Thomas Magnum – Wegbereiter der Share Economy

Ihr kennt bestimmt noch die TV-Serie „Magnum“ mit Tom Selleck, die in den 80ern über die Bildschirme flackerte? Na klar, kennt jeder. Läuft ja auch noch ab und zu in x-ter Wiederholung auf irgendeinem Kanal. Das war damals im frühen Jugendalter eine meiner Lieblingsserien, wenn ich denn überhaupt eine Lieblingsserie hatte, da ich eh nur selten und dann auch nur heimlich Westfernsehen schauen konnte… Vielleicht waren es die coolen Darsteller, diese ferne exotische Szenerie in Hawaii, die Erzählweise, der Humor, die Running Gags mit Higgins und nicht zuletzt der rote Ferrari – all dies brachte etwas Farbe in meine trübe Kindheit. Obwohl das mit der Farbe schon wieder nicht ganz stimmt, denn ich konnte nur schwarz-weiß sehen; wir hatten ja erst viel später einen Farbfernseher… Aber ich sollte nicht wieder abschweifen. Worauf ich hinauswill oder was vielleicht noch niemandem von euch aufgefallen ist: Ohne sich dessen bewusst zu sein, waren die Macher dieser vortrefflichen Serie wahrhafte Visionäre. Sie haben nämlich die erste Ikone der Share Economy hervorgebracht und geformt.

Denn in Gestalt des stets klammen, aber sympathischen und schlagfertigen Privatschnüfflers Thomas Magnum erkennt man heute unschwer einen Pionier der Sharing Economy-Bewegung: „Teilen statt Haben“ bzw. „Besitzen ist out, Teilen ist in“ – so in etwa lauten bekanntlich die Schlachtrufe und Leitmotive eines seit einiger Zeit von medialen Begeisterungsstürmen begleiteten wirtschaftlichen Trends.

Den Drehbuchschreibern von „Magnum p.i.“ gebührt das Verdienst, das Grundprinzip dieser Sharing Economy entdeckt zu haben: Thomas Magnum hat als weitgehend besitz- bzw. eigentumsloses Individuum bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Vorteile einer Ökonomie des Teilens propagiert und dabei im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen erkannt, wie sinnvoll und ressourcensparend es ist, wertvolle Wirtschaftsgüter, z. B. den Ferrari, sein Appartement, das Anwesen und den Tennisplatz, kurzum den gesamten Besitz von Robin Masters, nach Bedarf zu nutzen, anstatt das schnöde Eigentum für sich zu erwerben. Die fiktive Person des Thomas Magnum kann somit mit Fug und Recht als Vorreiter dieses revolutionären Wirtschaftstrends der Sharing Economy in all ihren bekannten Ausprägungen gelten: Car-Sharing, Couchsurfing, Food-Sharing, Toilet-Sharing, Inanspruchnahme von Privatkrediten zur Förderung des sozialen Gemeinschaftsgedankens (d. h. sich Geld vorstrecken lassen) und nicht zu vergessen die ressourcensparende (meist kostenfreie) Mitnahme im Hubschrauber (der bekanntlich seinem Freund T.C. gehörte) – all dies hat Magnum nutzerseitig bereits mit Erfolg praktiziert – Jahrzehnte vor der Entdeckung einer neuen „Kultur des Teilens“, die gestern erst in einem Artikel auf Spiegel Online von Jungautorin Maria Marquart gelobt wurde.

All diese bahnbrechenden Sharing-Konzepte gab es also bereits in der „guten alten Zeit“, und sie haben ihre Praxistauglichkeit, wie man in den alten Magnum-Folgen staunend sieht, erfolgreich unter Beweis gestellt! Lange bevor Airbnb, Uber und ähnliche Startups und deren Lobbyisten uns hinterwäldlerischen Habenichtsen das Prinzip einer provisions- und entgeltpflichtigen Privatvermietung als Illusion einer neuen Wirtschaftskultur nahebrachten, um auch weitgehend besitzlosen Lohnsklaven das Gefühl der Teilhabe an der Wohlstandsgesellschaft zu vermitteln…

