Wahrhaftiger Bericht

WinterIrgendwann letzte oder vorletzte Woche saß ich ja seit längerem mal wieder in einem Zug. Ich hatte einen Regionalexpress in die Provinz genommen und im bordeigenen W-Lan gesurft, als ich auf einen coolen Trailer stieß, also einen Videoclip für einen neuen Kinofilm, der demnächst in unseren Filmpalästen gezeigt wird. Leider funktionierte dieses bahninterne, rudimentär bestehende W-Lan-System, das übrigens den sinnigen Namen Colibri trug, nicht richtig, nur teilweise; das ist wohl irgendwie noch in der Erprobungsphase eingefroren. Vielleicht auch der schädliche Berliner Einfluss, war eben noch nicht weit genug von der Hauptstadt weg. Ein paar Bahninfos und die üblichen Headlines einiger News wurden eingeblendet, aber man hatte natürlich ohne mobile Datenrate keinen Internetzugang. Alles wie gehabt, also mobile Daten aktiviert und zu Youtube gewechselt. Klar, ich hätte statt der Bahn auch das Auto nehmen können, aber zum Wohle der Umwelt und so. Ihr wisst, was ich meine. Hätte auch irgendwie unglaubwürdig gewirkt, mit einem dicken Fahrzeug bei einem Kunden aufzuschlagen, wo man dann teure Consulting Services für mehr Nachhaltigkeit und kulturelle Diversität verkaufen will. Ich gestalte ja da die Internetportale von Firmenkunden neu, also vor allem geht’s um die Texte auf den Websites, die müssen ja jetzt alle kultur- und gendersensibel um- und neuformuliert werden, damit da kein missverständlicher oder respektloser Eindruck entsteht. Und da mache ich das eben. Ja, ist ein riesiger Markt, den ich da schon mal vorsorglich beackere. Dekarbonisierungsberatung biete ich übrigens auch an, also beispielsweise geht’s dann darum, die vielerorts immer noch vorhandenen Bleistifte in den Firmenbüros abzuschaffen. Na ja, weil die Bleistiftminen aus Graphit bestehen. Und Graphit ist reiner Kohlenstoff, der beim Schreiben aufs Papier gelangt, als Staub freigesetzt wird und dann die Umwelt verpestet. Radiergummis sind dann ein Folgeproblem. So und für solche kritischen Themen muss man die unbedarften Menschen auch erstmal sensibilisieren.

Und selbst hier im Umland von Berlin kapieren das dann die Leute, denn die sind auch nicht mehr ganz so bescheuert wie früher, auch wenn die immer noch diese rotweißen Solar-Leuchttürme aus Kunstharz und die alten Jogi-Löw-Fanpakete kaufen, mit der überteuerten Gesichtspflegecreme und dem stinkenden Deospray.

Aber um nochmal den obigen gedanklichen Faden wieder aufzunehmen: Irgendwo auf der Strecke zwischen Blödsdorf und Trottelshausen, gelangweilt von den Fake News über umstrittene Verleger, Politiker und Terroristen, die über das hilfsweise eingestellte Infosystem eingespielt wurden, nahm ich mein Smartphone zur Hand, las hier und da mal rein und streamte auf youtube den Trailer für diese geniale Filmkomödie, die demnächst in unseren Kinos anlaufen wird. Der Film heißt „Willkommen bei den Nasreddins“ und handelt davon, wie eine Kreuzberger Flüchtlingsfamilie einen deutschen Waisenknaben oder ein deutsches Pflegekind (mit sehr bedauernswertem Background) bei sich aufnimmt. Der Junge ist nun geistig etwas zurückgeblieben – woraus sich übrigens viele witzige Situationen ergeben – und integriert sich da auch schnell in seine Gastfamilie. Ein urkomisches Spiel mit den Klischees und auch ein rührendes Plädoyer für kulturelle Vielfalt. Müsst Ihr euch unbedingt angucken, das lohnt sich. Zwar keine internationale Produktion, Hollywood hatte wohl kein Interesse, daher waren nur die üblichen Filmfonds und Fördertöpfe an der Finanzierung beteiligt, aber da spielen auch gestandene Fernsehlieblinge mit, einige Soapstars und beliebte Dschungelcampbewohner, einer steckt da sogar seinen Kopf in einen Eimer voller dicker weißer Maden, als Zeichen seiner unverwechselbaren Identität oder als Statement für irgendwas, wenn ich mich recht erinnere. Klingt schon mal total witzig wa? Aber ich kam da jetzt nur drauf zu sprechen, weil ich bei dieser Produktion auch mal als Komparse mitspielen sollte. Als ich den Trailer sah, fiel mir ein, dass ich damals das Angebot bekommen hatte, dort als Komparse mitzuwirken. Hatte aber damals dankend abgelehnt, weil ich dort als Mob mitspielen sollte. War aber jetzt nicht so die Rolle, in der ich mich sehe, und ich hätte mich dafür mal rasieren und in Schale werfen müssen, und meine Haare waren auch gerade zu lang. So als Mobteilnehmer, sag ich mal so, da muss man ja heutzutage schon etwas gepflegter aussehen und gesetzter auftreten. Daher hab ich das Angebot ausgeschlagen, obwohl’s gutes Geld gewesen wäre für ein bissel Herumstehen, Herumgrölen und Flagge zeigen mit einem Transparent gegen Rassismus. Solche Jobs laufen mittlerweile auch auf Lohnsteuerkarte, was natürlich Kacke ist. Früher ging das alles bar auf die Kralle, aber die Zeiten seien vorbei, meinte der Typ in der Komparsenagentur. Ich darauf: Hä? Wohl ein Rad ab. Mob auf Lohnsteuerkarte? Geht gar nicht! Lasst euch ein paar Spastis vom Amt schicken. Schönen Schrank auch. Aber wie gesagt, diese urbane Komödie läuft sicher bald in einem Kino ganz in eurer Nähe. Da könnt Ihr mal wieder unbelastet ablachen. Haha, Situationskomik vom Feinsten. Der Soundtrack „Welcome to the Nasris“ ist übrigens auch genial …

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