Integration!

Der überschwere Explorationskreuzer Coriolan schwebte antriebslos im tiefschwarzen Raum vor Pluto. Das von seinem äußeren Erscheinungsbild her beeindruckende Flaggschiff der Frachterflotte des zweitgrößten terranischen Konzerns, der US Deep Space Mining Corporation (DSMC), war gerade erst von einer längeren Erkundungs- und Fördermission zurückgekommen. Die beiden Tachyonentriebwerke waren bereits heruntergefahren und aus Sicherheitsgründen in den Leerlaufmodus geschaltet worden. Entwichenes Kondensat hatte einen zentimeterdicken Eispanzer auf den Triebswerksabdeckungen gebildet. Seitlich aus dem Rumpf ausgefahrene Steuerungstriebwerke feuerten von Zeit zu Zeit kurze computergesteuerte Impulse, um den umgebauten Kreuzer, der streng genommen ein Frachter war, präzise auf der vorgeschriebenen Position im Orbit von Pluto zu halten. Nach dem Rücksprung von einer der konzerneigenen Kolonien, die sich in der Nähe des Doppelsterns Epsilon Lyrae im Sternbild Leier befand, bezog der Frachter seinen Platz in der vierten Warteschleife der Erdanflugkontrolle. Es blieb noch genug Zeit, um vor dem letzten Rücksprung in den Erdorbit alle lästigen, aber notwendigen Formalitäten und Quarantäne-, Reinigungs- oder Desinfektionsarbeiten auszuführen. Es konnte schließlich noch einige Tage dauern, bevor man die Freigabe für den Anflug zu den heimatlichen Konzerndocks erhielt. Bei dieser auch vom Weltrat subventionierten Explorationsmission war es vordergründig um die Erkundung von Erzvorkommen gegangen, um die Suche nach und Förderung von seltenen Erden und Mineralien, die für das weitere Wachstum der terranischen Ökonomie dieses lichten Jahrtausends unabdingbar waren. Alle verfügbaren Ladebuchten und Container waren bis zum Bersten gefüllt mit hochreinem Tantal, Osmium, Platin, Meitnerium und sogar dem seltenen, erst kürzlich entdeckten Merkelium, das sich als unentbehrlich für die Fertigung von hoch leistungsfähigen Androidhirnen erwiesen hatte.

Noch ahnte es niemand, aber schon bald sollte die Besatzung des Raumschiffs, so wie auch später die Öffentlichkeit auf der Erde am eigenen Leibe erfahren, dass diese Expedition auch noch einen anderen, speziellen Auftrag hatte.

Die mit Volllast laufende Klimatisierungsanlage erzeugte einen leichten Luftzug, der im Zentralgang zu spüren war. Steril, kühl, auf der Haut angenehm. In der Ferne klapperte ein schadhaftes Schott. Metall auf Metall. An einigen Stellen hinter den Wänden brummten Transformatoren, auf einer Intercom-Schalttafel blinkten einige grüne Kontrollleuchten. Wenn sich eine der Türen zu einem Raum öffnete oder schloss, hätten aufmerksame Ohren ein leises Klicken, gefolgt vom Surren der aktivierten Servomotoren vernehmen können. Im Grunde die gewohnte Geräuschkulisse an Bord eines solchen Raumkreuzers, wenn man von den Schreien absah, die trotz der effektiven Schalldämmung noch gedämpft aus dem OP-Raum 2 des Wissenschaftsmoduls drangen.

