Wo ist der Sinn?

Letztes Wochenende fragte mich doch tatsächlich eine Freundin, warum man denn von dem guten Herrn Sinn nichts mehr höre oder sehe, denn der sei doch am Bildschirm gar nicht mehr präsent.
Sinn? Etwa der Ökonom Hans-Werner Sinn? Ja, genau den meine sie, den netten Herrn, der immer wie ein in Ehren ergrauter Seebär aussah und der immer so viele richtige Dinge gesagt habe – unangenehme Wahrheiten…
Na ja, druckste ich zunächst herum… Wen kümmert’s?
(Meist will ich die Gesprächsatmosphäre am ruhigen Samstagabend nicht durch staubtrockene Gespräche verderben und halte daher lieber mal gepflegt mein Maul, auch wenn’s schwerfällt, wenn ein Gespräch in diffus-diffizile Themenbereiche abzugleiten droht…)

Aber kurioserweise war mir dieser Gedanke auch schon gekommen: Hans-Werner Sinn, der Leiter des Münchner Ifo-Instituts (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung), übrigens der erste Ökonom in Deutschland, der die brisante Frage der Target 2-Kredite in der Eurozone thematisiert hat und der sich immer wieder den Luxus leistet, auch kontroverse Meinungen in anderen Bereichen (Zuwanderung, Europolitik etc) wider die geballte Medienmacht zu vertreten. Ein Mann, der noch Eier hat… Mag dem einen oder anderen seltsam erscheinen, dass solche Themen bei mir auch mal Gegenstand eines privaten Gesprächs sind? Aber so ist es nun einmal, kriegt euch wieder ein.

Mag schon sein, so ähnlich lautete meine Antwort, aber es soll ja vorkommen – das kennen wir ja von „früher“, denn ähm also „damals“ war’s ja auch so… –, dass es der eigenen Karriere zuweilen nicht förderlich ist, (in der Öffentlichkeit) unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Dinge, die Unruhe stiften oder womöglich den „Frieden“ (innerhalb der Koalition, der Gesellschaft oder gar Europas) stören könnten. Dinge, die der merkelschen Politik düsterer Alternativlosigkeit zuwiderlaufen, Dinge, die „nicht hilfreich“ sind. Nee, das geht gar nicht. Wie nennt man unbequeme Leute, die ständig nicht hilfreiche Dinge sagen? Populisten. Was sind die? Rechts. Das sowieso. Und sonst? Ein Ärgernis. Was tut man mit denen? Erstmal nichts natürlich, aber man bietet ihnen möglichst keine Plattform zur Argumentation in staatlich kontrollierten oder maßgeblich beeinflussten Medien. Es gibt ja auch andere, bequemere Ökonomen, die noch „weiterkommen“ wollen. Vielleicht vergibt man auch weniger staatliche Aufträge an das unbequeme Ifo-Institut, man lässt es austrocknen, denn Merkel will schließlich keine Natter am eigenen Busen züchten… Natürlich müsse man irgendwie den Schein wahren, daher bemühe man sich, den „unbelehrbaren“ Sinn durch „Fachkollegen“ diskreditieren bzw. widerlegen zu lassen… Gibt genügend kooperativ eingestellte Ökonomen, die wissen, was von ihnen erwartet wird.

Und da – man verzeihe mir im Nachhinein diese blasphemische Aussage – die Ökonomie keine richtige Wissenschaft sei, sondern sich vorwiegend damit beschäftige, wackelige Modelle und Theorien zu entwickeln, welche dann regelmäßig an der Realität scheiterten, habe man als eigenständig denkender, politisch unkorrekter Ökonom mit Rückgrat ohnehin relativ schlechte Karten… Relativ gesehen, wohlgemerkt, sagte ich. Es sei natürlich nicht alles schlecht, denn… (es folgten längere abschweifende Ausführungen meinerseits, auf deren Wiedergabe hier mangels allgemeinen Interesses verzichtet sei).

Aber solange man nicht wirklich unabhängig sei – aber wer sei das schon als Ökonom (vielleicht abgesehen von Überfliegern und Selbstversorgern wie Max Otte et al.), d.h. solange man bei einem schlauen Wirtschaftsinstitut angestellt sei, das am Tropf staatlicher Aufträge hänge, habe man die Arschkarte. Wobei das selbstredend auf Hans-Werner Sinn nicht zutreffe, denn der sei zum Glück bekannt genug und verfüge über eine untadelige Reputation in der Ökonomenzunft – und er verkaufe sicherlich auch genügend Bücher, so dass ihm diese Ignoranz der Meute eigentlich am Allerwertesten vorbeigehen könne. So ungefähr. Sicherlich drückte ich mich gewählter aus, wobei ich zugegebenermaßen auch manchmal zum Monologisieren neige – eine alte Kinderkrankheit, die es im hoffentlich weiteren Lebensverlauf noch auszumerzen gilt. ;-) Wie dem auch sei: Passend dazu – und das ist, wenn ich recht drüber nachdenke, die eigentliche Pointe – stieß ich am darauf folgenden Tag auf diesen Pressekommentar:
Krieg der Ökonomen: Hans-Werner Sinn soll mundtot gemacht werden

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6 Antworten auf Wo ist der Sinn?

  1. Dark Lord sagt:

    Wow, und das stand in der Welt? Ich bin entgeistert… Nennen wir es den Krieg der Ökonomen. Passt zu dem Krieg der Medien und dem Krieg des Glaubens. Warum sollen sich nicht alle bekriegen? Kriegen wir schon hin…

  2. Max sagt:

    Ja, gut beobachtet. Die “Kriegsrhetorik” ist doch immer Ausdruck der Unversöhnlichkeit von Positionen – im Krieg geht es um Sieg oder Niederlage. Das unerbittliche Niedermachen des Gegners ist das Ziel; konfrontative Elemente beherrschen die Diskussionen – sehen wir ja ständig, und auch im Netz ist es so, dass man nicht zu zart besaitet sein sollte…
    Wer hat diese ganze “Kriegsrhetorik” in die öffentl. Diskussion einfließen lassen?
    2010 war mir der zunehmend martialische Ton schon aufgefallen:
    Da sprach man auf einmal von einer “Generalmobilmachung” zur Schlacht um den Euro; von der Bazooka und dann der Dicken Bertha war die Rede, die Draghi dann in Stellung brachte, (um gegen wen nochmal zu feuern – gegen die “Finanzmärkte”?) Der Endsieg war so gut wie sicher. :-)
    Die Börsen würden Krieg gegen den Euro führen und ähnlichen Blödsinn…
    Der Euro sei eine Frage von Krieg und Frieden und so weiter usf.
    Jetzt hab ich mich daran schon gewöhnt. Vielleicht stumpft man durch diese kriegerischen Töne mit der Zeit auch innerlich ab…

  3. Dark Lord sagt:

    Erschreckend, wenn Krieg kein Thema mehr ist. Widerlich,

  4. Maxx sagt:

    Hehe, du alter Kriegstreiber :-) Ich seh schon, du willst das „reinigende“ Gewitter. ;-)

  5. Dark Lord sagt:

    Alles andere macht doch keinen Sinn mehr ;) Oder sollen wir ewig so dahinsiechen? Obwohl die friedlichere Variante eher zusagen würde, ich glaube. Glaube ich. Naja…

    • Maxx sagt:

      Mir auch. Bei der kriegerischen Variante besteht immer auch die Möglichkeit, dass es danach noch übler wird (als jetzt)… Schlimmer geht immer.

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