In der Hitze der Nacht

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„Wenn es doch wenigstens etwas kühler wäre“, seufzte der mit leichten Shorts und einem ärmellosen olivgrünen T-Shirt bekleidete Teenager, dessen dunkle Gestalt in der späten Dämmerung mit dem Hintergrund zu verschmelzen schien. Seine harten Gesichtszüge ließen ihn deutlich älter aussehen, als er war. Mit dem rechten Handrücken wischte er sich einige Schweißtropfen von der Stirn. Seine braungebrannten nackten Füße steckten in dünnen Ledersandalen. Staubtrockene Dunkelheit umgab ihn. Kein Lüftchen regte sich. Aus seiner waldreichen Heimat war Jurek an kühleres Wetter zu dieser Jahreszeit gewohnt. Die Ödnis der Großstadt nervte und ängstigte ihn. Wie konnten diese Menschen hier nur leben? In der räumlichen Unfreiheit ihrer kommunalen Behausungen, die an enge Kaninchenställe erinnerten, in der stickigen Enge der U- und S-Bahnen, mit all der schlechten Luft, den stinkenden Abgasen auf den Straßen. Jeder Atemzug löste in ihm körperlichen Widerwillen, manchmal gar Brechreiz aus.

Obwohl er erst vor einigen Wochen in der Schule angekommen war, die man in diesem Teil der Stadt zum Notaufnahmelager umfunktioniert hatte, vermisste Jurek bereits jetzt sein altes Heimatdorf; er sehnte sich nach dem kühlen Grün des Waldes, den jubilierenden Vögeln, dem krabbelnden Getier, dem Geruch der Waldhimbeeren und der Wildkräuter und nach all den Kleinigkeiten, an die seine Familie seit Urzeiten gewohnt war. War die Auswanderung doch ein Fehler gewesen? Hier im Norden des Kontinents sollte es seine Familie besser haben. Dieser reiche Staat im Norden würde sie brauchen, man würde ihnen genügend Land geben, sie versorgen, und es würde ihnen an nichts mangeln, so hatte es geheißen. Niemand hatte den verlockenden Gerüchten letztlich widerstehen können, so dass sich nach und nach alle Sippen seines Dorfes auf die beschwerliche Reise nach Norden begeben hatten.

Mit dem Rücken lehnte Jurek an einem dunkelgrünen Metallzaun, hinter dem dichtes Buschwerk und einige Laubbäume den Blick auf die dahinter liegende Parklandschaft verstellten. Neben dem Eingang stand ein mit schwarzen Graffiti-Tags beschmiertes dreieckiges, grün umrandetes Schild, auf dem ein geschultes Auge noch die ursprüngliche Aufschrift „Geschützte Grünanlage“ entziffern konnte.

Von fern näherte sich jetzt jemand. Im orangefarbenen Lichtkegel der letzten funktionierenden Straßenlaterne konnte man eine einzelne, kaum merklich schwankende Gestalt erkennen. Das Warten hatte sich gelohnt. Wenn es jetzt nur nicht so drückend heiß und stickig wäre. Bei den gewohnt kühleren Temperaturen seiner Heimat würde er jetzt in seinem Bett liegen und den Schlaf der Gerechten schlafen. Es hätte ihn sicher nicht aus dem Haus getrieben, er hätte vielleicht auch diesen Drang nicht verspürt. Er hasste dieses Klima, von dem man ihm gesagt hatte, dass es in diesen Tagen ungewöhnlich warm sei, untypisch für diese Jahreszeit, für diese Gegend, dieses Land so weit im Norden, so fern seiner Heimat. Diese Wüstenluft ließ ihn nachts nicht in den Schlaf finden, trieb ihn immer wieder hoch und ließ ihn ziellos auf den Straßen und in den wenigen Parks dieser fremden Stadt herumirren. Er musste jetzt zur Ruhe kommen. Eine kleine Erfrischung, eine Stärkung, das half vielleicht.

Jurek trat dem Mann aus der Dunkelheit entgegen. Er schwitzte sichtlich. Der Mann roch nach Bierdunst und Zigarettenrauch. Ein später Kneipenheimkehrer, kam vielleicht von einer Geburtstagsfeier oder seinem Kegelclub?

„Hey, wie geht’s?“, sprach er ihn an, als der Mann nur noch einige Schritte von ihm entfernt war. Jener blickte überrascht auf. In Gedanken versunken hatte er ihn zu spät bemerkt.
„Hmm. Ja? Haste n Problem?“ Misstrauisch musterte ihn der Mann und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Immer höflich bleiben, aber sicherheitshalber erstmal auf Abstand gehen und nie Streit suchen – dies war stets seine Devise gewesen. So war er bisher weitgehend unbeschadet durchs Leben gekommen.