***

„Nein! Ah! Das könnt Ihr mir nicht antun, Ihr verfluchten Schweine!“ Die auf der Liege festgeschnallte Person wehrte sich erbittert und versuchte mit der Kraft der Verzweiflung, die arretierten Titanklammern zu lösen, mit denen ihre Arme und Beine auf dem flachen Operationstisch fixiert waren. Vergebliche Bemühungen, reflexartige Zuckungen und spastische Bewegungen des Körpers, die nichts außer einer Schwächung des Kandidaten bewirken konnten, dachte First Lieutenant Monica Priestley ungehalten. Gegenwehr war zwecklos, zudem kontraproduktiv, denn die Übernahmekandidaten sollten instruktionsgemäß in bester gesundheitlicher und körperlicher Verfassung zugeführt werden. Sedative Medikamente durften ebenfalls nicht verabreicht werden, da das gebrauchsfähige Humanmaterial frei von körperfremden Substanzen bleiben musste, um den Erfolg der Prozedur nicht zu gefährden. Priestley trat an den OP-Tisch heran. „Was ist los? Was zappelst du noch so herum, Johnson? Wirst dich noch verletzen, Mann. Bleib ruhig, dann hast du’s gleich hinter dir. Schnell und schmerzlos.“ Nun ja, nicht ganz, aber vorerst weitgehend schmerzlos, dachte Priestley. Von Menschenhand ließen sich die verriegelten Titanklammern ohnehin nicht mehr lösen, an denen der zweite Triebwerkstechniker Johnson jetzt wie ein Irrer zog, wobei er seinen zuckenden Körper hin- und herwarf, soweit es die enge Fixierung überhaupt noch erlaubte. Nur Mutter hatte von der zentralen Steuerungseinheit aus Zugriff auf die Sicherheitsverriegelungen des OP-Raums. Aber Mutter würde den Vorgang nicht stoppen. Natürlich nicht. Letztlich befolgten sie alle, auch Commander Ripley von der Flottenleitung, nur Mutters Befehle. Die digitalisierte Herrscherin und ihre geklonten Persönlichkeiten lenkten nunmehr seit Jahrhunderten die Geschicke der Menschheit. Ein leichter Geruch von Schweiß und schlechtem Atem lag in der Luft. Das zur Beruhigung der fixierten Subjekte gedimmte Oberlicht, das einen leicht bläulichen Schimmer hatte, beleuchtete eine gespenstische Szenerie.

„Nehmt es weg! Help, help me! Kill it. Tötet das verfluchte Drecksvieh! Oh, nein, bitte nicht!“
Man könnte fast Mitleid mit Johnson bekommen, dachte First Lieutenant Priestley. Persönlich bedauerte sie es, denn niemand, nicht einmal ein Mann hatte ein solches Schicksal verdient. Doch die Befehle waren eindeutig. Vor der Ankunft musste die Integrationsprozedur an allen entbehrlichen, vorzugsweise männlichen Besatzungsmitgliedern vollzogen werden. Auf der Coriolan, einem Erzfrachter der neuesten Generation, ausgerüstet mit zwei wartungsarmen Tachyonentriebwerken, war der zweite Triebwerkstechniker momentan die entbehrlichste Fachkraft, zumal die letzte Etappe des Rückflugs vollautomatisch verlief.

