Patient X

Irgendein frostiger Freitag im November oder auch Anfang Dezember. Auf den Straßen ist es neblig und kalt. Regierungspressekonferenzen finden häufig freitags statt. Nicht ungewöhnlich also, dass heute eine angesetzt ist. Im Konferenzsaal haben die Sprecher der Ministerien bereits ihre Plätze auf dem Podium eingenommen. In der Mitte hat man einen Platz für den neuen Regierungssprecher freigelassen. Zwei Sprecherinnen tuscheln leise hinter vorgehaltener Hand miteinander. Die in den ersten beiden Reihen hockenden Fotografen und Kameraleute schauen gelangweilt in der Gegend herum oder hantieren routiniert an ihren Apparaten, justieren, fokussieren oder kalibrieren und tun, was auch immer zur Vorbereitung der staatstragenden Aufnahmen und Optimierung der Bildqualität noch zu tun ist.

Es ist 11:30 Uhr, als der neue Regierungssprecher Reichert den Konferenzsaal betritt und seinen Platz am Podium einnimmt. Er wirkt fast etwas gehetzt und scheint sichtlich bemüht, seine leichte Unsicherheit zu verbergen, die in Anbetracht seiner erst jüngst erfolgten Ernennung verständlich ist. Im Politikgeschäft ist er, der ehemalige Spiegel-Redakteur, noch unerfahren, auch wenn man ihn bereits zum engsten Mitarbeiterkreis der Kanzlerin zählt. „Merkels neuer Dackel“, so spottet man im politischen Berlin über ihn; er sei auch eine Ausgeburt der merkelschen Günstlingswirtschaft – wobei derlei höhnische Titulierungen selbstverständlich nur von böswilligen Neidern und Konkurrenten aus den Reihen der oppositionellen Parteien gestreut werden. Der Mann, gerade von einem ausgiebigen Urlaub zurückgekommen, wirkt hingegen durchaus sympathisch, und vor dem Hintergrund der blauen Wand kommt sein sonnengebräuntes Gesicht besonders gut zur Geltung.

Ein kurzes Räuspern. Der Vorsitzende eröffnet die Pressekonferenz mit fester Stimme: „Guten Tag, meine Damen und Herren. Herzlich willkommen zur Regierungspressekonferenz mit Regierungssprecher Reichert sowie den Sprecherinnen und Sprechern der Ministerien. Ich überspringe heute ausnahmsweise mal die üblichen Mitteilungen zu Personalien und Terminen der Kanzlerin und übergebe gleich das Wort an unseren Regierungssprecher, Herrn Staatssekretär Reichert.“

„Guten Tag, meine Damen und Herren! Ich möchte Ihnen zunächst mitteilen, dass die Bundeskanzlerin dem französischen Ministerpräsidenten ein Kondolenztelegramm… also ähm… (er stutzt kurz und blättert in den vor ihm liegenden Papieren) also ich sollte vielleicht besser… oder um das mal abzukürzen: Ich möchte ich Ihnen mitteilen, dass die Bundeskanzlerin einer Reihe von Regierungen und Parlamenten europäischer und außereuropäischer Staaten Kondolenztelegramme aus Anlass des plötzlichen Ablebens einiger führender Politiker und Staatsoberhäupter übersendet hat. Die Abschriften der Telegramme und die genaue Aufstellung aller Namen der Verstorbenen entnehmen sie bitte den Handouts, die meine Mitarbeiter nachher (blickt sich kurz wie hilfesuchend um) an Sie ausreichen werden.“

Leise Unruhe regt sich im Konferenzsaal. Die anwesenden Journalisten schauen sich verstört und verständnislos an. Was soll das, mögen sie denken. Die Köpfe der Kameraleute bleiben ungerührt an den Okularen ihrer Fernsehkameras kleben.

