Gedanken eines Zeitbeobachters

Normalerweise ist es Zeitreisenden aus verständlichen Gründen untersagt, in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Die Fragilität der Zeitlinien und die logische Abfolge aufeinander aufbauender und sich beeinflussender historisch relevanter Ereignisse lassen nachträgliche Änderungen riskant erscheinen.

Eine historische Relevanz ist dabei grundsätzlich bei jedem Ereignis und bei jeder Person zu bejahen oder zumindest theoretisch vorauszusetzen, solange keine vollständige Folgeberechnung der Ereignis- oder Handlungsalternativen vorliegt.
Dies dürfte allgemein bekannt sein oder?
Also erstmal weiter im Text.

Ich schrieb „normalerweise“, denn wie so oft, so gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahmen.
Denn was viele von euch noch nicht wissen: Ab und zu werden rückwirkende Eingriffe in die Geschichte ungeachtet aller Risiken vorgenommen. Selbstverständlich aber nur auf Grundlage strenger Vorgaben und Richtlinien, zu deren Einhaltung sich alle Beteiligten verpflichten müssen.

Auf Beschluss des zuständigen Ausschusses des Weltrats, bei besonderer Dringlichkeit, d.h. zwecks Abwendung bzw. Aufschub der Vernichtung der Menschheit, oder wenn aus berechtigten Gründen bestimmte geschichtliche Abläufe geglättet werden sollen, kann tatsächlich eine diesbezügliche behördliche Genehmigung erlangt werden.

Dann wird ein entsprechender Zeitregulierer mit Korrekturmaßnahmen beauftragt und in die Kapsel geschickt. Die „Zeitkapsel“ ist natürlich nur eine im aktuellen Zeitalter gebräuchliche Metapher.

In Wirklichkeit handelt es sich um eine komplexere Apparatur bzw. Anlage, deren Funktionsweise sich euch nicht ohne Weiteres erschließen würde. Aber dazu vielleicht später.

Ihr wundert euch bestimmt darüber, dass trotz der hohen Risiken überhaupt Eingriffe in  Zeitabläufe stattfinden?
Nun, bei den meisten solcher zulässigen Eingriffe ist es so, dass diese faktisch eine Auslöschung der Menschheit bzw. großer Teile davon zum gegebenen Zeitpunkt verhindern oder besser ausgedrückt aufschieben.

Ihr habt doch nicht ernsthaft gedacht, dass eure Menschheit, wie Ihr sie kennt, ohne eine gewisse Hilfestellung bis zum heutigen Tag auf allen euch bekannten Kontinenten und in der enormen Anzahl überlebt hätte?
Die globale Pest, der durch Kennedy ausgelöste Dritte Weltkrieg, die Froschgrippe-Pandemie, die mutierten Pocken, die Verseuchung des Planeten?
All diese Katastrophen könnt bzw. dürftet Ihr naturgemäß nicht kennen, da sie nachträglich verhindert wurden.

Aber halt. Mir kam gerade in den Sinn, dass Ihr vielleicht nicht wisst, dass Zeitreisen möglich sind. Schließlich befinden wir uns erst im Jahr 2013. Sorry, das war mein Fehler. Die theoretischen Grundlagen werden erst in den nächsten Jahrzehnten… da hab ich mich doch glatt auf der Zeitskala vertan.

Macht aber nichts. Auf die ganzen physikalischen Einzelheiten werde ich an dieser Stelle ohnehin nicht weiter eingehen. Die theoretischen und technischen Erklärungen würden den Raum für diesen Beitrag bei weitem sprengen und die meisten Leser langweilen oder gar überfordern.
Ich versuche daher, mich kurz zu fassen und meine Aussagen etwas einfacher zu formulieren.

In der aktuellen Erdzeit, in der ich euch diesen Kontrollbesuch abstatte, ist die Aufnahmekapazität und Leistung der menschlichen Hirne bekanntlich begrenzt und bereits erheblich geschrumpft. Die meisten nach derzeitigen Standards normal entwickelten Menschen können nur noch Texte einer maximalen Länge von zwei Seiten bewusst erfassen und verarbeiten.
Die Ausführung einfacher Rechenoperationen fällt den meisten Humanressourcen in eurer Zeit schwer.
So steht es sinngemäß, natürlich nicht wortwörtlich, im Abschnitt 2000 bis 2100 des Handbuchs für Zeitreisende – aber gut, diese mentalen Beschränkungen erlebt ja jeder von euch täglich am eigenen Leibe oder Kopf, zumindest wenn Ihr nicht zu den Glücklichen gehört, die bereits ein Hirnimplantat von GoogleBrains bekommen haben.
Obwohl… die sind ja in eurem Jahrhundert auch noch nicht auf dem Markt, glaube ich.

