Kritik der mürrischen Indifferenz

Einige gut bestallte Medienvertreter und Universitätsgranden fordern vorsorglich, den Terrorgefahren doch einfach mit „mürrischer Indifferenz“ und „trotziger Gelassenheit“ zu begegnen. „Indifferenz“ bedeutet etwa so viel wie Gleichgültigkeit und Uninteressiertheit. Henryk M. Broder hat derlei Statements hier treffend persifliert: Die Helden der mürrischen Indifferenz und der trotzigen Gelassenheit (achgut.com). Folgt man der Argumentation von Prof. Münkler, wäre also ein mürrischer misanthropischer Griesgram optimal gegen Terrorgefahren immunisiert und für die Bewältigung der globalgesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit bestens gerüstet. Ergo möge man dem Leid der Opfer gegenüber gleichgültig werden, abstumpfen, den Terror als etwas Unveränderliches hinnehmen. Vorstehendes gilt aber wahrscheinlich nur, wenn oder solange es sich um Opfer islamistischen Terrors handelt. Münkler sprach 2006 gar vonheroischer Gelassenheit(manager-magazin.de). So könne man den Terroristen die Stirn bieten, denn würde man die Anschläge einfach als Unfälle ansehen, stellte man (welch Wunder) fest, dass einem die Terroristen gar nichts anhaben könnten. Alles nur Einbildung, Herr Professor? Die Opfer sind dann aber wirklich tot/verletzt, oder betrifft das nur die, die diese irrationale, unbegründete Furcht vor dem Terror hegten? Ach so, klar.
Ich halte solches beschwichtigendes Gerede (auch wenn die dahinterstehende Motivation verständlich ist) erstens für verlogen und zweitens für menschenverachtend, weil es den Terror auf erschreckende Weise banalisiert, ihn uns gleichsam als gewöhnlichen Teil unseres Daseins unterjubeln will. Man möge sich doch endlich mit diesem Terror abfinden, denn dem könne man nun nicht entkommen, frei nach dem merkelschen Dogma der Alternativlosigkeit.
Letztlich sei die Wahrscheinlichkeit einer unerwarteten Lebenszeitverkürzung durch Terroranschläge auch viel geringer als die Gefahr eines tödlichen Verkehrsunfalls. Na, sehr tröstlich, danke auch. Muss oder will man sich an Terroranschläge und hinterhältige Morde gewöhnen wie an den täglichen Verkehrsstau? Kann man das überhaupt gleichsetzen? Terrorgefahr war bislang kein allgemeines Lebensrisiko in einer westlichen Gesellschaft, das auch in den meisten Versicherungspolicen ausgeschlossen bzw. als spezielles Risiko definiert ist und sich eben im Ernstfall zu den herkömmlichen Gefahren des Alltags addiert.
Unfälle sind ungewollte, schicksalhafte Ereignisse. Anschläge sind vorsätzliche Tötungshandlungen mit dem Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten. Mal angenommen, es geht es wirklich „nur“ um Angst. Was, wenn die Menschen sagen: Hey, wir sind ja angstfrei, aber wir wollen uns trotzdem nicht mit dem Terror abfinden. Wie kommt das eigentlich, dass da seltsamerweise seit ein paar Jahren immer mehr Terroristen herangezüchtet werden oder wir mit einem Mal unkontrolliert Fremde ins Land lassen, die eine blitzartige Radikalisierung durchlaufen. Schicksal? Wieso hat das „Schicksal“ so entschieden? Hat Gott falsch gewürfelt? Oder sehen wir da nicht eher auch Ergebnisse bewusster, gezielter menschlicher Fehlentscheidungen? Warum kann/will/darf man das nicht offen eingestehen? Gut, ist auch klar.
Dazu kommt Folgendes: Glaubt denn jemand, dass es Terroristen überhaupt schert, wenn da im Vorfeld eines Anschlags ein paar Dutzend Schwätzer erklären, sie hätten keine Angst vor Terror? Das ändert gar nichts. Kein einziges Massaker, kein Anschlag ließe sich durch schafsähnliche Schicksalsergebenheit (vom Typ „mürrische Indifferenz“) verhindern. Nur die Grundfesten unserer Gesellschaft erodieren allmählich. Was passiert denn, wenn die „mürrische Indifferenz“ zu einer allgemeinen Grundhaltung wird und sich eine trotzige Gelassenheit auch im zwischenmenschlichen Bereich niederschlägt oder sich in einer verschärften Konfrontation mit Ämtern, Behördenvertretern, Politikern zeigt? Wird ein zu mürrischer Indifferenz genötigter Bürger weiter so bereitwillig Steuern, Abgaben und GEZ zahlen? Oder bleibt er lieber gleich trotzig gelassen? Spannende Frage.
Geht es bei dieser medialen Beschwichtigungsstrategie vielleicht eher darum, die Gesellschaft, insbesondere die noch reichlich Steuern und Abgaben entrichtenden Bevölkerungsgruppen entsprechend einzunorden, so dass diese auch in einem robusten Lebensumfeld bzw. unter quasi Bürgerkriegsbedingungen (so lange wie möglich) weiter funktionieren mögen?
Glücklicherweise bedarf es derlei Aufforderungen allerdings gar nicht. Oder muckt jemand auf? Na also. Immer schön die Beine stillhalten – erste Bürgerpflicht.

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