„Leider bin ich aufgrund dringender geschäftlicher Angelegenheiten und Termine der Kanzlerin gezwungen, diese Konferenz vorzeitig zu verlassen. Ich übergebe das Wort daher gleich an die Sprecherin des Gesundheitsministeriums, Frau Virukalios, die Sie über alles Weitere in Kenntnis setzen wird.“ Kurze Pause, dann ergänzt er: „Es besteht im Übrigen kein Anlass zur Sorge.“ Bereits im Aufstehen rafft Reichert einige Dokumente zusammen, stopft sie in seine Aktentasche, greift nach seinem Smartphone und hastet aus dem Saal, ohne sich noch einmal umzublicken.

Maria, eine blutjunge hübsche Sprecherin des Gesundheitsministeriums, die heute kurzfristig für einen älteren, erfahrenen Kollegen einspringen musste, wirkt überrascht und schaut schuldbewusst in die Runde, fast so wie damals in der Schule, als sie einmal ihre Hausaufgaben nicht erledigt hatte und dann am folgenden Tag prompt von ihrem Lehrer zur Tafel beordert worden war. Sie hasste dieses Gefühl des Unvorbereitetseins. Sie war von Minister Grötz nicht ordentlich gebrieft worden und muss nun improvisieren, sich in Worthülsen flüchten, obwohl dies natürlich ein maßgeblicher Teil ihres Aufgabenbereichs ist…

„Nun, guten Tag, meine Damen und Herren. Ähm, wie sie wissen, ist …“ Einer der hinter ihr stehenden Referenten reicht ihr jetzt ein Dokument, das sie kurz überfliegt und dann vor sich auf den Tisch legt. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich leicht, was aber kaum jemandem auffällt. Sie trinkt einen kleinen Schluck Wasser aus dem vor ihr auf dem Tisch stehenden Glas…
„Wie sie wissen, sind viele unserer Mitmenschen in der Bundesrepublik angesichts der Risiken in Zusammenhang mit den jüngst bekannt gewordenen Erkrankungsfällen beunruhigt. Lassen Sie mich an dieser Stelle eine kurze Mitteilung von Bundesgesundheitsminister Hermann Grötz vortragen, der sich leider aufgrund einer leichten Unpässlichkeit heute nicht persönlich an die Bevölkerung wenden kann: Liebe Mitbürgerinnen und -bürger. Unser Land steht vor großen Herausforderungen, die wir aber wie schon oft in der Vergangenheit bewältigen werden. Wir sind ein starkes und reiches Land. Bleiben Sie ruhig, und verzagen Sie nicht. Verfallen Sie nicht in Panik. Das wäre nicht hilfreich. Eine Obola-Infektion ist auch kein Todesurteil. Wir können, sofern wir den körperlichen Kontakt mit Infizierten vermeiden und auf gute Körperhygiene achten, unbesorgt sein, denn unser Gesundheitssystem ist gut aufgestellt und gilt zu Recht als eines der besten und effizientesten der Welt. Daher besteht auch keinerlei Absicht, diskriminierende Einreisekontrollen, inhumane Quarantäne- oder sonstige Präventionsmaßnahmen gegen eine Einschleppung des potenziell tödlichen hämorrhagischen Fiebers und anderer Infektionskrankheiten durch Touristen, Flüchtlinge und Zuwanderer einzuführen. Wie auch unsere Kanzlerin mehrfach sagte: Deutschland ist ein offenes Land. Unsere Offenheit ist alternativlos. Es darf nicht der Anschein erweckt werden, als sei unsere deutsche Willkommenskultur gefährdet.“ Eine kurze Pause trat ein. Nur ein leises, verstohlenes Hüsteln war hörbar.
„Soweit also die Mitteilung des Bundesgesundheitsministers.“
„Noch Fragen? Lassen Sie mich noch eines hinzufügen.“ Maria schaute kurz auf ein zweites Blatt und richtete dann ihren Blick wieder auf einen imaginären Punkt irgendwo hinten im Saal. Das half ihr stets, sich zu konzentrieren. Sie sprach weiter:
„Unsere Politik ist es, die Krankheit an ihren Ursprungsorten zu bekämpfen. Aus diesem Grunde suchen wir auch weiterhin nach freiwilligen Helfern aus der Bevölkerung, die bereit sind, vor Ort in Westafrika Hilfe bei der Aufklärung und Pflege der Erkrankten zu leisten. Es muss sich dabei auch nicht unbedingt um medizinisches Personal handeln. Jeder ist willkommen. Ähm, ich meine, jeder ist aufgerufen, vor Ort Unterstützung zu leisten. Allen infizierten Helfern kann die Bundesregierung einen kostenlosen Rücktransport garantieren. Gegebenenfalls übernehmen wir auch die Kosten für die Einäscherung und zahlen einen angemessenen Trauerzuschuss an die Angehörigen der Helfer für diesen Dienst an der Gesellschaft.“ Leises Raunen setzte im Saal ein. Maria sprach nun lauter, um das undeutliche Gemurmel zu übertönen.

