Missverstanden

DSCN2245Natürlich war das kindisch, ich weiß. Kein Grund zum Ausrasten. Sicher ließ man sich früher leichter provozieren, man war ja jünger. Zu allem kam aber immer dieses arrogante Grinsen, das einen auf die Palme brachte und das Fass zum Überlaufen gewissermaßen. Nicht, dass ich das entschuldigen will. Aus heutiger Sicht einfach lächerlich. Ein nichtiger Anlass, nur ein Missverständnis, über das man hätte reden können. Normalerweise war ich auch nicht nachtragend. Man hätte sich einigen können, ein Angebot unterbreiten, Konflikte gütlich, auf dem Diskurswege lösen und das tägliche Zusammenleben friedlich aushandeln, so wie es heute im Sozialkundeunterricht gelehrt und von den Medien empfohlen wird. Armlänge Abstand und so weiter, das hilft natürlich enorm. Wusste man aber damals nicht. Wir waren noch nicht so weit. Und doch erfüllte es mich mit Genugtuung. Oder Zufriedenheit. Nein, es ließe sich eher als ein in jeder Hinsicht befreiendes Gefühl beschreiben. Es fühlte sich an, als ob eine Last von mir genommen wurde. Ja, irgendwie schon. So muss ich mich gefühlt haben.

Als die Spitzhacke aus seinem Kopf ragte, grinste er nämlich nicht mehr. Hielt endlich sein Maul. Ich hatte mit der spitzen Seite der Hacke nicht genau ins linke Auge des Schädels getroffen, wie ich es mir vorgenommen hatte, sondern den Pickel etwas nach oben verrissen, ging in die Stirn. Er hatte gezuckt, im entscheidenden Moment nicht stillgehalten. Oder ich hatte den Stiel nicht richtig im Griff, war nicht gut ausbalanciert. Wir benutzten die Spitzhacke ja nur selten, nur zum Aufbrechen von hartem Erdreich oder steinigem Untergrund. Das war ja nicht so oft nötig, da wir an den meisten Orten lockeren körnigen oder sandigen Boden hatten. Schädel sind ohnehin immer schwer zu treffen. Man will nicht zu weit ausholen, aber nur aus dem Handgelenk heraus geht bei dem Gewicht natürlich auch nicht. Man braucht immer etwas Schwung. Masse mal Beschleunigung ergibt pure Kraft. Da liegt Physik in der Luft, sagte Vater immer, wenn er mit der Hand ausholte. Vater hatte ja Recht. Da sage mal noch einer, man hätte in den vielen Kinder- und Schuljahren nur nutzloses Wissen in seinen Eierschädel hineingestopft. Nein, für’s Leben lernt man, das stand mir glasklar für Augen, als der leblose Körper vor mir lag. In seltsam verkrümmter Haltung, und das rechte Auge starrte nach oben in den blauschwarzen Himmel hinter den kargen Baumkronen. Ziemliche Sauerei, die ich angerichtet hatte. Dauerte eine Weile, alles zu beseitigen. Einen kleinen Feldspaten, ich meine einen Klappspaten, den hatte ich auch. Der ließ sich am Stiel zusammenklappen, wie der Name schon sagt. In Chemie und Bio war ich auch gut. Der vorher noch extra blank geputzte Stahlkeil des hochwertigen Werkzeugs war nun mit Blutspritzern und Hirnmasse befleckt. Ich polierte damals sogar noch mit Elsterglanz, da noch kein Putzmittel aus westlicher Produktion erhältlich war. Jedenfalls war alles besudelt. Ging aber trotzdem glatt durch, und hinten kam die Spitze auch schon wieder raus. Aber dieses überhebliche Grinsen, das uns alle immer so gestört hatte, war ihm vergangen. War ein für alle Mal aus seinem Gesicht verschwunden, getilgt. Nicht für mich tat ich es, sondern für uns, für alle. Für die Gesellschaft. Jemand musste es tun. Erledigt. Und das war gut so. Ja, so war das gut. Endgültig. Nie stand mir die Bedeutung dieses Wortes klarer für Augen als bei diesem Anblick. End-Gültig! Ein Abschluss, wie er vollendeter nicht sein konnte. Finito. Ein Wort wie eine Offenbarung. Das Ding, das mal Kopf war, mit der spitzen Seite des Pickels drin, schaute nicht mal ängstlich aus. Kurz vorher war da nur ein Anflug von Überraschung gewesen, sogleich abgelöst von Erleichterung, als er sich zu mir umgedreht hatte. Ein Rascheln hatte er bestimmt gehört. Mehr nicht. Ich war aber nicht mal ansatzweise so leise, wie ich dachte. Anschleichen war nicht mehr mein Ding. Als Kinder hatten wir das ja dort am Steinbruch immer geübt, wollten so sein, wie Tokei-ihto von der Bärenbande oder Winnetou, der Nazi-Indianer, der seinen Stamm verraten hatte. Oder Old Shatterhand, der völkische Held des Kaiserreichs im Wilden Westen, der hatte es uns auch angetan. Wir waren ja so verblendet. Aber darauf kam es gar nicht mehr an. „Ach du bist’s“, presste er erleichtert heraus. „Gott sei Dank. Hast du mich erschreckt.“ Er atmete die kühle Nachtluft tief ein, zum letzten Mal, und erblickte die pendelnde Hacke in meiner Hand: „Wozu hast du denn die …“ So ist es ja immer. Eigentlich sagen alle immer das Gleiche in diesem Moment. Und mehr war da im Grunde auch nicht. Mehr ist jedenfalls nicht zu erzählen. Wo wäre ich heute, wenn das nicht passiert wäre? Eben, ganz genau. Müßige Frage. Was getan ist, ist getan.
Wie schon gesagt, andere Zeiten, andere Diskurskulturen. Wobei man unsere Vergangenheit da natürlich auch nicht wildwestmäßig oder romantisch verklären darf. Also man sollte die alte Zeit ruhen lassen und nicht als romantisches Vorbild sehen. Das sagen ja unsere Politiker auch immer, dass es diese gute Vergangenheit so gar nicht gegeben hat. Das bildet man sich doch nur ein, sagen sie, nur die Gegenwart zählt. Und ich sage mir dann, okay, vielleicht auch gut so, dass es diese Vergangenheit nie gegeben hat. Schwamm drüber.

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