Ripley, die Oberbefehlshaberin der Konzernflotte, hatte allen Besatzungsmitgliedern zuvor ausführlich erklärt, wie wichtig die Integration der extraterrestrischen Wesen war, die man laut Order des Konzernvorstands von Epsilon Lyrae mitgebracht hatte – neues Zuchtmaterial für den Heimatkonzern und dessen Streitkräfte; das versprach auch neue Chancen für die gesamte Wirtschaft und die restliche terranische Gesellschaft, die noch in einigen konzernunabhängigen Territorien und den Ghettos der Gesetzlosen ihr Leben fristete. Man könnte so viel von diesen fremden Wesen lernen, ihre robusten Fähigkeiten übernehmen, indem man sich mit ihnen vereinigte. Zuerst müsste man die Verschmelzung natürlich anhand von Freiwilligen an Bord testen. Darauf könnte man aufbauen. Alle würden profitieren und in der nächsten Generation zu stärkeren, friedlicheren, vielleicht intelligenteren Xenomenschen heranwachsen. Ja, eine genetische Auffrischung, um die jahrhundertelange Degeneration und Inzucht der Menschheit zu beenden. Die Fremden seien die dringend benötigte Vitaminspritze für die Erde, auf die man so lange gewartet hätte, so hatte es in der Konzernleitung geheißen. Dafür mussten zunächst einige Opfer gebracht werden. Bedauerlich für erste Betroffene wie Johnson, die man zu Freiwilligen bestimmt hatte, aber was waren ein paar Opfer gegen den möglichen Gewinn, den riesigen Nutzen für die Menschheit oder gar das gesamte Universum? Die Erde würde zum Schmelztiegel aller Kulturen des Universums werden. Ein Traum würde in Erfüllung gehen.
Monica Priestley beugte sich zu dem auf der Liege festgeschnallten Mann hinunter und verlieh ihrer Stimme den sanftesten Klang, zu dem sie in der Lage war: „Bleib ruhig, Johnson. Ist gleich geschafft. Kämpf nicht dagegen an. Zeig dem fremden Wesen ein freundliches Gesicht. Zeig, dass es willkommen ist. Du gehst als Held der Integration in die Geschichte ein.“ Die verzweifelten Hilferufe brachen ab. Alles Flehen und Wimmern wäre ohnehin vergeblich gewesen. Für den lebenden Johnson gab es keinen Weg aus diesem Raum. Seine Bestimmung war die eines Nahrungslieferanten und Geburtshelfers für neue Erdenbewohner. Nur ein ersticktes Gurgeln und Würgen war noch zu vernehmen. Wie von Sinnen kämpfte Johnson noch einige Sekunden vergeblich mit den saugnapfbesetzten Armen des Aliens, das auf ihm saß und ihm das rötlich schimmernde Ende seines schleimigen Rüssels bereits tief in den krampfhaft verzerrten Schlund gesteckt hatte. Die Haut des Aliens, das mit seinem spitz zulaufenden Rüssel wie eine misslungene Kreuzung aus Ameisenbär und Krake aussah, schimmerte in allen Regenbogenfarben. Langsam pulsierend stieß es sein rüsselförmiges Fortpflanzungsorgan immer tiefer in Mund und Hals des Opfers und drang gierig in das Innere des Wirtskörpers vor. Man konnte sehen, wie sich Johnsons Bauchdecke wölbte. Dabei erlahmte der Widerstand des Menschen endgültig. Priestley vermied es, in die vor Schrecken geweiteten Augen des Wirtskörpers zu schauen, der bis eben noch als zweiter Triebwerkstechniker auf dem Frachter Coriolan gedient hatte. Mitleid war sowieso unangebracht. „Eintrag ins Logbuch: Orale Penetration der Einheit erfolgreich abgeschlossen, Mutter. Warten jetzt auf Phase 2.“

Der Zentralrechner, dem wie allen terranischen Steuercomputern aus Gründen der universalen Gleichstellung eine weibliche Persönlichkeit innewohnte, antwortete mit warmer Stimme: „Gut so, Lieutenant. Warten Sie die Eiablage ab, und legen Sie den Wirtskörper auf Eis. Bereiten Sie dann die anderen Körperspender vor, damit alle Newcomer möglichst zeitgleich auf der Erde schlüpfen können. Halten Sie sich genau an Ihre Instruktionen. Denken Sie immer daran: Die Integration der Xenos ist alternativlos und duldet keinen Aufschub.“

Ein leichtes Zittern schien den Rüssel des extraterrestrischen Wesens zu durchlaufen. Ein untrügliches Zeichen für den Beginn der Eiablage. Der Wirtskörper war bereitwillig angenommen worden. Man konnte nun die pulsierenden Verdickungen des Fortpflanzungsrüssels sehen, der etwa ein Dutzend dicke Xeno-Eier in den Wirtskörper einpflanzte. Priestley war zufrieden. Ein kleiner Schritt für die Wirtskörper, ein großer, letzter Schritt für die Menschheit. Alles war glatt gegangen. Der Körper dieses männlichen Wirtes war gesund und kräftig. Sein Körper musste die Brut bis zum Schlüpfen noch mit ausreichend Nahrung versorgen. Brauchbares Ausgangsmaterial, das sie eigens für diese Mission ausgesucht hatte. Wird hoffentlich ein guter Wurf, dachte sie. Auf der Erde wird man sehen, was daraus wird. Mutter kann mit uns zufrieden sein.

***
(Auszug aus einem Zyklus, den ich „Visionen der Neuzeit“ (oder anders, wie auch immer) nennen werde.) ;-)

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