Von Helden und Politikern

Meine Superhelden sind alt geworden.
Mit einem Mal wurde mir neulich bewusst, dass nicht nur ich selbst älter geworden bin.
Etwas wehmütig denkt man ja manchmal an die vergangenen Jahrzehnte zurück, die in der Rückschau stets alle positiven und negativen Erlebnisse und Eindrücke zu einer einzigen wohligen Empfindung verschmelzen lassen und die mangels ausführlicher sprachlicher Differenzierung meist in die knappe Formel gepresst werden: die gute alte Zeit… ja, damals, als das Geld noch etwas wert war, die Autos in besserer Qualität daherkamen, keine Währungen gerettet werden mussten und – man verzeihe mir den machohaften Spruch – ein Mann noch ein Mann sein konnte.

Das war die Zeit der knallharten und unerschütterlichen Superhelden vom Schlage eines Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger oder Bruce Willis.

John Rambo, desillusionierter und muskelbepackter Vietnamkriegsveteran mit schwarzer Zottelmähne und treuem Hundeblick, hat 2008 auch sein letztes Gefecht im Dschungel von Birma siegreich überstanden, nebenbei glücklicherweise einige Dorfbewohner und amerikanische Gutmenschen vor Folter und Tod gerettet und letztlich seinen Frieden mit Amerika gemacht. Am Ende landet der verwegene Rambo wieder dort, wo sein Rachefeldzug einst begann, als längst demobilisierter und vergessener Kriegsheld, als einsamer Fußgänger, um nicht zu sagen Landstreicher, auf einer vorschriftsmäßig geteerten Straße in den USA auf dem Weg zu seinem Elternhaus…

Auch John McLane, der schlagfertige und unverwüstliche New Yorker Polizist mit dem robusten Knochenbau, dürfte endgültig ausgekämpft haben, nachdem er bei seinem letzten „langsamen Sterben“ auf einer Urlaubsreise nach Russland noch einmal eine Spur der Verwüstung hinterließ und sich diverse Blessuren und Knochenbrüche zugezogen haben dürfte. Kaum vorstellbar, dass sich der abgehalfterte Cop im Rentenalter im Unterhemd und mit kahlem Schädel noch einmal aus fahrenden Autos und Hubschraubern stürzt.

Der Terminator hingegen, sympathisches Auslaufmodell einer programmierbaren Killermaschine aus einer möglichen Zukunft, ein Relikt aus den 80er und 90er Jahren, ist längst verschrottet und recycelt worden, auch wenn der intelligente, aber veraltete Haudrauf-Roboter mit dem Titanskelett und den emotionslos-starren Gesichtszügen nach dem Wunsch von Arnold Schwarzenegger im fünften Teil der Reihe zum Wohle der verbliebenen Restmenschheit und unverdrossenen Fangemeinde vielleicht noch einmal seine Wiederauferstehung feiern wird.

Über die Jahre hinweg sah ich all die vertrauten Action-Helden aus Hollywood immer gern auf den Bildschirmen oder Kinoleinwänden. Der technische Fortschritt hat auch der Filmbranche neuen Schwung verliehen und den alten Haudegen neue Einnahmen beschert. Während man früher den mehr oder minder gut pointierten Dialogen in Mono lauschte und schnörkellosen Faustkämpfen sowie minutenlangem Geballere und Krachen der Pumpguns, Maschinenpistolen oder Panzerfäuste auf staubigen, flackernden Mattscheiben beiwohnte, kann man nun die alte Garde der Action-Heroes gestochen scharf in HD-Qualität und kristallklarem Dolby Surround-Klang auf stromsparenden Flatscreen-TVs und Blu-Ray-Discs bewundern.

Wie Bekannte oder Freunde aus der Ferne, für die man Sympathie empfindet, obwohl oder gerade weil man sie selten oder nie trifft, freut man sich zu sehen, dass es ihnen noch gut geht – ihnen, den vertrauten abgekämpften Superhelden, die zwar irgendwie aus der Zeit gefallen, aber sich dennoch immer treu geblieben sind.

Meine filmischen Helden altern in Würde, lassen sich nicht verbiegen und liefern meist eine professionelle, manchmal sogar glaubwürdige Darstellung ab.

Leider kann man Gleiches nur zu selten von den politischen Hauptdarstellern unserer Republik behaupten. Unsere Politik kennt keine Helden mehr. Ein Held ist, wer eine kühne Tat vollbringt, sich mutig und ohne Furcht um sein eigenes Schicksal großen Herausforderungen stellt.

