Kim Jong-un oder warum Bildung nichts verändert…

Jeder mochte ihn, den aufgeweckten koreanischen Schüler namens Pak-un. Er sei ein gut integrierter, intelligenter und freundlicher Bub gewesen – ein fleißiger und ehrgeiziger Schüler mit guten Umgangsformen, der sich gut in der Schweiz eingelebt hatte, fließend Schweizerdeutsch sprach und selbst auf Englisch und Französisch parlieren konnte. Wie ein Schwamm sog er die erstklassige Schulbildung in sich auf, die ihm engagierte Schweizer Lehrer vermittelten.

Ohne Zweifel ein Leistungsträger, der auch an jedem deutschen Gymnasium brilliert hätte. Ja, der junge sympathische Asiate, der sich als Sohn eines koreanischen Botschaftsangestellten ausgab, war gegen Ende der 90er Jahre der ganze Stolz seiner Lehrerschaft an der Schule „Liebefeld Steinhölzli“ in Köniz bei Bern.

Nach den Erzählungen ehemaliger Mitschüler und Lehrer fand er sich gut zurecht, überzeugte durch gute schulische Leistungen und setzte sich für Schwache ein. Seinen Schulkameraden ist er vor allem als guter Basketballspieler in Erinnerung. Seine Liebe zum Basketballspiel, das sowohl Körpereinsatz als auch Geschick und Ausdauer erfordert, hat sich der junge Mann bis heute bewahrt, der mittlerweile jedoch seinen Decknamen ab- und einige Kilos zugelegt hat und unter seinem wahren Namen Kim Jong-un nunmehr als oberster Führer und Feldherr des nordkoreanischen Regimes über Volk, Partei und Streitkräfte gebietet.
Gern schaut sich der jetzt nicht mehr so sportlich wirkende Nachwuchsdiktator Kim Jong-un Spiele der amerikanischen Profiliga NBA auf Großbildschirmen an oder zeigt sich öffentlich mit dem Ex-Basketballstar Dennis Rodman, in dem er nach dessen Aussage einen „Freund fürs Leben“ gefunden hat. Noch nicht einmal 15 Jahre sind vergangen, seit über Klein Kims Bett in einem gut bewachten Kinderzimmer seines damaligen Schweizer Geheimdomizils mutmaßlich ein großes Poster seines damaligen Idols Michael Jordan hing. Wie so viele seiner Altersgenossen schwärmte er für Jean-Claude van Damme und vielleicht auch für Arnold Schwarzenegger…  Sah er sich in seinen feuchten Träumen damals als Action-Held, der die Welt von Bösewichtern befreien wird?

Oder dachte er etwa vor dem Einschlafen mit Tränen in den Augen daran, wie es wohl wäre, nicht den ihm vorgezeichneten Weg als Sohn des mächtigsten Mannes Nordkoreas zu beschreiten, sondern ein „normales“ Leben im Westen zu führen, normal jedenfalls in dem Sinne, wie es vielleicht einigen seiner privilegierten Schulfreunde vorherbestimmt war – den Söhnen und Töchtern russischer Oligarchen, chinesischer Parteifunktionäre oder afrikanischer Diplomaten, die ihre Spröss- und Prinzlinge an guten Schweizer Schulen erziehen lassen und auf ein sorgenfreies Leben als Angehörige einer globalen Oberschicht vorbereiten?

Hätte Kim ein ideologiebefreites Leben in Prunk oder im Jetset der schweren Bürde und Pflicht vorgezogen, als nordkoreanischer Staatslenker eine der letzten Bastionen eines menschenverachtenden Steinzeitkommunismus verteidigen zu müssen?

Oder war er bereits als Jugendlicher bis zum Abwinken indoktriniert und sah seine Schweizer Jahre nur als kuriose Episode und lehrreichen Ausflug in eine ihm feindlich gesinnte kapitalistische Welt an?

War er bereits von dem Gedanken beseelt oder hatte sich damit abgefunden, nach dem Tode seines Vaters wie selbstverständlich dessen Platz als großer Steuermann des nordkoreanischen Volkes einzunehmen?

Wir werden leider nie erfahren, was damals im Kopf des jungen Kim vorging…

Nach seiner Schweizer Schulzeit bekam jedenfalls der junge Kim noch eine mehrjährige militärische Ausbildung an der nach seinem Großvater und ewigen Präsidenten Kim Il-sung benannten Universität in Pjöngjang verpasst, die ihm wohl den letzten Schliff gab.

In einer echten Blitzkarriere wandelte sich somit binnen weniger Jahre der nette, wohlerzogene, umgängliche und rundum tadellose Schüler Pak-un nahtlos zum unerbittlichen und grausamen nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un. Ohne zu Zögern trat der junge Kim Jong-un in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters, des früheren Alleinherrschers Kim Jong-il, der seinerseits bereits Partei- und Staatsamt von seinem Vater übernommen hatte.

