Vom Fass

Diese Kiez- oder Eckkneipe hier, die kommt mir oft in den Sinn. Ich war da allerdings noch nie drin. Hat sich nie ergeben. Hatte auch noch nie das Bedürfnis. Dabei ist die kleine gemütliche Eckkneipe nur ein paar Schritt von meiner Haustür entfernt. Es sind höchstens 30 Meter, eine Strecke, die im Sprint in ein paar Sekunden zu bewältigen wäre. Aber man muss hier gar nicht sprinten, um ein Bier zu trinken. Jedenfalls liegt diese Eckkneipe von mir aus gesehen gleich um die Ecke, aber eigentlich ist sie keine Eckkneipe. Klingt nur besser als Kiezkneipe, was sie aber auch nicht ist. Das Kiez ist tot, sterilisiert. Die Kneipe ist an der Straßenseite zwischen den Aufgang eines Wohnhauses und eine Versicherungsagentur gequetscht. Allianz oder irgendwas, aber wen juckt das? Gemütlich sieht die Kneipe eigentlich auch nicht aus, aber klein ist sie. Von außen kann man nämlich gut hineinblicken. War früher bestimmt mal ein kleines Ladengeschäft.

Draußen hängt das obligatorische Schild der Berliner Kindl-Brauerei. Das schreckt ab. Kindl schmeckt nicht, ist kein besonders gutes Bier. Schlimmer war nur Engelhardt, weiß Gott. Engelhardt macht den Schwengel hart, so hieß es früher. Oder auch Stengel, je nach Belieben. Stimmte aber auch nicht. Engelhardt gibt’s schon lange nicht mehr. Es gibt überhaupt kein gutes Berliner Bier, sag ich mal. Ist einfach so. Liegt vielleicht am Wasser – zu hart. Durch das große Schaufenster und die Glastür kann man die gekrümmten Rücken der zwei oder drei Stammgäste beobachten, wie sie da an der kleinen Theke hocken und in ihre Gläser starren. Nur das gelangweilte Gesicht der blond gefärbten Frau, die wohl die Inhaberin sein muss, kann man gelegentlich sehen. Ich komme da aber nicht oft abends vorbei. Man sieht selten mehr als drei Leute. Warum gehen die da hin? Warum macht die Kneipe nicht zu? Warum, warum? Wen kümmert das? Irgendwann ist sie pleite, gibt auf oder vielleicht auch nicht. Ein Konjunkturaufschwung, der wird, der muss ja kommen. Ein noch stärkerer als der, den wir gerade erleben oder erlebt haben, wie auch immer. Viel stärker, als man es sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen kann. Dann fließt das Bier wieder in Strömen. Bier vom Faß, steht seit der Renovierung mit Folie an die Scheibe geklebt. Flaschenbier von Becks gibt’s bestimmt auch. Premium-Bier aus grünen Flaschen. Eigentlich trink ich derzeit aber kaum Bier. Ist so eine Phase. Könnte natürlich auch was anderes trinken. An den Namen der Kneipe kann ich mich gar nicht erinnern. Steht oben an der Scheibe oder an der Fassade, irgendein generischer Name, irgendetwas Blumiges, was man sofort wieder vergisst.
Die Häuserreihe steht rechtwinklig zu unserem Haus. Per Luftlinie wäre es ein Katzensprung vom Balkon. Wie gesagt, bin noch nie dort eingekehrt. Sollte ich vielleicht mal tun, solange die Kneipe noch da ist. Wer weiß das schon.

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