Sturz

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Immer öfter blieb er einfach im Bett liegen. Noch lange nach dem Aufwachen lag er einfach so da und überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, heute aufzustehen. Er bemühte sich, gegen den wieder stärker werdenden Schlafdrang anzukämpfen, Morpheus’ wohligen Armen zu entkommen, die ihn fest umklammert hielten und seinen schweren Kopf und Körper in die Kissen zurückdrücken wollten. Ein Frühaufsteher war er eigentlich nie gewesen, doch mit den Jahren hatte er immer seltener die Disziplin aufgebracht, seinen Stoffwechsel mit einem frühmorgendlichen Läufchen oder wenigstens ein paar Liegestützen auf Trab zu bringen. Stattdessen hatte er sich zu einem waschechten Morgenmuffel entwickelt. Ein richtig fauler Sack war er geworden, wie er sich in einem der seltenen Anflüge von Selbsterkenntnis und Ehrlichkeit manchmal eingestand. Wie ein innerliches Kräftesammeln nahm er daher diese letzten Minuten des Halbschlafs wahr, die in ein unruhiges Dösen übergingen, bevor er sich nach einem letzten wehmütigen Blick auf die grünen Leuchtziffern seines staubigen Radioweckers aufraffte und barfuß ins Bad schlurfte, um sein morgendliches Geschäft zu verrichten. Er hatte das alles so satt. Das frühe Aufstehen, die ständige Müdigkeit, die Arbeit, die ihm im Grunde seines Herzens verhasst war, dann die idiotischen Kollegen in der Redaktion, die nutzlosen Sitzungen und lächerlichen Intrigen, der stets zermürbende Streit mit seiner Exfrau ums leidige Geld und der ganze zivilisatorische Ballast, den er mit sich herumschleppte – all dies war ihm zuwider. Diese aufgezwungenen Normen, antrainierten Gewohnheiten und andressierten Sprachregelungen – all das, was sein unbedeutendes Leben, seine berufliche Existenz und den täglichen Kampf um sein erbärmliches Dasein bestimmte.

Sein allmorgendlicher Toilettengang war dabei noch so etwas wie ein festes Ritual, das streng vorgegebenen Regeln folgte. Er brauchte Struktur, das hatte ihm sein Vater schließlich oft genug eingebleut. Ohne Struktur sei er verloren, nichts werde aus ihm werden, denn er sei ein Faulenzer, ein Dünnbrettbohrer und würde sich zu einem Oblomow entwickeln, wenn man nicht aufpasste. Und weiß Gott, Vater wusste seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Damals als Kind war er empört gewesen, auch wenn er keine Ahnung gehabt hatte, wer dieser Oblomow war. Ein Slacker, so würde ein moderner Vater wohl sagen. Nein, so einer hatte er nicht werden wollen und auch nicht werden können. Leicht belustigt verzog der müde Mann das Gesicht. Daher hatte er nach dem Studium der Politikwissenschaften auch diese Volontärsstelle in der Redaktion dieser renommierten Zeitung angenommen, die sich als linksliberal verstand. Mittlerweile war er aufgestiegen und hatte es sogar bis zum geachteten Redakteur des Politikressorts gebracht. Trotzdem spürte er, dass er am Ende war. Zu einem zynischen, ausgebrannten, schlaffen und illusionslosen Radfahrertyp verkommen, einem aufgeblasenen Schlappschwanz ohne Ideale, der sich und anderen etwas vormachte. Einer von diesen ideologisch verbohrten Spießern, die er früher selbst immer verachtet hatte.

Nur seine täglichen Rituale gaben ihm den nötigen Halt, den er brauchte, um nach außen hin die Fassade des karrierebewussten Intelligenzlings aufrecht zu erhalten und sich vor dem üblichen Weg in die Redaktion innerlich eine Maske aufzusetzen, die ihn als funktionierendes Rädchen im Getriebe der Medienmaschinerie tarnte.
Besonders mochte er sein Klo. Mit Verlaub, das Klo war sein Ruhepol. Er liebte es, sich zu Beginn eines stressigen Arbeitstages auf die strahlend weiße, wohltemperierte Toilettenbrille zu setzen und in aller Ruhe sein Geschäft zu verrichten. Dabei konnte er am besten nachdenken und gelegentlich auch mal eines der Nachrichtenmagazine durchblättern. Als überzeugter Sitzpinkler, der er war, gefiel es ihm auch, beim Lesen von Spiegel oder Focus die ersten festen Kotstücke ins Wasser plumpsen zu hören, woraufhin zuweilen etwas kaltes Wasser bis an seinen Hintern spritzte. Mit einem kurzen Blick über die Brille überzeugte er sich von Färbung und Konsistenz seiner Ausscheidungen. Noch nie hatte er die Leute verstehen können, die eine Toilette mit Kotpodest bevorzugten, auf der die Kackwurst bis zum Spülen noch wie auf einem Präsentierteller lag, bevor sie dann mit etwas Glück und gutem Zureden vom Wasserschwall heruntergespült wurde, häufig aber störende Kotspuren auf der Keramikoberfläche hinterließ. Um die Benutzung der Klobürste kam man dann nicht herum. Dies kostete Zeit und Mühe. Er hingegen liebte seine eigene Toilette, in der die Fäkalien allein mittels Schwerkraft aus dem Darmausgang ins wassergefüllte Abflussrohr befördert wurden. Praktisch und effizient, so musste es sein.

Als er an diesem Tag die Spülung betätigte, warf er wie immer einen prüfenden Blick nach unten ins Becken und sah zu, wie ein kräftiger Wasserschwall aus dem Abflusskasten am Rand des Toilettenbeckens entlang von rechts nach links strömte und dann nach unten abfloss. Ja, alles hatte seine Ordnung. Die Spülung rauschte in gewohnt angenehmer Weise. Gurgelnd verschwand der gelblich-ockerfarbene Toiletteninhalt und wurde durch frisches Wasser ersetzt. Der fast schon verführerische Herbstblütenduft des neuen WC-Lufterfrischers breitete sich aus und stieg ihm in die Nase.

Gefangen im Strudel der Exkremente, dachte er, und wollte diesen Gedanken weiterführen, in eine philosophische Aussage ummünzen, wie er es so gern tat, als ihn ein plötzliches Schwindelgefühl erfasste. Als er ins Taumeln geriet, auf den glatten Fliesen ausrutschte und mit dem Hinterkopf gegen die gekachelte Wand krachte, durchzuckte ihn noch ein kurzer, aber tiefsinniger Gedanke, eine blitzartige Eingebung, die ihm so genial und originell erschien, dass er, bevor er auf dem Boden aufschlug, im Unterbewusstsein noch bedauerte, diesen Text nicht mehr im Redaktionsblog posten zu können. Dann war da nichts mehr.

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3 Antworten auf Sturz

  1. Philipp sagt:

    Schön zu Papier gebracht. So müsste man schreiben können…..

    Grüße aus Dresden

    Philipp

  2. JA, das Leben ist ein großer Kackhaufen. Schön zu lesen, dass auch mal das ausgesprochen wird, was sich sonst hinter verschlossenen Türen abspielt ;) Auch ein Intelligenzler kackt nur wie jeder andere auch …

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