Rohfassung

Ich sag ja immer, Max, sag ich, die Idee ist die Keimzelle kreativen Handelns. Kreativität ist Trumpf, allein darauf kommt es an. Für alles andere gibt es Lektoren. Mach dir da bloß keinen Kopf wegen Interpunktion oder Orthographie. Lenkt doch nur ab. Du entwickelst da diese originelle Idee in deinem genialen Hirn, das ist dein Job. Für alles andere gibt’s Lektoren, Korrektoren und Rechtschreibprogramme, Klappentexter und sonstige Hilfskräfte. Ist schließlich dem Lektor sein Geschäft, das alles in eine gut lesbare Form zu bringen und deiner kreativen literarischen Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Der Lektor ist so was wie ein Geburtshelfer deines Babys, ein willfähriger Dienstleister, sag ich mal so. Aber dem fehlt ja was Entscheidendes, selbst dem eifrigsten Lektor, sag ich mal so. Kreativität, klar oder? Sonst wär der ja nicht Lektor, sondern selber Autor oder Erfinder geworden.

In der Schule mussten wir immer Diktate schreiben, in den unteren Klassen, Unterstufe nannte man das. Damals hat man ja inner Schule noch richtig schreiben gelernt, nich nur nach Grunzlauten oder nach Gehör geschrieben, meine ich. Streng nach Duden und Gesetz. Jetzt schreibt natürlich jedes Balg, wie es will. Auch gut. Gibt ja später im Leben dann Korrektoren und Lektoren, wie schon vorerwähnt. Die wolln auch was tun. Sollten auch froh sein, wenn sie was zu tun haben. Allso jedenfalls erinnere ich mich heut noch daran, wie unsere junge Klassenlehrerin beim Diktat durch die Gänge geht und Kopfnüsse verteilt. Diesmal war ich dran: Zack, ein kleiner Schlag auf den Hinterkopf, so dass die Nase mit wenig Zartgefühl bis aufs Blatt gestupst wurde. „Schäm dich, Mustermann! Holz schreibt man nicht mit „tz“. Depp!“, tönte es verächtlich von hinten.

Da hatte ich beim Schreiben tatsächlich den Namen eines Autors im Hinterkopf gehabt, den Gerhard Holtz-Baumert nämlich, der schrieb sich mit „tz“, wie man weiß oder sieht, wo ichs eben hingeschrieben hab – ah, eine klare Sache würde doch jeder sagen, das war eine lexikalische intralinguale Interferenz. Da lacht die verständnisvolle Lehrerin heut drüber und streichelt oder tätschelt dem klugen Jungen den Arm. Tja, aber net damals. Das waren harte Zeiten, Freunde. Die blöde Tussi wusste natürlich rein garnix. Wär ihr auch egal gewesen, der Schlampe. War sie ungehalten, was oft vorkam, wurden Schüler im Kasernenhofton mit Nachnamen angeredet. Klang dann, als würde sie ausspucken. Generell pflegte sie raue Umgangsformen, ihre Zornesausbrüche, wenn sie renitente Schüler mit Kreidestücken oder nem Schlüsselbund bewarf, waren gefürchtet. Ich dacht ja ehrlich damals, dass das normal wäre, wusst ich ja net, dass die arme Frau nur überfordert war, alleinerziehend, Sohn war schwul, wie man munkelte, auch das noch, sagten die Leute. Nun ja, heut würd man sagen, die Schlampe hätte irgendwer mal richtig durchvögeln müssen, ihr Hirn rausficken, dann wär sie nicht ganz so verbiestert gewesen. Aber so hat se eben ihren Frust an uns, an den Kindern ausgelassen. Naja, heut ist se ja auch schon doot, guckt sich die Radieschen von unten an.

Aber was ich eigentlich sagen wollte: Diese Kopfnuss damals hat mich bestimmt ein gutes Stück Kreativität gekostet. Hat wohl etwas in mir abgetötet, für viele Jahre hab ich da immer dran gedacht und nix mehr geschrieben oder gelesen, außer wenn ich musste oder wenn es rausmusste so wie jetz eben Da bin ich heit jedenfalls och froh das ich meine Kreativität zurückgewonnen hab und net mehr immer so streng auf kommasetzung und reschtschreibung acten muss die mich eh nur ablenken tut von mei gedanken wo es zum glück den lektor gibt wie ich scho gecshriebn hab denn der macht da scho irgendwas draus wos die leser dann lieben und ihren spass ham wern

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3 Antworten auf Rohfassung

  1. Dark Lord sagt:

    Lektor? Das geht auch ohne :) Die Kopfnuss gab es nur imaginär und von mir selbst …

  2. Max sagt:

    Na ja, nen richtig guten Lektor, den mag auch der Hannibal Lecter.
    ;-)

  3. Dark Lord sagt:

    Der war etwas zu flach ^^

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