Vielleicht war Gerhard Schröder der letzte Held der deutschen Politik. Die Art, wie der damalige SPD-Kanzler, der auch im Umgang mit den Medien meist ein gutes Händchen hatte, sein politisches Schicksal an die Durchsetzung einer Reformagenda knüpfte, nötigte mir Respekt ab. Bei aller gebührenden Kritik – der Mann riskierte sein Amt für seine Überzeugung, stellte sich einem schier aussichtslosen Kampf und unterlag ehrenvoll. Der in einem Interview gefallene Satz Schröders – „Das Richtige ist wichtiger als die persönliche Macht.“ – würde unserer heutigen, taktierenden Kanzlerin wohl nur schwer über die Lippen gehen.

Sie weiß, dass ein Held im realen Leben allzu oft der traurige Verlierer ist. Lieber ein obsiegender Feigling als ein toter Held, mag sie verinnerlicht haben.
Generell lohnt sich Heldentum eher nicht, weder in Kriegs- noch in Friedenszeiten, denn die meisten potenziellen Helden sterben oder scheitern, bevor sie zu wahren Helden werden können… – dies gilt auch und zuvorderst in der Politik. Dem Helden fehlt im Unterschied zum Nichthelden wohl der Selbsterhaltungstrieb, der das Eingehen zu hoher Risiken verhindern würde.

Seit den Zeiten eines heldenhaft scheiternden Gerhard Schröder sind SPD und CDU weiter nach links abgedriftet.
Ihre Akteure haben sich stromlinienförmig dem linksgrünen Zeitgeist angepasst oder ihn mitgeprägt. Auch sie bleiben uns so wie die etablierten Schauspieler in zahlreichen Sequels über viele Jahrzehnte hinweg erhalten, denn sie kleben wie der legendäre Kraftkleber Pattex an ihren Ministersesseln und Parteiposten.

Ähnlich einer Zeitschleife aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ schauen morgens, mittags oder abends die immergleichen trüben Politikeraugen aus gleichwohl mit den Jahren voller werdenden Gesichtern auf uns, das Wahlvolk, herab. In gut portionierten Tagesschau-Beiträgen werden wir mit einem einstudierten Stakkato aus rundgelutschten Worthülsen bombardiert, in denen meist Wörter wie soziale Gerechtigkeit und Solidarität vorkommen.

Tatsächlich möchte man ihnen ja glauben, auch wenn jeder weiß oder wenigstens ahnt, dass unsere Politiker allzu oft lügen, wenn sie nur den Mund öffnen.
Dummerweise finden sich im Internet haufenweise Belege und Beispiele für den taktischen Umgang mit der Wahrheit, den Politiker der so genannten Volksparteien in der neueren bundesdeutschen Geschichte pflegten. Nun, darin unterscheiden wir uns natürlich nicht von den Zuständen in anderen Staaten. Dennoch möchten wir, obschon so oft enttäuscht, einfach an das x-te Versprechen der guten Frau Merkel glauben, dass irgendwelche Abgaben oder Steuern garantiert gesenkt oder wenigstens nicht erhöht würden, dass die Sparguthaben sicher seien, dass die Rettungspakete auslaufen würden, was schließlich klar vereinbart sei, und dass Deutschland selbstverständlich nicht in die Schulden anderer Staaten eintreten werde etc.

Oder ist Naivität und Leichtgläubigkeit gar eine besondere Eigenart der Deutschen? Schon Napoleon glaubte ja, erkannt zu haben: „Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das deutsche.  Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden, die Deutschen glauben sie.“

Jedenfalls spielt sich sowohl für Schauspieler als auch für Politiker ein großer Teil ihres Berufslebens vor den Fernsehkameras oder vor Publikum ab. In den Kulissen der Filmstudios, auf den Brettern der Show-Bühnen oder im grellen, schweißtreibenden politischen Rampenlicht der Parteitage, Pressekonferenzen oder in gestellten Gesprächen mit dem einfachen Volk, die wie Scripted-Reality-Shows ablaufen – Schauspieler wie Politiker spielen ihre vorgegebenen Rollen und verkaufen Illusionen und Gefühle…

Vollblut-Schauspielern gelingt dies sicherlich besser als Politikern, die zwar oft in Rhetorik geschult sind, jedoch über keine entsprechende Schauspielausbildung verfügen.

