Mal so herumgetigert

DSCN4095Was hilft bei Erkältung, Kopfschmerzen oder sonstigen Unpässlichkeiten? Tiger-Balsam. Genau, der gute alte Tiger-Balsam aus Singapur. Kennt Ihr den? Tiger Balm – weckt den Tiger in euch. Oder sollte dieser überaus originelle Slogan etwa schon anderweitig besetzt sein? Kann mich doch dunkel erinnern, etwas Ähnliches in Zusammenhang mit einem anderen Produkt schon mal gehört zu haben. Wenn ja, dann Asche auf mein Haupt. Okay, ich könnte mir einen besseren Spruch ausdenken, aber tu ich nicht. Ich sag ja, ist alles schon mal dagewesen, alles wiederholt sich, alles wird nur bis zum Erbrechen recycelt, upgecycelt oder downgecycelt.

Wie dem auch sei, lassen wir uns jetzt nicht ablenken. Es ist wichtig, dass Ihr euch auf den vor euch liegenden bzw. am Bildschirm angezeigten Text konzentriert, denn es geht um den vorzüglichen und einzigartigen Tiger-Balsam.

Also diesen Tiger-Balsam, den find ich echt Spitze, und ich hoffe, der Hersteller liefert mir mal eine Kiste von dem Stoff gratis frei Haus, daher werd ich das Produkt jetzt mal übern grünen Klee loben. Hoffe, dass sich da mein eifriges Engagement in der Bloggergemeinde endlich auch mal auszahlt.

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Na im Ernst. Alle wieder zuhören: Dieser Balsam ist echt cool. Bin begeistert. Belebt Körper und Geist. Hmm, liest sich immer noch zu lobhudlerisch. Das Statement muss natürlicher klingen, aus dem Herzen kommen. Spontaner, etwa so im Huffington-Stil: Hey, Leute, ich hab da zufällig diese unscheinbare Salbe entdeckt, und was soll ich sagen: Wow! Das war meine Rettung. Hat mein Leben von Grund auf verändert.
Ich lebe jetzt auch viel bewusster.

Okay, genug rumgequatscht! Also ich mache mich dann mal ehrlich und fange nochmal neu an: Ich kenne den sogenannten Tiger-Balsam schon seit meiner Kindheit, nur nannte man ihn damals nicht Tiger-Balsam. Er hieß Golden Star-Balm und stammte aus vietnamesischer Produktion, wenn ich mich recht entsinne. Auf der Packung, einem kleinen runden Blechdöschen, der Tiger-Balsam-Verpackung übrigens optisch sehr gut nachempfunden, war demzufolge auch kein Tiger, sondern ein (offenbar goldener) Stern abgebildet. Unverkennbar war aber die Ähnlichkeit zum Tiger-Balsam (wahrscheinlich auch in der inhaltlichen Zusammensetzung), was ich natürlich damals nicht wusste. Daher nannten wir den Tiger-Balsam auch nicht Tiger-Balsam sondern anders. Aber wie? Hmm, keine Ahnung. Golden Star sagten wir wohl auch nicht, weil wir es nicht als Markennamen sahen. Diese komische aromatische Salbe aus Vietnam, so umschrieb man es wohl mit den eingeschränkten sprachlichen Ausdrucksmitteln, die uns zur Verfügung standen. Wir waren ja damals auch längst nicht so gebildet und so eloquent wie der moderne Bild- oder Spiegelabonnent, erwähnte ich das schon mal? Das kam ja alles erst später, als wir aus unseren Erdlöchern krochen und in diese offene Gesellschaft aufgenommen wurden. Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre.

