Rätselhafte Karten

Kennt Ihr diese nervigen Visitenkarten diverser Gebrauchtwagenankäufer, die einem hier ständig ans Auto gesteckt werden? Nach meinem Empfinden ist es dreistes und penetrantes Direktmarketing. Aber es scheint zu funktionieren, sonst gäbe es dies unter streng marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten in Zeiten der Internet-Marktplätze wohl nicht (mehr). Müsste man doch mal untersuchen, ob da tatsächlich ein nennenswerter Prozentsatz der werberelevanten Zielgruppe einen solchen Gebrauchtwagenankäufer anrufen und sich davon wiederum geschätzt vielleicht 10 % übertölpeln ähm überzeugen lassen, dessen generöses Angebot anzunehmen?
DSCN3571Ich frage mich immer, ob es wirklich Leute gibt, die diesen physischen Spam als faires Serviceangebot begreifen. Jeder Autobesitzer, den ich kenne oder zufällig beobachte, schmeißt diese lästigen Karten auf die Straße, wo sie auch liegen bleiben, bis sie mutmaßlich irgendwann vom BSR-Kehrwagen (Motto: „We kehr for you“ – war mal witzig) von der Straße gesaugt oder beim nächsten Regenguss in den nächsten Gully gespült werden. Früher waren das noch einfache Pappkarten oder Papierzettel, auf denen in ungelenkem Deutsch irgendwas unfreiwillig Komisches draufstand: „Du wolle Auto verkaufe? Zahle gut. Bargeld sofort.“ Nur als Beispiel natürlich. Aber der Punkt ist: Man hat drüber gelacht, vielleicht hat man auch mal einen dieser Zettel für alle Fälle aufgehoben, aber in der Regel hat man sie zerrissen und in alle vier Winde zerstreut. Das geht nun nicht mehr, da man die folienbeschichteten oder unverrottbaren laminierten Karten erstens kaum noch zerreißen kann. Zweitens werden die parkenden Autokolonnen im Kiez tagtäglich mit solchen Karten buchstäblich überflutet. Ungelogen, fast jeden Tag muss ich so eine beschissene Karte aus dem Dichtungsgummi der Seitenscheibe rauspopeln oder unter dem Türgriff rausfischen.
Mittlerweile scheint eine professionell organisierte Ankäufergilde täglich Schwadronen von Kartenverteilern loszuschicken, die morgens jedes einzelne Fahrzeug mit ihren lästigen Werbeträgern im Kreditkartenformat bestücken. Meist stecken die Dinger zum Glück nur gefaltet an der Fahrerseite unter dem Türgriff, von wo sie mit geübter kecker Handbewegung weggefegt werden und direkt auf die Straße segeln; oder sie kleben an der Seitenscheibe und sind somit unter den Dichtungsgummi gequetscht, was einem empfindsamen Autobesitzer schon seelischen Schmerz verursacht. Ich hasse solche Werbung wie die Pest und würde aus Prinzip nie bei solchen Aufkäufern anrufen. Okay, aber offenbar scheint das Geschäftsmodell, wie schon gesagt, zu funktionieren, sonst würde man es wohl nicht tun; jedenfalls hätte sich diese Kartenpest sonst nicht so massiv verbreitet. Es scheint sich zu rechnen, d. h. ein gewisser Prozentsatz der Verkäufer muss ja wohl tatsächlich für derlei Geschäftsanbahnungsmethoden empfänglich sein. Wie viele dieser Karten muss man da wohl drucken und verteilen lassen, damit sich das rentiert? Na gut, es lohnt sich vielleicht in einer Stadt wie Berlin, aber solche Karten fallen hier jährlich bestimmt tonnenweise an…
DSCN3569Aber davon mal abgesehen: Als seriöser Geschäftsmann im Gebrauchwagengewerbe – wenn es so etwas gibt – würde mir die Vorstellung nicht gefallen, dass die überwiegende Mehrheit meiner Visitenkarten im Straßendreck landet und mein Name gewissermaßen mit Füßen getreten wird. Obwohl da andererseits gar kein Name draufsteht, sondern meistens nur eine Mobiltelefonnummer. Jedenfalls scheinen sich doch immer mehr Kfz-Ankäufer auf diese lästige und nicht gerade umweltfreundliche Art der Werbung zu verlegen, was mich eben wunderte.
Apropos „umweltfreundlich“ – dazu gibt’s auch einen vorbildlichen Hinweis, wie man sieht:
Karte
„Bitte diese Karte nicht wegwerfen. Schonen Sie Ihre Umwelt.“ Wenn das so ist, werde ich die natürlich aufbewahren…
Dazu fallen mir auch folgende alternativen Empfehlungen ein: Jeglichen Müll bitte nicht entsorgen, sondern im Haushalt liegen lassen! Schonen Sie Ihre Umwelt.
Bei Überfällen bitte nicht wehren. Ersparen Sie dem Gesundheitssystem unnötige Kosten. Die Wohnung bitte nicht durch übertriebene Maßnahmen gegen Einbruch sichern. Das kostet nur Zeit und Geld. Verärgern Sie Ihre Einbrecher nicht!

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10 Antworten auf Rätselhafte Karten

  1. Dark Lord sagt:

    Wie gut, dass ich eh kein Auto nutzen werde, bleibt mir wenigstens diese lästige Sache erspart – andere im Zusammenhang natürlich auch. Tröstet es dich, dass es in Hamburg genauso verbreitet ist? Wohl kaum, oder? Geteiltes Leid …

    Aber den letzten Absatz, da muss ich dir dringendst zustimmen, gut durchdacht. Ein Finanzgenie bist du ;)

  2. Philipp sagt:

    Zum glück hab Ich kein Auto. So komme Ich auch nicht in Verlegenheit mir über sowas Gedanken machen zu müssen.

