Samstag, 1:17

Manchmal liegt man morgens nach dem Aufwachen noch eine Weile im Bett und hängt seinen Gedanken nach. Viele tun das. Heute früh, als ich spürte, wie die Wirkung der mir abends verabreichten Oxytocin-Dosis allmählich nachließ (ich bekomme extrastarkes Oxytocin aus Bonn auf Rezept), kam mir banalerweise in den Sinn, dass es seit ca. zwei Jahren nur noch ein einziges Thema hier in Deutschland zu geben scheint. Ein einziges übermächtiges Thema, das unsere gesellschaftliche Existenz im Jetzt dominiert. Man versucht natürlich, möglichst nicht mehr drüber zu sprechen, das Thema zu vermeiden. Aber auch, wenn er nicht erwähnt wird, dreht sich alles nur noch um den rosa Elefanten im Raum. Hatten wir nicht auch ein Leben in diesem Land vor 2015? Wir müssen doch echt glücklich gewesen sein – alle damaligen Probleme scheinen so nichtig gewesen zu sein, so … so typisch deutsch – nur soziale Konstrukte? Jetzt gibt’s überhaupt keine anderen wichtigen Themen mehr, denn an diesem besagten Überthema hängen ja mittlerweile alle anderen Probleme und Befindlichkeiten wie Rattenschwänze dran…
(Gelegentlich grüßt das Murmeltier in Gestalt der Griechenland- und Euro-/Schuldenkrise, da freuen wir uns, denn da sind wir dran gewöhnt. Nichts, was sich nicht kaschieren ließe, ein paar Milliarden hier gebürgt, ein paar Milliarden dort als Kredit mit unbegrenzter Laufzeit vergeben. Dann gibt’s die Dieselkrise, die Eierkrise, die Mehmet-Scholl-Krise und die ewige Flughafenkrise (BER) natürlich.)
Habt Ihr mal bewusst drüber nachgedacht, was das mit uns, mit euch macht? Man stumpft ab und wird rücksichtsloser, aggressiver – und die Aggressivität muss sich nach innen, also gegen die eigenen Landsleute richten. Dies ist akzeptiert, deutscher Selbsthass entspricht den gesellschaftlichen Konventionen. Daher rührt auch die um sich greifende Nazi-Obsession – das Nazi-Etikett macht es nämlich einfacher zu hassen; der Nazi ist gewissermaßen ein “dehumanisiertes” Subjekt der Gattung Feind. Da ist jemand, auf den man seine Wut richten, sie kanalisieren darf. Der Nazi gilt ja jetzt nicht mehr so richtig als Mensch, und daher ist es taktisch durchaus sinnvoll, Oppositionelle als Nazis zu diskreditieren oder einfach mal verbal draufzuhauen (ich erinnere auch an Christian Krachts “Faserland” – “Halt’s Maul, du SPD-Nazi!”, sagt der Protagonist in einer Situation. Ein hervorragendes Buch übrigens.
Na ja, jedenfalls – diese Entmenschlichung des Eigenen bietet den großen Vorteil, dass man sich mit Andersdenkenden nicht argumentativ auseinandersetzen muss. Und die Nazis vermehren sich jetzt (also eigentlich sterben die aus, wie uns der verschmitzt lächelnde Opa Gysi vor ein paar Jahren in einem Wahlwerbespot erzählte), aber rein rechnerisch kann man schon viele nazifizieren, spielt ja jetzt keine Rolle mehr, was ein Nazi ist – vielleicht ähnelt das tatsächlich der Entwicklung während der stalinschen Säuberungen, die ich auch schon mal erwähnte, dass unter Stalin in den 30ern jedes Jahr immer mehr angebliche Agenten, Saboteure, Klassenfeinde entdeckt (und oft exekutiert) wurden (vgl. Theorie von der Verschärfung des Klassenkampfes bei fortschreitendem Aufbau des Sozialismus – weiß aber nicht mehr, in welchem Posting ich das schrieb). Na gut, das soll’s jetzt aber auch zu diesem Thema gewesen sein. Es reicht!

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