Zu den französischen Präsidentschaftswahlen

Ein paar ungeordnete Gedanken und Anmerkungen zum Ausgang der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen:
Die zwei siegreichen Anti-Establishment-Kandidaten, die angetreten sind, gehen also in die Stichwahl im Mai. Der führende Emmanuel Macron, ein Ex-Sozialist, bei uns würde er wohl als Sozialdemokrat gelten, der wohl auch die Stichwahl gewinnen wird, hat sich in rasend schneller Zeit als unabhängiger linksliberaler Kandidat etabliert, obwohl er unter Hollande schon Wirtschaftsminister war. Erst irgendwann 2016 hat Macron seinen Rücktritt und dann seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen erklärt; der ist quasi wie Kai aus der Kiste gesprungen. Er hat keine Partei hinter sich, sondern wohl eine Art politische Bewegung und Sponsoren, die seinen Wahlkampf finanziert haben. Wahlkampf ist ja irrsinnig teuer.

Ist diese Ablehnung des Establishments nicht verständlich oder so ähnlich wie die Grundstimmung wie bei den US-Wahlen? Nur dass man den Franzosen auch einen “guten und sauberen”, einen linksliberalen Anti-Establishment-Kandidaten angeboten hat. Die vom korrupten Parteienfilz enttäuschten Wähler setzen jetzt mehrheitlich auf einen frischen (sozialdemokratischen) Kandidaten, weil der sich eben als unabhängiger linksliberaler Kandidat so wohltuend von diesen etablierten Altparteien (Sozialisten, Konservative, Linke) absetzt. Alle können aufatmen: Man kann seinen Protest an der Wahlurne erklären, ohne rechts (Le Pen) zu wählen. Macron muss jetzt in Windeseile (im Grunde als Alleindarsteller) bis Anfang Mai eine eigene Partei mit tragfähigen Strukturen und glaubwürdigem Spitzenpersonal aufbauen, was unter normalen Umständen schon mal unrealistisch sein dürfte. Oder wurde das bereits im Hintergrund erledigt bzw. vorbereitet?

Mein Fazit: Um in der Stichwahl im Mai zu gewinnen, wird Macron die Unterstützung eben jenes (vom Volk abgelehnten und abgewählten) Parteienfilzes für sich gewinnen, und er wird/muss im Gegenzug den einflussreichen Vertretern genau jener abgehalfterten Parteien wiederum für deren Unterstützung auch personelle Zugeständnisse im Hinblick auf eine künftige Regierungsbeteiligung anbieten. Könnte im Endeffekt darauf hinauslaufen, dass der französische Wähler über die Hintertür eines angeblich unabhängigen, sauberen Kandidaten wieder die gleiche Suppe wie zuvor geliefert bekommt (wie es in Gesellschaften mit gut durchwachsenen Parteienkartellen Usus ist).
Nachtrag: Als Marionette würde ich den nicht sehen, würde ich jedenfalls nicht so ausdrücken, falls das missverständlich war (wie ich aufgrund einer Zuschrift vermute). Hmm, ich denke einfach, dass Macron als ein guter Kandidat gesehen wurde, der Unmut und Unzufriedenheit mit dem bestehenden Parteiensystem “kanalisieren” kann, ohne dass von ihm echte Änderungen ausgehen/zu befürchten sind. Der Kandidat maskiert oder ummäntelt ein “Weiter so”, suggeriert, es könne so weitergehen, würde man ihn wählen und die Lasten besser, gerechter verteilen (ist ist dies nicht immer die Kernaussage)? Daher wird er gefördert, unterstützt und gewählt. Sozialistische Systeme sind wahrscheinlich sogar strukturell reformunfähig, aber das soll uns jetzt nicht kümmern.
PS: Ich hab jetzt aber nicht unbedingt den besten und tiefen Einblick in französische Innenpolitik (soll auch nicht weiter thematisiert werden), kann daher auch sein, dass ich mit meiner Einschätzung (ausnahmsweise) mal falsch liege.
;-)

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3 Antworten auf Zu den französischen Präsidentschaftswahlen

  1. FDominicus sagt:

    Meines Erachtens zutreffend. Ich habe es etwas böser formuliert: Macron oder Le Pen, wenn die Franzosen nicht so dämlich wären – könnten sie einem leid tun.

    • Maxx sagt:

      Ja, aber wir (insgesamt als Deutsche gesehen) sind eigentlich auch nicht besser wa? ;-)

      • FDominicus sagt:

        Leider nein. Wie ich es mir vorstellte habe ich ja bei mir festgehalten: http://www.q-software-solutions.de/blog/2017/04/warum-waehlen-gehen/ Ich wünschte mir es wäre anders, aber in D gibt es keine Chance wenn nicht über die Parlamente.

        Ich wünschte mir es gäbe viel weniger Politik in meinem Leben (eigentlich in jedem Leben) . Ich wünsche mir wir kämen von dem Trip runter der Staat ist was uneingeschränkt Gutes. Das Leben ist aber kein wünsch-dir-was. Sondern “du-mußt-was-tun” Ich versuche es, mit leider ungenügendem Erfolg….

        Es entsetzt mich zu sehen wie oft dieselben Fehler gemacht werden. Wenn der Schutz des Einzelnen geht dann ist nun mal der Raum frei für Massenmorde. Warum die Liberalen sonst alle Problem sehen aber nicht wie kontraproduktiv ihr Verhalten ist wenn man sich zurückzieht, ist mir unverständlich. Es ist so einfach wie das Problem mit dem Zahlungsmittelsystem. Der Ausweg ist in beiden Fällen wirklich einfach. Im Fall der Liberalen, dass Wählen und eintreten für ein liberale Partei. Im Falle des gesetzlichen Zahlungsmittels die Aufhebung eben des “gesetzlichen Zahlungsmittel” Status so einfach und so schwer erreichbar. Es ist zum verzweifeln.

        Immer und immer wieder hat sich gezeigt die Fiat-Gelder funktionieren nicht, und nein man wendet sich davon nicht ab sondern baut Sandburgen auf Sandburgen auf Sandburgen…. Irre ist das ein passender Ausdruck oder Wahnsinn wenn man Einstein folgen mag.

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