Aber halt, könntet Ihr jetzt einwenden, so war das ja gar nicht: Magnum hat etwas geschnorrt und schmarotzt, weil er sich mit seinen spärlichen und nur sporadisch fließenden Honoraren als Privatermittler nichts leisten konnte und daher eben Robin Masters’ Anwesen proforma gegen Logis als Sicherheitschef betreut hatte. Im Grunde war es eine reine Gefälligkeit, dass Masters und Higgins ihn da wohnen ließen (wobei ja unklar blieb, ob Higgins und Masters nicht ein und dieselbe Person sind, wenn ich mich recht erinnere).
Klar, genau das ist auch der Knackpunkt: Das Prinzip des „Teilens“ greift und funktioniert nämlich nur, wenn jemand bereit ist, jemandem etwas abzugeben bzw. zur Verfügung zu stellen, ohne mehr als einen symbolischen Obolus dafür zu verlangen bzw. ohne aus dieser temporären Überlassung von Eigentum einen Gewinn zu erwirtschaften (und 20% vom Erlös an eine Vermittlungsplattform abzuführen). Hätte der gute Magnum genug Dollars gehabt, um sich eine Wohnung und den Ferrari zu kaufen oder regulär zu mieten, hätte er es sicher nicht nötig gehabt, sich tagtäglich mit dem doofen Higgins und seinen Dobermännern rumzuschlagen.

Aber das, was uns unter dem Buzzword „Sharing bzw. Share Economy“ von Lobbyisten, staats- oder konzernnahen TV-Ansagern und Auftragsschreibern schmackhaft gemacht werden soll, hat mit dem ursprünglichen Gedanken des Teilens und gemeinsamen Nutzens in einer Gemeinschaft im Grunde nichts gemein. Es ist glasklarer Etikettenschwindel.
Wenn man diese Fantastereien hört oder liest, denen zufolge Besitz jetzt unwichtig werde und allein der Zugang zu Dienstleistungen zähle, fasst man sich doch an den Kopf: Es ging und geht immer nur um den Zugang, denn auch beim Besitz bzw. Eigentum geht es letztlich nur um einen (jederzeit möglichen) Zugang zu selbigem, d. h. um die Verfügungsgewalt, aber im Umkehrschluss gilt eben auch: Wenn du kein Eigentum hast, ist es zwar toll, wenn man dir die (theoretische) Zugangsmöglichkeit eröffnet, aber kommt es nicht letztlich allein darauf an, wie hoch die realen (finanziellen) Zugangsschranken sind? Dann spielt es eben, abgesehen von preislichen, steuerlichen und sonstigen Konditionen, keine Rolle, ob du von einem privaten oder einem gewerblichen Anbieter mietest. Das ist dann auch egal, denn es geht eben nicht ums Teilen und Tauschen, sondern ums Vermieten gegen Entgelt. Von den Propagandisten der hippen Vermittlungsplattformen wird uns hier nur alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Basta!

Interessanterweise sind sich sowohl regierungstreue als auch libertäre Kreise in der Bewertung dieses Phänomens einig: Erstere (z. B. Spiegel Online) verweisen allen Ernstes auf kulturrevolutionäre Aspekte dieser notdürftig kaschierten Vermietungsmodelle unter der Ägide US-amerikanischer Konzerne und begrüßen eine neue „Kultur des Teilens“, die freilich von den rückständigen Deutschen noch abgelehnt werde (so dass man sie vermutlich über kurz oder lang wohl zu ihren Glück zwingen müsse). Nebenbei glänzt die Autorin auch durch Unwissen: Zitat (bezogen auf die Fahrdienst-App Uber):
„Wer ohnehin mit dem Auto unterwegs ist, nimmt für ein wenig Geld jemanden mit und schont so noch die Umwelt.“
Was Quatsch ist, denn die Fahrer kreisen wie Taxen in der Stadt und wollen Geld verdienen; UberPop ist ja gerade keine Mitfahrzentrale. Daher wird eben keinesfalls die Umwelt geschont, aber es schreibt sich halt immer gut.

Die zweite Gruppe, zu denen ich libertäre/liberale Kreise zähle, fahren auf einer anderen, wirtschaftlich begründeten Argumentationsschiene, die den Wettbewerbsgedanken hervorhebt. Man meint, den freien Wettbewerb fördern zu können, indem man Branchen und Märkte komplett dereguliert und eine Vielzahl neuer privater Anbieter unkontrolliert agieren lässt und somit dem Kunden die freie Wahl überlässt. Diesen Standpunkt könnte ich noch am ehesten nachvollziehen, sofern man wirklich einen freien Markt zugrunde legt, was ich aber für eine stark idealisierte Annahme halte.

