Kurze Rückblende

„Na, gib schon her. Ich will es nur mal anfassen.“
Gierig griff Mario, der freche Nachbarsjunge, nach meinem neuen Matchboxauto, das ich gerade aus einem der seltenen Westpakete von Tante Anna herausgefischt hatte und voller Stolz auf dem Hof herumgezeigt hatte.
Mit Entsetzen erkannte ich jetzt meinen Fehler. Warum hatte ich es nur mitgebracht? Ich wusste, er würde es nicht mehr hergeben. Ich war vielleicht 7 oder 8. Mario war viel stärker und mindestens ein Jahr älter als ich. Widerstand war also zwecklos. Eine Katastrophe. Zum Heulen.
Denn ein echtes Matchboxauto aus dem Westen war der größte Schatz für einen Jungen in der DDR. Es hatte diesen zauberhaften metallisch-blauen Glanz, den ich bis dahin in meinen ganzen freudlosen Kinderjahren im Osten mit seinen räudigen verfallenden Häusern und den manchmal noch mit Einschusslöchern übersäten grauen Fassaden – die mir damals natürlich völlig normal erschienen – noch nie zuvor gesehen hatte.

Das futuristisch anmutende kleine Modellauto, das so schwer in der Hand lag, glänzte wie ein dicker schillernder Mistkäfer in der Sonne. Faszinierend!
Ein Matchboxauto war für einen armen Ostjungen wie mich fast wie ein heiliger Gral, ein magisches Kultobjekt aus einer anderen Dimension, einer geheimnisvollen Zauberwelt. Einer großen spannenden, bunten Welt, in der sich auch Micky Maus, Onkel Dagobert und Superman tummelten.
Dieses aus Zinkguss gefertigte Modellauto unbekannten Typs – wir vergötterten ohnehin alle Westautos – war, man stelle sich vor, ganz aus echtem Metall gefertigt und schimmerte so exotisch, dass man fast verrückt werden konnte!
In unseren sozialistischen Spielzeuggeschäften gab es, wenn überhaupt, nur minderwertigste Modellautos der Marken Trabant, Wartburg oder Barkas aus sprödem, dünnen Plastik, vorzugsweise in den Farbtönen weiß oder rot. Als DDR-Kind hatte man sich zu bescheiden, und es sollten schließlich keine ohnehin unstillbaren Bedürfnisse geweckt werden.
Als Metallmodelle gab es übrigens nur kleine graugrüne Militärfahrzeuge aus sowjetischer Produktion, Panzer und Schützenpanzerwagen, mit denen wir mutmaßlich auf unsere spätere wehrpolitische Ausbildung und letztlich unsere Bestimmung als sozialistisches Kanonenfutter vorbereitet werden sollten.

Ja, der damalige Verlust meines geliebten neuen Matchboxautos hat sich mir tief ins Bewusstsein eingegraben…
Für den frechen Nachbarsjungen, der mich von der Last meines Eigentums befreite, war mein Verlust hingegen ein Gewinn. Er hatte bestimmt noch viel Freude daran.

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