Bemerkenswert für mich ist, dass der junge Kim, dem in guter diktatorischer Familientradition das höchste Staatsamt von seinem Erzeuger vererbt wurde, sämtliche ihm einst in der Schweiz zweifellos vermittelten humanistischen Bildungsinhalte, demokratischen Werte, bürgerlichen Ideale oder sonstigen moralischen Ballast scheinbar über Bord geworfen hat. Oder hat er schlichtweg seinen Verstand verloren, wie manche Kommentatoren mutmaßen?

Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich Kim wie ein Irrer gebärdet und kurz davor steht, einen atomaren Erstschlag auszulösen, der letztlich das Schicksal seines Landes besiegeln würde, einer grotesken und zugleich fürchterlichen sozialistischen Erbdynastie, die eine gigantische Armee von 1,2 Mio. Mann unter Waffen hält, jedoch nicht imstande ist, ausreichend Nahrung zu produzieren, um jedem seiner noch nicht verhungerten Untertanen wenigstens eine Handvoll Reis pro Tag zu gönnen?

Auf Pressefotos sieht man den jungen nordkoreanischen Führer manchmal mit kaltem, mitleidlosem Blick aus einem militärischen Unterstand lugen oder selbstzufrieden vor seiner Entourage sitzen. Man kann ihn förmlich aus den Bildern riechen – den Angstschweiß der alten Generäle, die sich in unterwürfiger Haltung und mit schlotternden Knien vor ihm aufreihen, um sich von ihrem jungen Herrn und Gebieter loben oder tadeln zu lassen. Das kalte Grauen spricht aus ihren Augen…
Nach den spärlichen Nachrichten zu urteilen, die aus dem abgeschirmten Land nach außen dringen, soll der pausbäckige Diktator, der anfangs im Ausland noch als Reformer bejubelt worden war, mit Erschießungen nicht geizen und zu besonderen Anlässen den Erlebniswert seiner Hinrichtungen durch gezielten Beschuss der Delinquenten mit einem Granatwerfer steigern lassen.

Wie kommt es überhaupt, dass sich die Nachkommen all jener Despoten, Potentaten und Oligarchen trotz einer an erstklassigen westlichen Schulen und Universitäten genossenen, von fortschrittlichen, aufklärerischen Werten geprägten Ausbildung nicht zu lupenreinen Demokraten und Menschenfreunden entwickeln wollen, sondern lediglich noch klügere und effektivere Despoten, Unterdrücker oder Oligarchen werden?

Ist es denn nicht seltsam, dass Eliteschulen, erstklassige Universitäten und sonstige renommierte Bildungsanstalten im Westen, in denen die Reichen und Mächtigen dieser Welt ihren Nachwuchs ausbilden lassen, in der Mehrzahl ihre Schützlinge keineswegs zu humanistisch gebildeten Persönlichkeiten oder gar Demokraten erziehen, sondern nur leistungsfähigere Klone ihrer Väter hervorbringen?

Warum bewirkt westliche Bildung denn so wenig Gutes? Nun, sicher eine reichlich naive Frage.

Aber der ganze westliche Wertekanon, mit dem jemand in Kontakt kommt, der so wie Kim jahrelang in der Schweiz lebte, dazu Freunde und Kultur – all diese Einflüsse müssten doch eigentlich einen anderen, nach unserem Verständnis vernünftigeren Menschen aus ihm geformt haben oder? Der Mann, der jetzt die Welt wieder ein Stück weit an den Rand eines Atomkriegs rückt, so nah wie seit Jahrzehnten nicht mehr, hat doch immerhin ein paar Jahre lang eine erstklassige westliche Erziehung und Bildung vermittelt bekommen. Seltsam, dass das keine Spuren im positiven Sinne hinterließ? Oder ist sein Verhalten auf reines Machtkalkül zurückzuführen?

Vielleicht sollte man aber auch nicht zu viel erwarten. Immerhin kann es als bescheidener Fortschritt und – wenn man so will – Erfolg der humanistischen Bildung gewertet werden, dass der nordkoreanische Diktatorenspross seine Widersacher oder der Untreue verdächtige Offiziere lediglich erschießen lässt und sich nicht etwa deren Körper gut gewürzt am Bratspieß servieren lässt oder Krokodilen zum Fraß vorwirft, wie es beispielsweise noch in den 1970er Jahren in der Zentralafrikanischen Republik unter Jean-Bédel Bokassa, dem selbsternannten Kaiser Bokassa I, üblich war.

