Shadow Banning

Das sogenannte „Shadow Banning“ (etwa: verdeckte Sperre von Kommentatoren) ist zwar eine perfide Verarschung der User, zugleich aber aber auch irgendwie genial. Diese (noch relativ neue) Funktionalität ist meines Wissens in den meisten sozialen Netzwerken und auch in der zentralisierten und anpassbaren Kommentarplattform Disqus implementiert, wie man in dem Screenshot unten sieht. Der Online-Dienst Disqus wird ja mittlerweile in vielen Blogs und Portalen eingesetzt und bequemerweise anstelle eines internen Diskussions- und Kommentarbereichs genutzt. Bei einem aktiven „Shadow Ban“ kann nun der betreffende gesperrte Kommentator nicht mehr erkennen, dass seine Kommentare für die Öffentlichkeit ausgeblendet sind. Für ihn (und den Moderator) sind sie weiterhin normal sichtbar, doch kein anderer User bekommt sie angezeigt.
Die ideale Lösung eigentlich für totalitäre Regimes – Simulation von Meinungsvielfalt. Der Kritiker bleibt da immer in seiner persönlichen Matrix gefangen … wundert sich höchstens, dass er kein Feedback von anderen Lesern bekommt.
Zudem generiert der verdeckt gesperrte, aber wiederkehrende User ja noch wertvollen Traffic, da er ja zunächst (oder im Idealfall auch später) nicht ahnt, dass er da auf einer Schwarzen Liste steht. Bin ehrlich begeistert, was da heutzutage alles möglich ist, um die Demokratie vor Hatespeech zu retten …
Zensur und Sperre in den Kommentarspalten führen nicht mehr zu Unmut und Besucher-Exodus, d. h. zu keinem unmittelbaren Rückgang der Besucherzahlen und Werbeeinnahmen. So lässt sich für Medienunternehmen auch der Widerspruch zwischen Meinungsunterdrückung und dem daraus folgenden bzw. drohenden Verlust an Nutzerzahlen und Reputation lösen. Mit so einem Feature muss uns nicht bange sein vor Trollen, Demokratiefeinden und sonstigen besorgten Bürgern.

Erinnert mich übrigens auch gerade an das dialektische Gesetz von der Einheit und vom Kampf der Gegensätze (Marx). Triebkräfte der Entwicklung sind laut Marx immer Widersprüche zwischen gegensätzlichen Polen. Und aus dem Widerspruch zwischen dualen Polen (in diesem Falle: gewollte Einschränkung d. Meinungsfreiheit vs. ungehinderte Gewinnmaximierung) und aus deren Kampf geht eine neue Lösung hervor: Shadow-Banning – der renitente User wird über seine Sperre getäuscht, frequentiert daher weiterhin die Site und leistet (unwissentlich) weiterhin seinen Beitrag zum Revenue Stream des Medienkonzerns, der arglose User finanziert somit den ihm feindlich gesinnten Betreiber. Ist doch so richtig gefickt, ähm geschickt oder? :-)

PS: Ich könnte mir übrigens auch vorstellen, dass man einen Shadow Ban auch in einer „moderateren“ Einstellung definieren kann, so dass beispielsweise „nicht hilfreiche“ oder als „störend“ eingestufte Kommentare noch für einen eigens eingeschränkten Personenkreis einsehbar sind (z. B. könnte man die Sichtbarkeit der „verschatteten“ Kommentare ausschließlich für andere verdeckt gesperrte oder für bestimmte angemeldete User freischalten). Da wäre ja dann die Sperre für den Betreffenden noch schwieriger zu erkennen, da er durchaus Feedback oder Antworten von anderen „Schattenwesen“ erhalten kann, aber für die Öffentlichkeit unsichtbar ist. Ist aber jetzt nur eine Vermutung …

Aufzeichnen

Dieser Beitrag wurde unter Notizen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>