Steinernes Bekenntnis (I)

Meine Schule war eine gute Schule. Ein altehrwürdiges Gebäude, mit dicken Mauern aus rot gebranntem Backstein; alle Klassenzimmer hatten dicke, schwergängige Türen aus massivem Holz. Statt Türklinken waren noch altertümliche Ziehgriffe mit Bügeln aus Messing angebracht. Schwere Türen, dunkel gebeizt. Ich weiß noch, dass mich als Kind die breiten steinernen Treppenstufen in meiner Schule vom ersten Tag an faszinierten. Die Füße vieler Schülergenerationen hatten im Laufe der Jahrhunderte unübersehbare Spuren im Granit der Treppenstufen hinterlassen und sie abgeschliffen, so dass flache Kuhlen in der Mitte der Stufen entstanden waren. Steter Tritt höhlte den Stein. So hatten Millionen schlurfende Füße all der müden, gelangweilten, schüchternen oder aufsässigen, klugen oder nicht so klugen Schüler an den meistbetretenen Stellen der Steinstufen dünne Schichten des harten Granits abgetragen, während der harte Stein wiederum Schicht für Schicht vom Material der Schuh- oder Stiefelsohlen abgeschliffen und als feinste Abriebpartikel in die Umwelt entlassen hatte. Fuß auf Stein bildete die alltägliche Reibpaarung, an der auch ich zwölf Jahre lang, wenn auch oft lustlos und gegen meinen Willen, beteiligt war. Ja, oft gegen meinen Willen, doch ich gehorchte. Ich tat, was alle taten. Ich tat, was man von uns verlangte. Treppen hinauf- und hinabsteigen, immer wieder, jeden Tag (außer sonn- und feiertags).

Seitdem bin ich Tausende Kilometer gegangen, gelaufen, gefahren, habe Hunderte Schuhsohlen und Reifen verschlissen, durch Handhabung die Oberflächen von allen nur denkbaren Gebrauchsgegenständen abgeschliffen, habe eigene abgestorbene Hautpartikel verloren oder abgewaschen. Ich habe Abrieb und Verschleiß verursacht, wertvollen Sauerstoff aus unserer Atemluft verbraucht, CO2, Methan und Exkremente freigesetzt und natürliche Ressourcen verbraucht, die andere Menschen vielleicht dringender gebraucht hätten. Menschen, die wichtiger waren als ich. Menschen, die besser waren als ich. Menschen, die Verantwortung tragen für die vielen anderen Menschen da draußen. Im Laufe meines bisherigen Lebens habe ich der Umwelt durch meine bloße Existenz schweren Schaden zugefügt. Ja, ich bin schuldig. Doch ich will mich bessern und Buße tun.
Ich ruhe jetzt viel, gehe oft barfuß, atme und esse weniger und führe dieses Diarium ausschließlich in elektronischer Form, um kein wertvolles Papier zu verschwenden. Den nötigen Strom für meinen Computer erzeuge ich mit einem Solarpanel auf dem Balkon und in sonnenloser Zeit wie jetzt mit einem Fahrradgenerator. Der Akku ist allerdings sehr schwach, und wenn ich zu treten aufhöre, kann es sein, dass die Dat

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3 Antworten auf Steinernes Bekenntnis (I)

  1. Dark Lord sagt:

    Ach, diese kleinen Seitenhiebe. Hab ich irgendwie vermißt. Und, ja, ich lebe noch. Wieder. Oder so. Zumindest in elektronischer Form. :)

    • Max sagt:

      :-) Hatte dich in deinem Blog auch vermisst. Wollte fast schon einen Suchaufruf nach dir starten… (was natürlich zu aufdringlich und unangemessen gewesen wäre) ;-) Hoffe, alles okay?

      • Dark Lord sagt:

        Schlechten Menschen geht’s immer gut und mir geht es mittelprächtig. Verdammt. Ich bin doch gar nicht so schlecht wie ich immer dachte, muss mir ernsthaft mehr Mühe geben.

        Sonst das Übliche, viel Arbeit und wenig Lohn – was will man mehr? :)

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