    Aber wie du schon sagst, wenn es sich nicht lohnen würde, würde es keiner machen.

    Grüße aus Dresden

    Philipp

  3. Maxx sagt:

    Ja, ich wusste nicht, ob diese Praxis in Hamburg oder Dresden zulässig ist. Manche Kommunen verbieten das ja auch.
    Aber mir fällt auch seit langem auf, dass viele Leute (die jetzt jünger sind als ich) oft gar keinen Wert mehr auf ein eigenes Auto legen, was sowieso angesichts der horrenden Kosten verständlich ist… Ich behalt es auch nur aus Gewohnheit und weil ich das Gefühl nicht missen möchte, jederzeit einsteigen und – wohin auch immer – fahren zu können. Ich möchte volle Bewegungsfreiheit und Mobilität, eine Art von Luxus. Autos und Motoren sind natürlich auch (in technischer Hinsicht) geil, also faszinierend… :-) Aber wenn man sieht, wie sauteuer Autofahren geworden ist, geht die Zeit der privaten Massenmotorisierung wahrscheinlich zu Ende. Nur der Sprit ist zwar gerade ein paar Cent billiger, aber darauf ist doch geschissen… Wenn ich noch mal Berufsanfänger wäre, würde ich wahrscheinlich auch drauf verzichten bzw. könnt ich es mir vielleicht auch gar nicht leisten…
    Wobei ich aber auch in einem Freundes- und Bekanntenkreis aufgewachsen bin, wo das Auto (und vorher das Moped) einfach als Bestandteil der Freizeitkultur noch dazugehörte. Irgendwie wollte jeder nen fahrbaren Untersatz haben, und jeder, der nen Job hatte, konnte ihn sich auch leisten. Fahrschule hat ja damals sowieso jeder gemacht…

  4. Philipp sagt:

    Das stimmt. Hier in Dresden, und Ich denke in Berlin ist es ähnlich, braucht man eigentlich kein Auto.

    Das einzige bei dem Ich das Auto vermisse ist der IKEA-Einkauf.

  5. Dark Lord sagt:

    Damals, 1755, kurz vor der Schlacht zum … ;) Ich konnte mich noch nie in Gruppenzwänge fügen, unter Umständen sogar ein Vorteil ;)

    • Max sagt:

      Ja, da hast du natürlich Recht… Obgleich Gruppenzwänge im Fall Automobil eigentlich nicht mehr so die Rolle spielten, glaub ich, denn da war man ja schon älter – da überwog auch der eigene Wunsch nach Mobilität. Aber ich fahr ja auch gern, bin mehrmals mit dem Auto nach England und hoch bis Schottland gefahren…. und wenn ich zurückdenke, so Zeiten ohne Auto, die es ja auch gab, die waren irgendwie auch nicht das Gelbe vom Ei. Gibt natürlich Mietwagen, und ich war auch mal in einem Car Sharing-Verein, aber das Fahrvergnügen fehlt, und dann kribbelt es in den Fingern…
      Wenn ich ne Garage hätte, hätt ich mir auch mal ein Motorrad zugelegt, aber eben unvernünftig in Berlin, seufz..

  6. Max sagt:

    Aber was mir noch einfällt: Das Auto hat mittlerweile seine Eigenschaft als Statussymbol verloren, denn das war es natürlich zweifellos… Man hatte daher ein ganz anderes Verhältnis dazu: “Schau dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto” :-)
    http://schreibnix.blogspot.de/2015/02/junge-warum-hast-du-nichts-gelernt_7.html

    • Dark Lord sagt:

      Nicht ganz. Denn viele müssen immer noch mit ihren Karossen protzen und gerade viele Männer der “normalen” Art stehen immer noch jeden Sonntag an der Tankstelle und pflegen ihr “Baby”. Viele brauchen kein Auto, wer in Großstädten lebt, kommt ohnehin mit dem ÖPN besser vorwärts. Aber was solls, ich komm ohne sehr gut zu recht und vermisse nichts …

      • Max sagt:

        Ja klar. Meine Devise oder Einstellung ist wie folgt: Man sollte sich nicht zum Sklaven von “Dingen” machen, die man nicht wirklich braucht, die im Grunde entbehrlich sind und/oder die man sich nicht leisten kann/will, da man andere Prioritäten setzt.
        Andererseits schätze ich auch mal die Freiheit, allein und selbst zu fahren und mich nicht in enge, stinkende Bahnen und Züge zwängen zu müssen; und wenn es z.B. mal so sein sollte, dass ich einen Job außerhalb Berlins oder sonstwo annehme, möcht ich nicht nur auf ÖPNV angewiesen sein, sondern alle Optionen haben, schnellstmöglich dahin- und wieder wegzukommen…
        Daher seh ich es grundsätzlich schon so wie du, aber das mischt sich bei mir auch mit einem leicht melancholischen Unterton, ;-) Egal, der Trend geht sowieso weg vom Privatauto… Mal schauen. Man braucht sich die Verkaufs- bzw. Zulassungszahlen nur anschauen, in den oberen Pkw-Klassen verkauft man fast nur noch Leasing- und Dienstwagen…

  7. Jan sagt:

    Solche Karten werden nicht nur in Großstädten wie Berlin massenweise verteilt. Wir hatten das auch schon in einem Dorf an der Windschutzscheibe. Da wurden dann über nach alle Einfahren der Wohnhäuser abgeklappert.

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