Mutti ist die Beste… oder nicht?

Ich kann nicht mehr genau sagen, wann Angela Merkel zu „Mutti“ wurde.

Eine Legende geht so: Kurz nach ihrer zweiten Krönungszeremonie begab es sich, dass die gerade im Amt bestätigte Kanzlerin beim Verlassen des Reichstags ihren ehemaligen glücklosen Wirtschaftsminister Michael Glos erblickte, wie er eilig aus dem Gebäude huschte. Sie ermahnte ihn wohl gönnerisch, mit gespielt strengem Unterton, doch seinen Mantel zuzuknöpfen, auf dass er sich keine Erkältung zuziehen möge.

Michael Glos soll daraufhin säuerlich gelächelt und irgendetwas erwidert oder sich seinen Teil gedacht haben. Seit dieser Zeit hat Frau Merkel ihren Spitznamen weg.

Zunächst soll Angela Merkel parteiintern das Prädikat Mutti verliehen worden sein, das später von der Presse dankbar schnell aufgegriffen und verbreitet wurde. In Politikerkreisen, insbesondere in der CDU-Männerriege, wird der Titel Mutti, so hat es den Anschein, manchmal mit einem spöttischen, jedoch auch ehrfurchtsvollen Ton gebraucht, während in der bundesdeutschen Öffentlichkeit und in Zeitungen eher das Bild von der liebevoll-strengen Mutter der Nation beschworen wird. Man hat sich an unsere fürsorgliche Bundesmutti gut gewöhnt…

Angela Merkel selbst scheint der Mutti-Kult um ihre Person nichts auszumachen. Es mag sogar sein, als kokettiere sie mit dem Bild der hausfraulich wirkenden Mutter der Nation, die ihre unmündigen Kinder umsorgt.

In Wahrheit sagt die Art und Weise ihrer Titulierung als Mutti viel mehr über den Zustand der CDU als über die Trägerin dieses meines Erachtens wenig schmeichelhaften Prädikats aus.

In der Tat ist Angela Merkel keinesfalls ein Muttchen und verströmt keinen bräsigen hausfraulichen oder mütterlichen Charme. Sie ist nach Beseitigung oder Rückzug aller innerparteilichen Opponenten die uneingeschränkte Herrscherin über die CDU, die unter ihrer Ägide von konservativen Werten bereinigt, gleichsam entkernt und durchsozialdemokratisiert wurde.

Dennoch gefällt sie sich offenbar in einer Art symbolischer Mutti-Rolle, da sie ihr zu nützen oder zumindest nicht zu schaden scheint. In selbstgefälliger Manier neigten die männlichen CDU-Granden wohl dazu, eine als Mutti titulierte Frau zu unterschätzen und nicht als ernstzunehmende Gegnerin zu betrachten. Ich denke daher, dass hierin auch die ursprüngliche Motivation derer zu suchen ist, die diesen Spitznamen prägten.

Jedoch ist Angela Merkel ganz im Widerspruch zum althergebrachten Mutti-Image eher machtbewusst, kontrolliert und eine aufmerksame Beobachterin des politischen Geschehens. Sie ist intelligent, wirkt aber nicht verkopft-intellektuell, da sie in der Lage ist, komplizierte Sachverhalte in einfach gestrickten, leicht verständlichen Wortmustern auszudrücken. Wir, das Volk, lieben es, Sätze wie diese zu hören:
„Griechenland muss seine Hausaufgaben machen.“
„Wir alle müssen uns mehr anstrengen.“
„Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“

Einprägsame Sätze, Binsenweisheiten, feierlich vorgetragene, aber unverbindliche Versprechen – gesprochen im gut einstudierten Duktus einer scheinbar naiven Kindergärtnerin. Man mag sich an den Kopf fassen und denken: Mein Gott, dass „die“ es soweit bringen konnte… aber nein – eine Vorstellung, die grundlegend täuscht:

Es ist kein Zufall und nicht allein der Unfähigkeit und Zögerlichkeit ihrer außer- und innerparteilichen Widersacher geschuldet, dass Frau Merkel nun schon deutlich länger über Partei und Staat gebietet als viele ihrer Vorgänger. Ihre Stellung ist ähnlich unangefochten wie die ihres Vorbildes, der russischen Zarin und Reformerin Katharina II., deren Bild angeblich auf ihrem Schreibtisch thront. Und angesichts eines sich selbst demontierenden SPD-Kanzlerkandidaten hat Frau Merkel derzeit sogar beste Aussichten auf eine erneute Kanzlerschaft.

Vielleicht wird Frau Merkel dereinst als Symbol für den bundesdeutschen Siegeszug eines starken Matriarchats gelten, das die Politik der miefigen Bimbesrepublik, die von zögerlichen, von Selbstzweifeln geplagten und wurstfingrigen Männern bestimmt wurde, komplett umgekrempelt hat.

Möglicherweise verkörpert unsere Kanzlerin ja tatsächlich, obschon sie keine eigenen Kinder hat, einen speziellen Mutti-Typ, der nur eben besondere Facetten aufweist.

Denn viele „Mutti-Frauen“ sind leider nicht nur die liebevollen und treusorgenden Hüter ihrer Kinder und Familienangehörigen, sondern kompromisslose Machtmenschen, lupenreine Familiendespotinnen, die stets die alleinige und uneingeschränkte Kontrolle über die von ihr abhängigen Personen behalten. Derartige Muttis erliegen oft einem zwanghaften Kontrollwahn, treffen alternativlose Entscheidungen, dulden keine abweichenden Meinungen, bestrafen Illoyalität und belohnen treue Gefolgschaft und Wohlverhalten.

Aber wie erklärt sich die nahezu widerstandslose Kapitulation und Nibelungentreue der gesamten CDU-Riege, abgesehen von einigen innerparteilichen Querulanten, die sich mittlerweile aus der aktiven Politik zurückgezogen haben?
Söhne, die in der Kindheit unter einem „Mutti-Komplex“ leiden, werden unter solch ungesundem mütterlichem Einfluss zu schwachen, unselbständigen Mutti-Männern erzogen. Sobald diese Muttersöhnchen auf ihrem späteren Karriereweg in einem typischen Mutti-System, wie es auch eine bürgerliche Partei ist, auf einen ähnlich charakterstarken Frauentyp treffen, laufen sie Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.
Sie werden sich sodann alle Mühe geben, „Muttis Liebling“ zu werden, da sie deren Zuwendung brauchen wie die Luft zum Atmen.

Der Arzt und Psychoanalytiker Torsten Milsch hat übrigens zu diesem Thema ein Buch verfasst („Mutti ist die Bestie: Die heimliche Diktatur vieler Mütter“).

In Gestalt von Ursula von der Leyen und Hannelore Kraft (SPD) stehen nun bereits zwei weitere potenzielle Über-Muttis bereit, nach einem etwaigen, jedoch derzeit nicht absehbaren Abtreten unserer aktuellen „Bundesmutti“ das Zepter zu übernehmen.

Deutet sich hier möglicherweise ein dauerhafter Paradigmenwechsel in der gesamten bundesrepublikanische Politik an, etwa die Verdrängung der „alten weißen Männer“ von den Schalthebeln der Macht? Hmm, wenn ja, wäre das schlimm?

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Eine Antwort auf Mutti ist die Beste… oder nicht?

  1. Danke. Genau meine Sichtweise. Dem ist soweit auch nichts mehr hinzuzufügen …

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