Ah, also ich kann mich noch erinnern, wie ich den Tiger- bzw. Golden Star-Balsam irgendwann mal als ostzonales Kind zufällig beim Stöbern in einem Regal in der örtlichen Kaufhalle (Supermarkt mit minimaler Grundbedarfswarenpalette hätte ich auch schreiben können; wäre vielleicht verständlicher gewesen) entdeckt und probeweise mitgenommen hatte. Wusste erst nicht, was es ist, da die Produktbeschriftung nicht deutsch, sondern nur vietnamesisch oder teilweise (die Deklaration der Inhaltsstoffe) englisch war. Spielt eigentlich auch keine Rolle, jedenfalls hab ich damals so eine kleine Dose mitgenommen. Bezahlt hab ich natürlich auch. Geklaut hat man eigentlich nie, also so gut wie nie. Lohnte auch nicht. Später hab ich jedenfalls diesen Balsam mal ausprobiert, als ich Kopfschmerzen hatte oder erkältet war; an den Schläfen und an der Stirn etwas aufgetragen und eingerieben, und ich weiß bis heute, wie aromatisch das roch und was das für ein cooles Gefühl auf der Haut war. Erst leicht brennend, dann belebend und kühlend. Ein prägender Erlebniseffekt, der mir heute noch gut in Erinnerung ist. Übrigens erzählte man sich, dass auch der erste deutsche Kosmonaut, der Sigmund Jähn, so hieß er, eine kleine Dose von diesem Wunderbalsam in einer kleinen Seitentasche seines Raumanzugs versteckt mit ins All geschmuggelt haben soll. War natürlich nicht ganz vorschriftsmäßig wegen der strengen Quarantänebestimmungen auf der damaligen Raumstation Saljut 6, aber Tiger-Balsam bzw. dessen vietnamesisches Generikum linderte die heftigen Kopfschmerzen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre oder bei Weltraumspaziergängen, die gelegentlich anstanden. Wegen der Solarpanels, die öfter mal getauscht werden mussten, weil die natürlich so unzuverlässig waren. Die stammten ja noch nicht aus moderner westlicher Produktion, keine Nasa-Technik eben, und da taugten die natürlich nichts, kann man sich ja denken. Risse und kalte Lötstellen, lose Hitzekacheln allerorten. Kacheln waren eh schon Mangelware, und Schrauben wurden generell mit dem Hammer eingeschlagen, das ging schneller. Der Plan musste eben erfüllt werden, d. h. das Politbüro stellte eine Vorgabe auf: jedes Jahr müssen so und so viele Hunde, Affen und Menschen ins Weltall geschossen werden. Und dann machte man das. Weiß man ja heutzutage, wo alles bekannt und aufgearbeitet ist. Ist ein Wunder, dass so viele von den Selbstmordkandidaten im All damals überlebt haben. Die armen Tiere leider nicht.

Ah, einen vietnamesischen Kosmonauten gab es übrigens auch in den 80ern, da hätte mich auch mal interessiert, ob der vielleicht vietnamesischen Tiger-Balsam dabei hatte. Kam aber nie raus, soweit ich weiß.
Tja, irgendwann vor einigen Jahren, als Besuch hier war, kam das Gespräch zufällig darauf, da erzählte ich einem Kumpel von diesem Balsam, beschrieb ihn, und er meinte: Klar, du meinst den Tiger-Balsam. Ich entgegnete: Ah, Tiger-Balsam, ja, genau das könnte es sein. Prompt bekam ich ein Döschen von dem Tiger-Balsam geschenkt, was jetzt neben mir liegt und mittlerweile fast aufgebraucht ist. Und es riecht und wirkt noch genau so wie damals, im letzten Jahrtausend; ist immer noch das beste Hausmittel gegen Erkältung und Kopfschmerzen, wenn man keine Tabletten und künstliches Pharmazeugs mag. So, das war also die Geschichte vom Tiger-Balsam, die ich unbedingt mal erzählen musste.

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4 Antworten auf Mal so herumgetigert

  1. DarkLord sagt:

    Der gute alte Tiger-Balsam. Danke für die Erinnerung.

    • Max sagt:

      Den kennst du tatsächlich auch? Na ja, wusste ich nicht, ob den überhaupt noch jemand kennt, weil, so wie ich sehe, eher nicht in Supermärkten oder Drogerien angeboten; scheint irgendwie untypisch zu sein, daher mal erwähnenswert.

      • DarkLord sagt:

        Interessanterweise in asiatischen Läden – wer hätte das gedacht? :)

        Aber, Indernetz sei dank, natürlich auch via die einschlägigen Kanäle erhältlich, bestell- und lieferbar.

        Es hat so schön gebrannt das Zeug, unter die Nase gerieben. Ach, schon wieder bei den Sprichwörtern. Verdammt.

        • Maxx sagt:

          Stimmt, die Asia-Läden hatte ich jetzt gar nicht im Blick. Da kennst du dich bestimmt auch unter kulinarischen Aspekten besser aus. Hatte mich nur interessiert, wie man mit einem totalen Nischenprodukt in Kontakt kommt, das ja nicht aktiv beworben wird und im hart umkämpften deutschen Einzelhandel kaum bekannt oder gar nicht gelistet wird. Man kauft ja in der Regel, was man kennt, und Erstkäufe sind rein aufmerksamkeitsgetrieben; aber es gibt eben kulturspezifische Marketing- u. Vertriebskanäle, die Fernostschiene. Und wenn man ihn dann mal probiert hat, ist die Wirkung überzeugend. OK. ;-)

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