Zur Frage der Feigheit

Henryk Broder kritisiert die Verwendung des attributiven Adjektivs „feige“ in Verbindung mit den jüngsten Morden bzw. Terroranschlägen in England. Wo ich das gestern las bzw. als ich das las, fiel mir gleich ein, dass mir das schon bei einigen anderen Bloggern aufgefallen ist, soweit ich das bei ähnlichen Anlässen, es gab ja schon einige, auch gelesen habe, dass sie sich an dem Attribut „feige“ stören und meinen, man dürfe Terroristen und Selbstmordattentäter nicht als feige bezeichnen, weil die sich schließlich bewusst dafür entschieden hätten, in den Tod zu gehen, was Mut erfordere. Sie seien also „ausgesprochen mutig“ schlussfolgert Broder, während die Bürger natürlich feige sein dürfen, wohingegen der Staat und seine Organe Mut und Stärke zeigen sollten.
Von der Argumentation schon nachvollziehbar, kann aber trotzdem nicht hundertprozentig zustimmen, wie ich auch schon mal angemerkt hatte. Ich mag das Geschwätz heuchlerischer, empathieloser Politiker auch nicht, die ihr Beileid ablesen müssen. Aber warum soll man nicht von einem feigen Anschlag sprechen dürfen? Derlei vorgestanzte Floskeln sind erstens völlig belanglos. Zweitens bedeutet „feige“ in diesem Kontext natürlich nicht mutlos, furchtsam oder ängstlich im Sinne einer Eigenschaft, die den Tätern zugeschrieben wird, sondern boshaft, unehrenhaft, hinterhältig und heimtückisch (in Bezug auf eine Tat) – vgl. Merkmal der Heimtücke (Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer ausnutzend). Feiger Anschlag bedeutet tatsächlich nach meinem Verständnis heimtückisch, boshaft, hinterlistig, was natürlich auch besser passen würde. Sollte man vielleicht in der Vorlage für künftige Beileidsbekundungen mal ersetzen oder variieren. Bin noch unschlüssig, ob der ständige Gebrauch von “feige” vielleicht auch mit dem Übergang zu leichtem Deutsch, also vereinfachtem Vokabular im Sinne von Inklusion und Barrierefreiheit zu tun hat. Der eigentliche Punkt ist vielleicht auch der: Es entspricht im westlichen Kulturkreis nicht der uns geläufigen Vorstellung von einem mutigen, fairen Kampf (Mann gegen Mann), wenn man sich in einer Menge von Kindern in die Luft sprengt oder Zivilisten mit einem Lieferwagen niederwalzt oder arglosen Passanten überraschend von hinten die Kehle durchschneidet. Oder? Nicht sehr ritterlich. Wobei man das auch besser nicht sagen sollte, weil man das mit den Kreuzrittern assoziieren könnte, und man weiß ja, welche schlimmen Verbrechen die während der Kreuzzüge … wobei man dann wiederum Gefahr läuft, die noch schlimmeren Verbrechen zu relativieren, die diese untilgbare Schuld begründeten … nee, geht ja gar nicht. Na ja, ausgesprochen mutig finde ich das Abschlachten von Ungläubigen jedenfalls nicht gerade, aber vielleicht fehlt mir da auch die nötige multikulturelle Sensibilität. Hinterrücks anzugreifen ist feige, hat man das bei euch auf dem Schulhof nicht auch immer so gesagt? Keine Kinder und keine Mädchen schlagen, oder so ähnlich hieß es doch auch immer … aber das war ja noch damals, wo alles so grau und langweilig war. Wobei es wiederum den Tätern sowieso egal sein dürfte, wie wir sie bezeichnen: feige, mutig, irregeleitet oder ihre Religion falsch verstanden habend. Andererseits, wenn z. B. Politiker die Täter als feige bezeichnen, fühlen sich die nächsten, also einige radikalisierte Glaubensbrüder möglicherweise davon beleidigt, dass da ein Kuffar ihnen nicht den nötigen Respekt zollt, wodurch man wieder neue Anschläge provoziert … tja ja, hätte man sich durch falsche, unsensible Wortwahl da nicht mitschuldig gemacht? Sollte jeder mal drüber nachdenken.

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4 Antworten auf Zur Frage der Feigheit

  1. FDominicus sagt:

    Dachte ich hätte es schon kommentiert. IMHO Treffer:
    http://www.q-software-solutions.de/blog/2017/05/mir-fallen-eine-menge-adjektive-fuer-den-terror-ein/

    Was mich richtig nervt. Es wird immer noch so getan als ob der Staat jemanden schützen könnte. Ich bin der Meinung wenn er was machen kann ist das Kind schon in den Brunne gefallen/ der Mord schon passiert.

    • Maxx sagt:

      Ja, werter FDominicus, der westliche Staat wird und kann keinen Schutz gegen solchen Terror bieten. Dafür war er ja auch nie ausgelegt. Es ist ein “Schönwetter-Staatsapparat”, der unter diesen Bedingungen nur eines tun kann: Wachsen, wachsen, wachsen, Aktionismus bzw. Tätigkeit simulieren und die Freiheiten der gesetzestreuen Bürger weiter beschneiden.

      Für den Staat, dessen Repression sich zunehmend gegen die eigene Bevölkerung wendet (“Ersatzfeinde” im Inneren), ist der Terror in der Mitte der Gesellschaft auch kein Problem, sondern sogar ein nützliches Werkzeug zur Herrschaftssicherung (der machthabenden Parteienlenker) oder? Jedenfalls gilt dies, solange sein Weiterbestehen nicht gefährdet ist (denn hier richten sich Anschläge nicht wie z.B. im Falle der RAF gegen die physische Existenz seiner Spitzenakteure und -repräsentanten, sondern gegen normale Leute, gegen den westlichen Lebensstil, man tötet wahllos Unschuldige – dies lähmt und züchtigt zugleich die einheimische Gesellschaft, die nun nicht mehr aufzumucken wagt). Wogegen oder wofür sollen die (braven) Leute da auch protestieren? Für Liebe und gegen den Hass? Aha.
      Hat man nicht geliefert bekommen, was man bestellt hat? Zynisch natürlich. :-(
      Importierter Terror kann also als ein opportunes Werkzeug zur Gleichschaltung und Einschränkung unserer Freiheiten betrachtet werden, (wie Sie auch richtigerweise bemerken).
      Freiräume für uns werden künftig weiter beschnitten, und es wächst der Staatsapparat, er wächst und wird gefräßiger …
      Der Staat überwacht, kontrolliert und schurigelt die Eigenen, die Willigen, die einfachen, die weichen Ziele, und er liefert auch gleich Ersatzfeinde (z.B. Identitäre, Islamophobe, Reichsbürger – oder auch nicht näher spezifizierte Reiche oder die Russen usw.), auf die eine sozialdemokratisierte, eingeschüchterte Zivilgesellschaft hilfsweise ihren Unmut (und gerechten Zorn) richten kann. Freiheit war gestern.

    • Maxx sagt:

      Ich kommentiere gleich noch mal kurz auf Ihrem Blog, leider immer etwas schwierig, in ihrer Kommentarspalte einen Text abzusenden. Ich bekomme da immer eine Timeout-Meldung, wenn ich länger als 10 Sekunden zum Schreiben brauche. So schnell bin ich ja nicht. ;-)

  2. FDominicus sagt:

    Also wenn ich kommentiere, kann ich beliebig lang ausdehnen. Keine Ahnung was da bei Ihnen anders läuft.

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