht drüber nachdenke. Da stimmte eben nach meinem Empfinden alles. Sprache, Handlung, Ton, Sprecher und diese mystischen Klänge zwischen den Kapiteln, die für eine passende Atmosphäre sorgen. Alles in epischer Breite ausgewalzt auf 1.600 Seiten (in drei Büchern), so wie ich es (bei diesem Autor) mag. Wird übrigens dem Genre der Urban Fantasy zugerechnet, was ich zuvor gar nicht kannte. Muss aber niemand befürchten, dass ich jetzt zu einer Rezension ansetze. Zum Glück haben das schon andere Leser getan, hier z. B. in Form einer Leseempfehlung: http://forum.sf-fan.de/viewtopic.php?f=16&t=9019#p186826

Wer den Roman gar nicht kennt, für den werden die folgenden Ausführungen eher unverständlich oder uninteressant sein; wer die Bücher noch selbst lesen will, sollte vielleicht auch einfach wegklicken, weil ich ja notgedrungen etwas von der Handlung verraten muss. Ich mag das Werk jedenfalls sehr, hab es mir bestimmt schon drei Mal in Gänze angehört. Murakami war übrigens vor ein paar Jahren auch mal für den Literaturnobelpreis im Gespräch, soviel ich weiß, aber den hat er natürlich bisher nicht bekommen. Ja, ich wär durchaus der Meinung gewesen, dass es berechtigt gewesen wäre, aber gut – derartige Preise werden auch eher nach (für mich) undurchschaubaren Kriterien vergeben.

Mir geht’s auch nur um ein winziges Detail, eine Szene aus dem dritten Buch. Wollte ich eigentlich vor Jahren schon mal thematisieren, aber Ihr wisst ja, wie es ist … oder auch nicht.

 1Q84, Buch 3
Kapitel 25 – Ushikawa
Kalt oder nicht, Gott ist hier
Eine eindrucksvolle, aber irgendwie auch rätselhafte Szene, die mir im Gedächtnis haften geblieben ist, findet sich in diesem Kapitel. Eine Schlüsselszene. Im Hinblick auf seine Symbolkraft vielleicht sogar das stärkste Kapitel des ganzen Romans. Bevor nämlich Tamaru, der belesene und sympathische Leibwächter der alten Dame, den Wasserkopf Ushikawa tötet, der als Privatermittler in den Diensten einer geheimnisvollen Sekte steht, erzählt er ihm von Carl Gustav Jung, dem berühmten Schweizer Psychiater und Psychologen. Er beschreibt, wie jener seinen Wohnturm in Bollingen mit eigenen Händen gebaut und mit allerlei mystischer Symbolik verziert hat; schließlich erwähnt er einen Spruch der, wie Tamaru erzählt, in einem Stein am Eingang eingemeißelt sein soll: „Kalt oder nicht, Gott ist hier.“ Tamaru sieht sich nicht in der Lage, die Bedeutung dieses Satzes zu entschlüsseln, schreibt ihm aber einen tieferen Sinn zu, der für ihn nicht fassbar ist – er spürt, es liegt eine tiefe Weisheit darin, die er für sich verstandesgemäß nicht erschließen kann. Er hat diesen Satz, wie er zugibt, im Laufe seines Lebens oft wiederholt; er scheint ihn zu beruhigen; mit der Zeit scheint der Satz für ihn eine magische Wirkung zu bekommen, einer Gebetsformel gleich. Tamaru fragt Ushikawa, ob jener versteht, was C. G. Jung mit diesem Satz gemeint haben könnte. Ushikawa ist jedoch in seiner gegenwärtigen Lage verständlicherweise nicht in der Stimmung, über metaphysische Deutungen zu diskutieren. Danach wird er von Tamaru – nach einigem Zögern und Sinnieren – mit einer Plastiktüte erstickt (d. h. metaphorisch gesehen endgültig auf den (kalten dunklen) Meeresgrund geschickt), nachdem Ushikawa den Satz noch ein letztes Mal aussprechen durfte bzw. musste. Hat den Anschein, als sollte der Satz irgendwie trostspendend wirken und zugleich Tamaru die Stärke verleihen, seine Tat auszuführen (wiederum auch dialektisch gesehen: Böses tun (Ushikawa töten), um Gutes zu erreichen (Sicherheit für Aomame, Tengo et al.), während andererseits Ushikawas böswillige Absicht letztlich Gutes bewirkte. Murakami ist bekanntlich Hegelianer. ;-)
Nun, aber was ich immer irgendwie rätselhaft fand … und auch wenn es ziemlich komisch klingt, hab ich da schon einige Male drüber nachgedacht, was Murakami damit bezweckte:

In der Realität (d. h. in unserer Realität) existiert dieser Spruch ja in der Form nicht – bei C. G. Jung heißt es (lateinisch): Vocatus atque non vocatus deus aderit (auf deutsch: Gerufen oder ungerufen, Gott ist hier (bzw. steht uns bei). Jung ließ diesen lateinischen Wahlspruch über dem Tor seines Hauses in Küsnacht und später auf seinem Grabstein eingravieren. Ich las, dass er auch auf einem Stein am Bollinger Wohnturm zu finden sei.
Warum hat nun Murakami aber diesen Spruch verfälscht bzw. Tamaru in den Mund gelegt? Zu Anfang dachte ich an einen Übersetzungsfehler, also dass Murakami den Spruch möglicherweise in einer englischen Variante gehört hat: Called or not called, god is present. „Called“ klingt ja so ähnlich wie „cold“.

Diese Möglichkeit habe ich aber verworfen, denn Murakami hat sich wohl intensiv mit Jungs Leben und Werk beschäftigt, wie ich aus einem Interview erfahren habe; und er scheint sich auch generell ziemlich gut mit Europäern auszukennen (weiß man auch aus seinen anderen Werken, wo er z. B. Hegel, Kafka usw. verarbeitet). Kaum vorstellbar, dass er den originalen Wortlaut der Inschrift nicht gekannt haben soll. Danach fragte ich mich, ob Murakami nicht genau diesen Eindruck beabsichtigt hatte: Die literarische Figur Tamaru könnte in seinem früheren Leben den Spruch irgendwo (vielleicht im Waisenhaus oder von einem amerikanischen GI) in dieser möglichen englischen Übersetzungsvariante (es gäbe ja auch die Varianten „invoked“ oder „summoned“ statt „called“) gehört und somit missverstanden haben. Hätte Ushikawa möglicherweise sein Leben dadurch retten können, wenn er Tamaru auf sein Missverständnis hingewiesen oder eine glaubwürdige Interpretation angeboten hätte? Könnte auch sein, aber eher unwahrscheinlich.
Die für mich wahrscheinlichste und schlüssige Erklärung war daher, dass es sich eben hierbei um einen dieser kleinen, aber markanten Unterschiede zwischen den Welten von 1Q84 und 1984 handelt. Der Roman spielt ja im Jahr 1Q84, also in einer Parallelwelt, die nur einige feine Unterschiede (z. B. Polizeibewaffnung, Werbetafeln und natürlich die zwei Monde sowie die „Little People“) aufweist. In der Welt des Jahres 1Q84 ist der besagte C. G. Jung vielleicht zu anderen (bzw. zu höheren) Erkenntnissen gelangt, die ihn dazu brachten, genau diesen Leitspruch („Kalt oder nicht, Gott ist hier“ anstelle von „Gerufen oder ungerufen, Gott ist hier“) zu prägen und in Stein zu meißeln, aus welchem Grund auch immer.

Na ja, jedenfalls fand ich es interessant, dass Murakami an genau dieser Stelle solch eine Bruchlinie zwischen den parallelen Welten gezogen hat. Oder ob er doch irgendwas anderes damit zum Ausdruck bringen wollte? Aber was könnte das wohl sein. Abgesehen vom Naheliegendsten: Die Anwesenheit Gottes ist nicht von der Außentemperatur abhängig. Aber das wussten wir bereits oder? Wäre auch zu banal. Konnte mir jemand folgen? Na ja, vielleicht mache ich mir manchmal einfach zu viele Gedanken … ;-)

Dieser Beitrag wurde unter Bücher veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>