Über Spatzen und Hirne

Spatzen

Du Spatzenhirn! Wie oft hat man das schon gehört oder gesagt? Dürfen das Lehrer eigentlich noch zu ihren Schülern sagen? Wahrscheinlich nicht. Der menschliche Spatzenhirnvergleich ist für die Vögel diskriminierend und herabsetzend. Spatzen sind sogar ziemlich schlaue Vögel. Anpassungsfähige Überlebenskünstler, gesellig, frech, flink und fleißig. Man tut den Spatzen mit dem Vergleich wahrscheinlich unrecht.
Dazu noch Folgendes: Während des sogenannten Großen Sprungs nach vorn (1958 bis 1961) startete Mao Zedong eine Kampagne zur Vernichtung aller Spatzen im Land. Der in China auch als Große Spatzenkampagne bezeichnete Feldzug zur Tötung der heimischen Sperlingspopulation war Teil der propagierten Ausrottung der vier Plagen: Ratten, Mücken, Fliegen und Spatzen.
(In der heutigen Zeit müsste man eine solche Maßnahme natürlich anders benennen, da würde man wohl eher einen positiv besetzten Begriff prägen, etwa „Rettung der Welt vor der Schädlingskatastrophe“ oder „Initiative zur nachhaltigen Umweltwende“; besser noch ein kürzerer und griffigerer Slogan.)
Wie auch immer, jedenfalls war die chinesische Spatzenkampagne dank der tatkräftigen Mithilfe der Bevölkerung in Stadt und Land schon bald sehr erfolgreich. Die Leute liefen dazu tagelang lärmend herum und scheuchten die Vögel auf, bis die Tiere entkräftet vom Himmel fielen. Alles zum Schutz und Wohle der Getreidefelder, die zum Aufbau des Kommunismus und zur Versorgung der arbeitenden Bevölkerung unter Führung des Großen Steuermanns der Weltrevolution so nötig gebraucht wurden.
Irgendwann bemerkte man jedoch, dass mit den Spatzen auch die Fressfeinde vieler landwirtschaftlicher Schädlinge verschwunden waren, die sich von nun an ungehemmt vermehren konnten. Früher waren sie von den Spatzen vertilgt worden. Aber die hatte man ja planmäßig eliminiert. Schädlingsplagen vernichteten jetzt die Ernten und führten zu erneuten Hungersnöten.  

„Ich erinnerte mich an einen Tag, an dem die ganze Bevölkerung nichts anderes machte, als mit Gongs und Töpfen und allen möglichen anderen zum Krachmachen geeigneten Gegenständen auf den Straßen und in den Höfen herumzulaufen, um die Spatzen aufzuscheuchen”, berichtete der später während der Kulturrevolution (ab 1966) nach Deutschland emigrierte Sinologe Kuan Yu-Chien. „Den ganzen Tag war so laut gescheppert worden, dass die Vögel sich nirgends niederlassen konnten und schließlich tot vom Himmel fielen. An jenem Tag wurden Millionen von Vögeln getötet, und wir waren alle ganz stolz darauf gewesen. War es nicht fantastisch, wie es Mao Zedong gelang, die gesamte Bevölkerung für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren? Erst später erfuhren wir, dass die Vögel, die in der Stadt lebten, immer in der Stadt blieben und deshalb gar keinen Schaden auf den Feldern anrichten konnten. Im Gegenteil: Da nicht nur die körnerfressenden Spatzen von der Aktion betroffen waren, hatten wir anschließend eine Insektenplage erlebt.“ (zitiert aus Wikipedia)

Tja, Pech. Das konnte ja schließlich niemand ahnen. In der Folge wurde die Kampagne von Spatzen auf Bettwanzen umgestellt, d. h. die Vernichtung von Bettwanzen wurde nun als Ziel ausgegeben. Das war sinnvoller. Und da sage noch einer, Politiker würden ihre Fehler nie korrigieren. Mao konnte das.
Im Gegenzug wurden dann neue Spatzen aus der Sowjetunion importiert und ausgewildert. Tja, klingt irgendwie irre oder? Halt, „irre“ geht auch nicht, weil mikroaggressives Vokabular, sagen wir daher lieber: bizarr!
Überflüssig zu erwähnen, dass den Großen Steuermann und Lehrer aller Völker, Mao Zedong, damals keine Schuld an dieser vorübergehenden bedauerlichen Fehlentwicklung traf. Sicherlich war er von feindlich gesinnten Beratern und konterrevolutionären Elementen getäuscht und irregeleitet bzw. zu Fehlentscheidungen veranlasst worden.

Zum Glück können derlei Schildbürgereien unter Führung unserer Mutter aller Gläubigen und Behüterin unserer Schöpfung nicht passieren. Hier könnte man die stolze Bevölkerung niemals mit plumpen Mitteln indoktrinieren und unter sanftem Zwang für ein gemeinsames, wenn auch völlig hirnrissiges oder selbstzerstörerisches Ziel mobilisieren. Würde doch nie gelingen, da die Leute doch nachdenken und ggf. sofort auf die Straße gehen und protestieren oder ihre Volksvertreter in die Pflicht nehmen würden … und die mündigen Bürger würden sich auch ihre Freiheit nie nehmen lassen – obwohl Freiheit andererseits, das wissen wir, Einsicht in die Notwendigkeit ist. Mutter weiß das natürlich alles selbst. Sie, die nun auch als wachsame Schutzpatronin des Weltklimas fungiert, bedarf keiner Belehrung von unwürdiger Seite. Ach, alles ist gut, so wie es ist. Und was nicht gut ist, das fügt sich schon. Ich mag Spatzen übrigens sehr, erwähnte ich das eigentlich schon?

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