Der Markt wäre meines Erachtens ohnehin nicht frei – nämlich in dem Sinne, dass bei kompletter Deregulierung der betreffenden Branchen sowohl Kunden als auch sämtliche Privatanbieter über kurz oder lang unter der Fuchtel einige weniger US-Konzerne stehen und denen mehr oder weniger ausgeliefert sein würden. Wo gibt’s denn noch echten „Graswurzel-Wettbewerb“? Die kapitalstärksten und einflussreichsten Konzerne würden sich schnell durchsetzen und den Markt abschöpfen. Libertäre gehen mir hier einfach zu blauäugig an die Sache ran.

Vielleicht komme ich später noch mal auf das Thema zurück, wobei mir aber gerade einfällt, dass ich schon mal früher etwas hierzu geschrieben habe (die älteren verwandten Beiträge müssten direkt hier unter diesem Beitrag verlinkt sein).

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4 Antworten auf Thomas Magnum – Wegbereiter der Share Economy

  1. Auhja, die Serie kenne ich auch, auch wenn ich bereits in “Farbe und in buuunt” sehen konnte. Allerdings habe ich dies nie aus diesem Blickwinkel betrachtet. Und da ich mich mit diesem Phänomen des Teilens nie beschäftigt – mein Blick sieht mehr das Prinzip “Divide et impera!” – habe, bin ich dieses Mal, das erste Mal, seit ich hier rum schnüffele, etwas ratlos, was gemeint ist. Dennoch wird es früher oder später daraus hinauslaufen, dass deine letzten 2 Absätze Wirklichkeit werden. 2-3 Großkonzerne teilen sich den Markt, aber halt. In dem Bereich sind wir ja schon. Schauen wir uns doch einmal Ergo, Nestlé oder VW an, die ihren jeweiligen Markt mit verschiedenen Marken dominieren.

    Weder wird das von dir gemeinte Prinzip Bestand und Zukunft haben, zumindest auf “freier” Ebene, noch sich gegen den Markt durchsetzen. Ergo hat diese Form nicht mehr oder weniger als Ziel ->> Augenwischerei. Und das denke ich, hast du auch erkannt. Aber für soviel Wirtschaft ist es mir einfach viel zu früh. Erst mal 3 Kaffee später abwarten ;)

  2. Max sagt:

    Ja, dieses Thema wird ganz gern hochgekocht, wobei ja wirklich mittlerweile alle möglichen Vermittlungs- und Verleihfirmen unter dieser Flagge der Sharing Economy segeln… Was mir aus o.g. Gründen etwas kurios erscheint; gerade diese Woche im TV und in zwei Zeitungen auf ähnliche Jubelarien gestoßen, daher kam mirs nochmal in den Sinn, auch wenn ich schon mal drüber geschrieben hatte. ;-)
    Kaffee trink ich auch gerade…

  3. Ergo kann man quasi davon ausgehen, dass es gepuscht werden soll – und nun nenne mir dafür mal deinen Grund, den du dafür erdenken würdest ;)

    • Max sagt:

      Also meinerseits muss es nicht gepusht werden :-) Aber in den Medien wird es eindeutig gepusht. Die Firma “Uber”, hinter der auch Google steht, hat z.B. einen ehemaligen Wahlkampfberater von Obama als Lobbyisten angeheuert. Daran kann man schon ersehen, wie potentiell einflussreich die sind bzw. mit welchem Elan diese “Startups” ihre Interessen vertreten. Das hat sicher Auswirkungen auf die Berichterstattung in den Medien.
      Ist ja nur so, dass der Beitrag mir thematisch gut passte und ich mich an Magnum erinnert hatte. Das Posting kam jetzt ehrlich nur zustande, weil ich mich gestern über den SPON-Artikel geärgert hatte – ich hatte seit vielen Wochen das erste Mal aufs Spiegel-Portal geklickt und sah dann gleich Grafiken, denen zufolge die Deutschen wieder als Deppen dargestellt wurden, die diesen tollen Trend ablehnen würden…
      Aber spricht ja jetzt nicht sooo viele Leser an, das ist klar..

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