Aber auch Jean-Bédel Bokassa wurde nicht als menschenfressendes Ungeheuer geboren, sondern hatte sich in der französischen Armee seine ersten Meriten erworben und sich bis zum Hauptmann hochgedient, bevor er, der wie viele Diktatoren seine Regentschaft als relativ gemäßigter und aufgeklärter Herrscher begann, zum mordenden Diktator mutierte, der bei Hinrichtungen auch gern selbst Hand anlegte. Freilich hatte die Schutzmacht Frankreich aufgrund wirtschaftlicher Interessen ebenfalls großen Anteil daran, dass das zentralafrikanische Schreckensregime, in dem unvorstellbare Grausamkeiten begangen wurden, so lange Bestand hatte. Es muss daher auch nicht verwundern, wenn westliche Werte heutzutage in vielen Ländern als nicht mehr authentisch oder wahrhaftig wahrgenommen werden, sondern als Vorwand zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen gelten.

Zudem haben zahllose talentierte Nachwuchsoffiziere aus vielen ehemaligen Kolonialstaaten und totalitären Regimes ihr Kriegshandwerk an den Militär- und Führungsakademien westlicher Streitkräfte erlernt, sicherlich auch verbunden mit einem Crashkurs in Sachen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Leider bestand das Ergebnis dieser oft gut gemeinten Bemühungen jedoch allzu häufig lediglich darin, dass die nächste Generation putschender und folternder Obristen ihre Machtübernahme dank des im Westen erworbenen Rüstzeugs und Know-hows noch besser und effizienter gestalten konnte. Ja, auch die Kaderschmieden der Bundeswehr leisten im Übrigen einen tatkräftigen Beitrag zur Ausbildung künftiger Putschisten und Folterknechte.

Früher dachte man, im Westen ausgebildete junge Führungskräfte würden in ihre rückständigen Heimatländer zurückkehren und sich für eine Verbesserung der dortigen Zustände einsetzen.
Die Bildung im Westen sollte der künftigen Elite aus den Entwicklungsländern ermöglichen und sie dazu befähigen, sich zu autonomen Individuen und Weltbürgern zu entwickeln, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und den Austausch der Kulturen einsetzen – ganz im Einklang mit dem humboldtschen Bildungsideal.

Wie wir heute wissen und jeden Tag sehen können, ändert Bildung nichts, wenn sie – wie es wohl meist der Fall ist – nur als purer Wissenserwerb zum Zwecke der maximalen Bereicherung und Aneignung von machterhaltenden Fähigkeiten angesehen wird.

Seit Jahrzehnten entsenden die Reichen und Mächtigen dieser Welt, Vertreter der herrschenden Kasten sämtlicher Diktaturen, Kleptokratien und Stammesgesellschaften ihren Nachwuchs auf westliche Eliteschulen und Universitäten im Westen, die sich vorzugsweise in den USA, in Großbritannien und in der Schweiz befinden.

Geändert hat sich in den meisten Herkunftsländern nichts, jedenfalls nicht zum Guten, abgesehen davon, dass Abkömmlinge afrikanischer Despoten, russischer Oligarchen und chinesischer Parteikader zu Millionären oder gar Milliardären geworden sind, die sich selbst gern kosmopolitisch und liberal geben, ihr eigenes Volk jedoch zutiefst verachten, unterdrücken und ihre Fähigkeiten und Kontakte zur Selbstbereicherung einsetzen.

Die Hoffnung, aus dem Westen zurückkehrende junge Führungskräfte würden eine aufgeklärte Elite bilden und ihre Heimatländer mit Freiheit, Demokratie oder Good Governance beglücken, kann man wohl als rundum gescheitert betrachten.

Ganz im Gegenteil dient eine erstklassige Ausbildung im Westen nur den schon politisch und wirtschaftlichen herrschenden Schichten und Familien als Werkzeug zum Machterhalt. Die gegenwärtigen Zustände werden so nur noch weiter verfestigt, bestenfalls bietet sich ein Studium an einer Eliteuniversität für vereinzelte talentierte Aufsteiger noch als Eintrittskarte in diese Oberschicht an.

Erstklassige Bildung für ausgewählte Kader und Diktatorensprösslinge scheint also kein geeignetes Mittel zu sein, um die Welt sicherer und gerechter zu gestalten.


Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Kim_Jong-un

http://www.spiegel.de/panorama/dennis-rodman-in-nordkorea-umarmung-mit-ki-jong-un-a-886279.html

http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Bundeswehr/ausbildung.html

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2 Antworten auf Kim Jong-un oder warum Bildung nichts verändert…

  1. abacus sagt:

    Wieso man als Demokratie überhaupt Botschaftsvertretungen von Nordkorea hat ist mir schon schleierhaft…

  2. Pingback: Dennis Rodman in Nordkorea | Citronimus

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