Ronald Reagan, dem man in Anlehnung an einen oben erwähnten Schauspielkollegen den Spitznahmen „Ronbo“ verpasste, gilt vielleicht nicht ohne Grund heute noch als populärster und fähigster US-Präsident. Reagan spielte seine Rolle glaubhaft und besaß die Gabe, die Menschen in seinen Bann zu ziehen und seine Auftritte medienwirksam zu inszenieren. Der daraus resultierende Rückhalt in der Bevölkerung festigte wiederum seine politische Macht. Auch Arnold Schwarzeneggers Episode als Gouverneur von Kalifornien war durchaus kein Misserfolg. An der finanziellen Misere seines US-Bundesstaates hätte schließlich auch der echte Terminator nichts ändern können. Umgekehrt hätte zweifellos auch der vielfach begabte Bill Clinton einen hervorragenden Hollywood-Schauspieler abgegeben.

In unserer Republik hingegen mögen politische Darsteller im Knüpfen von Netzwerken, Ränkeschmieden und Intrigieren erfahrener und geübter sein, dennoch fehlen ihnen häufig Kernkompetenzen und -eigenschaften wie Überzeugungskraft, Charisma und die nötige Glaubwürdigkeit bei Rollenwechseln.

Der SPD-Kanzlerkandidat und selbsternannte Klartextredner Peer Steinbrück vertrat vor seiner Kandidatur gänzlich andere politische Positionen als jetzt. Das abrupte und halsbrecherische Wendemanöver und die fehlende Ausstrahlungskraft lassen ihn in den Augen der Wähler- und Zuschauerschaft unglaubwürdig erscheinen. Zudem gilt er als notorischer und poltriger Fettnäpfchentreter, der schnoddrig und undiplomatisch das ausspricht, was ihm gerade durch den Kopf geht – eine nicht ganz ungefährliche Eigenschaft, die einen deutschen Kanzler wie ein unkontrollierbares Dumdum-Geschoss in der Weltpolitik herumirren lassen und auf diplomatischem Parkett nicht unbeträchtlichen Schaden anrichten könnte.

Leider sind auch unsere übrigen politischen Darsteller nicht unbedingt von einem hochwertigeren Kaliber. Von Sigmar Gabriel bis Guido Westerwelle – auf den politischen Bühnen verströmen sie, mit Ausnahme von Schäuble, den miefigen Geruch von Zweitklassigkeit. Im Vergleich mit Vertretern der amerikanischen und europäischen Politelite und den an Elitekaderschmieden ausgebildeten und gewieften französischen Diplomaten gelten viele deutsche Bundes- und Europapolitiker als Provinzler und Tölpel.

Selbst die in der deutschen Publikumsgunst bislang unangefochtene Frau Merkel ist beileibe nicht die „Eiserne Lady“, als die sie in der südländischen Presse zumeist dargestellt wird. Ganz im Gegenteil genießt Angela Merkel auf europäischer Ebene den Ruf, nach dem Verkünden einer roten Linie letztlich stets zurückzuweichen und sich auf neue, als unveräußerlich ausgegebene Positionen zurückzuziehen, die später wiederum pragmatisch aufgegeben werden. Dass Frau Merkel so eisern ist wie eine Weichwurst, dürfte allen Beobachtern im In- und Ausland kaum verborgen geblieben sein.

Tatsächlich fährt unsere Kanzlerin auf Sicht und agiert opportunistisch, ohne feste innere Überzeugungen und Standhaftigkeit, die einst jene Frau auszeichneten, die sich als einzige zu Recht den Namen „Iron Lady“ verdient hatte: Maggie Thatcher.

Der Vorteil von Frau Merkel liegt in ihrem unbedingten Machtwillen und in ihrer Zauder- und Vermeidungsstrategie. Kontroverse Entscheidungen zögert sie hinaus, bis sich klare Fronten und Stimmungsbilder herausgebildet haben und sie sich ohne Gefahr für ihre politische Karriere auf die Seite der Gewinner stellen kann. Da die CDU unter ihr zu einer blutleeren Hülle verkommen ist und sie keine innerparteiliche Konkurrenz mehr zu fürchten hat, kann sie in der deutschen Darstellerriege nun die unangefochtene Spitzenstellung einnehmen.

Eine Heldin wird man so zwar nicht, aber Hauptsache, man bleibt lange im Spiel, zumindest länger als Andere.
Dabei sein ist alles, darauf kommt es wohl letztlich an – ganz im Sinne des olympischen Gedankens.

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