Mostly sunny, some clouds

Gemüse aßen wir eigentlich immer gern. Iss, sagte Mutter. Ist gesund, ist genug da. Na ja, nicht genug, aber reichlich. Vitamine sind unheimlich wichtig, meinte sie ja immer und schwafelte noch weiter, wie sie immer schwafelte. Zitronen mochte ich sowieso, die gab es immer reichlich. Okay, Zitrone ist Obst, Zitrusfrucht eben. Zurück zum Gemüse. Paprika war eher nicht so mein Ding. Aber Tomaten, Gurken, Salat gab’s auch genug. Die Versorgungslage war bedarfsdeckend. Besonders gut aber in der letzten Aprilwoche und Anfang Mai 1986. Die ersten sonnigen Tage. Ich glaub’, es hatte auch ab und zu mal geregnet. So ein angenehmer, belebender Frühlingsregen war das, den man jetzt auf der Haut spüren möchte. Was spotteten wir über unseren alten Physiklehrer, den man gebückt durch die Salatreihen seines Schrebergartens schleichen sah. Mit einem Geigerzähler, mit dem der alte Trottel die angebliche Radioaktivität messen wollte. Voll das Opfer war der. Schlappgelacht haben wir uns über solche Idioten, die da dieser westlichen Propaganda auf den Leim gegangen waren. Na wegen des Brandes im Reaktorblock 4 damals. Dabei gab’s doch gar keine gesundheitlichen Gefahren. Die Lehrer klärten uns da auf. Sonst hätte uns die Regierung natürlich was gesagt, ich meine, wenn da ein Risiko bestanden hätte. Plumpe antisowjetische Hetze vom Klassenfeind, von Seiten der reaktionären Kreise der BRD war das. Unbegründete Ängste wollte man schüren. Ja, auch damals schon. Bei einigen Leuten verfing diese Stimmungsmache, sollte man auch nicht verschweigen. Die leichtgläubigen Angstbürger wollten das gute Gemüse nicht essen, die frische Milch nicht trinken. Faselten da was von latenter Strahlenbelastung und Radioaktivität in Nahrungsmitteln, eben nur was sie so aufgeschnappt hatten bei den Hetzern und Panikmachern im reaktionären Westen. Haha, Strahlung. Wegen eines unbedeutenden Störfalls in einem Kraftwerk in der fernen Ukraine. Und das wurde dann von den BRD-Nazis instrumentalisiert. Huhu, die Todesstrahlen des Dr. Mabuse, witzelten wir, wenn eine unserer Mitschülerinnen ihren unbegründeten Ängsten Ausdruck verlieh. Uns hatte man ja genau erklärt, wie harmlos das alles war. Unser Staatsbürgerkundelehrer, der wusste das. War immer top informiert der Mann. Ein Brand, der wird gelöscht, Schwamm drüber, Deckel drauf. Bissel Strahlung ist immer, völlig normal, tut gar nichts. Ja, wir hatten Spaß damals und freuten uns über den strahlenden Sieger der Friedensfahrt. Olaf Ludwig, der machte das Rennen. Wow, was man alles noch weiß, wa? Im Frühsommer fuhr unsere Parallelklasse übrigens zur Abschlussfahrt nach Kiew. Von uns fuhren auch einige mit, nur die Besten. Ich aber nicht. Nö. Das hatte aber nichts damit zu tun. Natürlich nicht.

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