Ich muss leider gestehen, dass ich selbst kein Techniker oder Historiker bin, sondern nur als Zeitbeobachter, also als einfacher Nutzer des Systems hier weile.
In der Regel wird es toleriert – wenn auch von meinen Vorgesetzten in der Weltbehörde für rückwirkende Entwicklungsregulierung mit einigem Missfallen betrachtet – wenn einer der entsandten Zeitbeobachter gelegentlich durch Preisgabe künftiger Geschehnisse ohnehin eintretende Entwicklungen bestätigt und lediglich deren Bekanntwerden vorwegnimmt.
Der Dienst ist langweilig und etwas Spaß muss sein.

Der potenzielle Schaden hält sich ohnehin in Grenzen, da sich der undisziplinierte Zeitwächter jederzeit problemlos als Schwätzer, Untergangsprophet oder harmloser Blogger tarnen kann und seine Offenbarungen meist keine geschichtsverzerrenden Konsequenzen nach sich ziehen.

Dies gilt natürlich nur für unbedeutende, d. h. für die Weltgeschichte weitgehend irrelevante Ereignisse, z. B. den Ausgang irgendwelcher Parlamentswahlen oder für kleine Konflikte bzw. ähnliche als Belanglosigkeiten eingestufte Episoden, denn anders als gemeinhin geglaubt, lassen sich die Auswirkungen einzelner Veränderungen auf den Gesamtkontext der Geschichte anhand computertechnischer und mathematischer Berechnungsmodelle relativ gut vorhersagen und steuern.

Zur Verdeutlichung vielleicht einen aktuellen zeitlichen und räumlichen Bezug: Man muss z. B. kein Prophet sein, um zu erahnen, dass die SPD bei den kommenden Bundestagswahlen eine deftige und hochverdiente Niederlage kassieren wird.

Da diese Wahlen ohnehin nur als unbedeutende Fußnote in die Menschheitsgeschichte eingehen werden, wäre es also kein Drama, den halbdurchlässigen Schleier über der ansonsten düsteren Zukunft kurz zu lüften und anzukündigen, dass diese Partei, die sich derzeit wohl noch CDU nennt, die nächsten Wahlen in diesem Verwaltungsgebiet gewinnen wird.

Aber ich sollte noch eines vorwegschicken, um euch das Verständnis zu erleichtern:
Es gibt zwei Kategorien Zeitreisender: Wächter wie mich, die eine reine Beobachterfunktion innehaben, und so genannte Entwicklungsregulierer, die nach streng festgelegten Vorgaben Verbesserungen und Optimierungen an der Menschheitsgeschichte vornehmen.

Ihr werdet mit euren Spatzenhirnen – und das ist keine Beleidigung, da wo ich herkomme – bestimmt denken: Alles schön und gut, was dieser Typ schreibt, aber sind denn diese rückwirkenden Eingriffe in die Zeit nicht kreuzgefährlich?
Was passiert, wenn ich aus Versehen meinen eigenen Großvater anrempele, so dass er vor den Bus stürzt, oder wenn ich mir selbst begegne usw. usf. oder ähnliche Spinnereien… Dazu kann ich nur sagen: Quatsch, Genossen. Spinnerte Ideen, von SF-Autoren erdacht. Alles nur eine Frage von Prozessorleistung und Speicherkapazität, vereinfacht gesagt. Zudem werden natürlich stets glasklare Vorkehrungen getroffen und Leitplanken eingezogen, wie die euch bekannte Kanzlerin Merkel immer so schön sagt. Apropos Kanzlerin, na Ihr werdet euch noch wundern.
Oh, ich sehe hier gerade ein Warnsignal auf meinem persönlichen TCD, dem Time Control Display an meinem Handgelenk. Zuviel geschwätzt. Ich muss los.
Die Zeit ist reif.
Vielleicht liest man mal wieder was voneinander, wenn Zeit ist, irgendwann…

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