„Gesucht werden ebenfalls Freiwillige, die sich bereit erklären, die Arbeiten im Rahmen der Erdnuss- und Kakaoernte in Westafrika zu unterstützen. Wie Sie ja wissen, sind aufgrund der grassierenden Obola-Epidemie viele afrikanische Landwirte momentan nicht imstande, ihre Ernte einzubringen. Besonders wir als Deutsche sind uns unserer besonderen Verantwortung für diese Menschen bewusst, die unter den Folgen einer Jahrhunderte langen Kolonialherrschaft und Ausbeutung zu leiden haben. Und gibt es einen besseren Dienst an der Gesellschaft, als unterdrückten, erkrankten Menschen bei der Ernte zu helfen?“

Eine Reporterin wirft hastig eine Zwischenfrage ein: „Was ist dran an den Gerüchten, denen zufolge Hartz4-Empfänger als Erntehelfer zwangsweise rekrutiert und massenweise nach Afrika verschickt werden sollen?“
„Nein, da ist natürlich nichts dran. Es gibt keinerlei Planungen, derzeit… ähm, ich möchte betonen, es besteht keinesfalls die Absicht, Hartz4-Empfänger als Erntehelfer zwangszuverpflichten. Wir werben hier vorerst nur um Freiwillige und haben eine Anzahl in Frage kommender Leistungsempfänger identifiziert und angeschrieben. Der Rücklauf ist bisher sehr ermutigend, wird berichtet. In den nächsten Tagen werden auch weitere Informations- und Mediatorenteams in den Jobcentern zusammengestellt, die das Gespräch mit geeigneten Personen suchen, um sie zu überzeugen…. werden uns weiterhin bemühen… aber keine Garantie…. Lediglich vereinzelte Redefetzen und vernuschelte Wörter waren jetzt noch zu hören; der Rest ihrer Rede ging in einem unverständlichen Wust aus Stimmenwirrwarr und allgemeinem Lärm unter…

Während Maria sprach, war Tumult im Saal aufgekommen. Einige Journalisten hatten den Saal während der Rede bereits verlassen. Ein allgemeines Stühlerücken setzte nun ein. Jemand stolperte, fiel und riss eine Kamera mit sich, die mitsamt Stativ auf den Boden krachte; andere stiegen über den Mann hinweg und versuchten dabei, jede körperliche Berührung und jeden Kontakt zum Nebenmann oder zur Nebenfrau zu vermeiden, was irgendwie komisch aussah, wie Maria unwillkürlich denken musste. Jemand hustete. Panik griff um sich.

Der Vorsitzende nutzte die Gelegenheit, um die Pressekonferenz zu beenden und sich nach einem kurzen Blick auf sein Smartphone durch die rückwärtige Saaltür zu entfernen. Es entstand kurzzeitig ein unwürdiges Gedränge, da auch die übrigen Sprecher, Referenten und Bediensteten gleichzeitig nach draußen strebten… Der Saal hatte sich nun fast geleert.