„Hast du mal Feuer, Mann!?“ Jurek hatte sich vorsorglich zuvor eine Zigarette hinters Ohr geklemmt, die er nun demonstrativ zwischen den Fingern rollte.
Der Mann blickte sich verstohlen um. Die schmale Straße neben dem Park war menschenleer. Nicht der kleinste Lichtschein drang aus den Fenstern der wenigen Einfamilienhäuser.
„Nee, ich rauche nicht“, beeilte sich der Mann zu versichern. War zwar gelogen, aber der schnellste Weg, um den zwielichtigen Typen hier loszuwerden. Man hatte ja keine Vorurteile, darauf war er immer stolz, aber bei dem Gesindel wusste man ja nie, woran man war. Und Notlügen seien erlaubt, das hatte ihm schon seine Mutter früher eingebläut. Das viele Bier – vier oder fünf Halbliter hatte er intus – hatte ihn langsam und unsicher werden lassen, dennoch versuchte er, zügig an Jurek vorbeizukommen, der seine Zigarette jetzt achtlos fallen ließ und den Mann blitzschnell am Arm umklammert hatte.
„Aber, aber, guter Mann, wer wird denn gleich so unfreundlich sein. Wohin des Wegs? Und warum so eilig?“
(Wie man an den wiedergegebenen Dialogen unschwer erkennt, sprach Jurek hervorragend deutsch. Seine alte siebenbürgische Lehrerin, die ihn bis zur sechsten Klasse unterrichtet hatte, hielt große Stücke auf ihn. Der Junge sei intelligent, sprachbegabt und werde es im Übrigen noch weit bringen, mit diesen Worten hatte sie das Gespräch mit seinen Eltern immer eingeleitet. Ein ungeschliffener Diamant sei er…)
Jurek musste unwillkürlich grinsen. Ein ungeschliffener Diamant aus Transsilvanien, ja, das war er. Er wandte sich dem keuchenden Mann zu, der sich jetzt verzweifelt gegen den Zangengriff wehrte, mit dem ihn Jurek fest umklammert hielt.
„Zappel nicht so rum, Fleischsack.“, tadelte ihn Jurek mit gespielter Strenge. „Zeig mal etwas mehr Willkommenskultur!“ Jurek lachte und entblößte seine weißen spitzen Eckzähne, die er dem Mann genüsslich in den Hals bohrte, bis er auf die Schlagader traf. Gierig schluckte er den süßen dickflüssigen Lebenstrank. Oh ja, dieses nordische Blut war ein ganz besonderer Saft. Die Berichte und Überlieferungen stimmten also. Dazu noch frisch gezapft, welch ein Genuss – in keiner Weise zu vergleichen mit den überlagerten Blutkonserven, mit denen man früher allzu oft Vorlieb nehmen musste. Ja, in diese gastfreundliche Gesellschaft würde man gut hineinpassen. Man würde sich integrieren. Mit dem Wetter könnte man sich sicherlich auch irgendwie arrangieren. Die eingeborene Bevölkerung bildete ein williges Nahrungsreservoir; es gab genügend autarke Produzenten wohlschmeckenden frischen Blutes, auf die man bei einem Mangel an Blutkonserven zurückgreifen könnte oder die man ihnen anbieten würde – das hatten ihnen die Behörden bereits signalisiert. Sie waren Zuwanderer mit besonderem Hämoglobinbedarf, diesen Begriff hatte der Präsident bereits vorsorglich geprägt, um allen Rassisten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie würden einer alternden Gesellschaft den dringend benötigten Aderlass verschaffen. Eine Win-Win-Situation, so nannte man das doch, ja? Alle würden gewinnen. (Bei diesem Gedanken kicherte Jurek leise vor sich hin.)

Die bleiche blutleere Hülle des Spenders ließ Jurek im Gebüsch liegen und begab sich beschwingt auf den Heimweg. Es war schon etwas kühler. Er würde nun sicher gut schlafen, sich erstmal ein paar Stündchen aufs Ohr hauen. Ach, diese an Metaphern reiche Sprache und die hiesigen Menschen musste man einfach lieben, dachte er. Und morgen würde man schon weitersehen …

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3 Antworten auf In der Hitze der Nacht

  1. bekommt ein Like, obwohl du schon besser geschrieben hast ;)

    In dem Sinne verweise ich mal auf den Sonntag auf meinem Blog, 12:05 Uhr. Mal sehen, ob die dir dann gefällt ;)

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