Maria griff nach einem der letzten Salbeibonbons in ihrer Tasche. Seit heute früh plagten sie Halsschmerzen, nicht ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Zu Beginn des Winters bekam sie immer leicht einen Schnupfen. Das Reden mit trockenem Hals fiel ihr schwer.

Draußen hatte jetzt leichter Regen eingesetzt, wie man bei einem Blick aus dem Fenster erkennen konnte. Obwohl der Saal gut geheizt war, überlief sie ein Frösteln…

Herrmann Grötz wachte schweißgebadet aus seinem Alptraum auf. Ja, er hatte wieder einmal schlecht geträumt, konnte sich aber an keine Einzelheiten des Traums erinnern… „Liegt bestimmt am Wetterumschwung, vielleicht auch an meinem vollen Magen“, dachte er und wischte sich mit dem Ärmel seines Pyjamas den Schweiß von der Stirn. Hätte er sich bei dem fetten Schweinebraten gestern Abend vielleicht lieber etwas zurückgehalten. Er dachte an das gemeinsame Essen mit dem Finanzminister am letzten Abend zurück und nahm sich zum hundertsten Male vor, sich für alle Fälle endlich mal eine Flasche mit einem guten Magenbitter reservieren zu lassen.

Leise seufzend, um seine Frau nicht zu wecken, drehte er sich auf die Seite und kuschelte sich wieder in seine weiche, allergikergeeignete Decke ein. Vielleicht gelang es ihm, wieder einzuschlafen. Heute war schließlich wieder ein langer Tag. Er musste wieder an die Kanzlerin denken, der er heute wieder Bericht erstatten würde. Immer wenn er an die Kanzlerin dachte, kam ihm diese alte Geschichte in den Sinn, diese für ihn äußerst demütigende Begebenheit vor langer Zeit, als sie ihm damals am Wahlabend auf der Bühne mit tadelndem Gesichtsausdruck dieses kleine Fähnchen, diese Deutschlandflagge aus der Hand genommen und wie angeekelt beiseite gelegt hatte… Wie einen dummen Jungen hatte sie ihn behandelt. Es war so lächerlich und beschämend für ihn gewesen. Er hatte sich diese traurige Szene später einige Male auf Youtube angeschaut. Seine damalige Feigheit gegenüber Merkel quälte ihn immer noch, obwohl es heute sicher niemanden mehr interessierte. Aber warum hatte er sich das nur gefallen lassen? Wo war sein Stolz, sein Ehrgefühl geblieben? Hermann Grötz wälzte sich unruhig auf seiner keimfreien Latexmatratze hin und her und versuchte, die unangenehmen Gedanken zu verscheuchen. Die Geister der Vergangenheit plagten ihn… Er dachte an seine Freunde und die Bekannten aus dem Wahlkreis, die Menschen da draußen. Egal. Man konnte nichts mehr für sie tun. Dunkelheit und Stille. Nur leise, fast unhörbar surrten die Ventilatoren der Belüftungsanlage, die den hermetisch abgeriegelten Regierungsbunker rund um die Uhr mit viren- und keimfreier Frischluft versorgten.

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2 Antworten auf Patient X

  1. Interessantes Ende – aber vorhersehbar ;)

    Der “Film” erinnert mich irgendwie an World War Z oder Resident Evil … nur zu traurig, das es zumindest ansatzweise ähnlich werden könnte. Aber sehr gut geschrieben, bekommt eine 1+ mit Sternchen und allem Bribaborium.

    • Maxx sagt:

      Danke, Dark Lord. Ja, da haben sich im Laufe des Schreibens wohl einige dystopische Fantasie- und Realitätsstränge ineinander verhakt und verheddert, was aber nicht beabsichtigt war… Hmm. ;-)

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