102

Jedes Mal, bevor ich einen Beitrag poste, stelle ich mir die Frage: Muss das wirklich sein? So kostet es mich doch jetzt einige Mühe, die Schwelle vom 101. zum 102. Beitrag in diesem Blog zu überwinden. Ja, laut dem unbestechlichen Zählwerk im WordPress-Dashboard muss dies hier mein 102. Posting sein. Nicht viel im Vergleich mit anderen Bloggern, aber für mich als ordinäres Individuum ohne besonderes Sendungsbewusstsein ganz beachtlich. Über 100 Texte, die alle irgendwie, wenn auch gut versteckt, mit mir zu tun haben und etwas von mir preisgeben.

Die 102, so sagte ich mir gestern, wäre auch eine gute Zahl, um mal eine Denkpause einzulegen. Die 102 – seltsamerweise spukt mir diese Zahl seit einiger Zeit im Hirn herum – war haargenau auch der IQ von Monsieur Cetrois, dem Protagonisten in Wolfgang Herrndorfs „Sand“. Fantastisches Buch übrigens, aber nicht einfach zu lesen. Von Herrndorf hab ich alles gelesen. Hat leider nicht viel geschrieben. Voriges Jahr gestorben. Die Quersumme von 102 ist 3, eine Primzahl.
Zugegeben, immer wenn mein Beitragszähler einige Wochen stehen bleibt, werde ich etwas ungeduldig, auch wenn ich es mir oft verkneifen muss, unbedachte bloggerische Schnellschüsse im Blog abzufeuern. Das Tagesgeschehen rast zuweilen auch an mir vorbei, ohne dass ich dazu komme, meinen Senf dazuzugeben. Aber wozu der Aufstand, sag ich mir dann. Mach es nicht noch schlimmer, Blödmann. Deine bisherigen Beiträge sind schon irritierend genug. Ich wollte eh nie ein privates Online-Tagebuch führen, und das laufende Tagesgeschehen zu kommentieren, finde ich mittlerweile zu unerquicklich. Man hat das Gefühl, gegen den Strom zu schwimmen oder gegen Windmühlenflügel zu kämpfen. Man exponiert sich und wird angreifbar, wenn man in einem Blog zu stark polarisiert. Gut, ein paar Leute werden Dir immer zustimmen, aber was heißt das schon? Selbst ausgewiesene „Trolle“ haben Tausende Twitter-Fans. Übrigens wurde vor einigen Tagen einem bekennenden Troll in der FAZ ein ganzer Artikel gewidmet (Faz-Link). Die Story stimmte mich eigentlich etwas traurig, weil der Mann vielleicht eher ein Fall für nen Psychiater ist. Aber ich wurde den Verdacht nicht los, dass man seitens der FAZ die Sperrung der Kommentarfunktion bei sensiblen Themen (Russland/Ukraine) auch mit einer vorgeblich zunehmenden Trollgefahr rechtfertigen möchte. War eben sehr geschickt lanciert.

In meinem eigenen Blog will ich der Verführung schnelllebiger Nachrichten und Medienhypes hingegen ab und zu widerstehen. Zu schnell sind sonst mal ein paar spontane Zeilen zu einem aktuellen Thema hingerotzt, einige Systemmedien zitiert, denen dann zugestimmt oder widersprochen wird. „Polemisieren Sie doch einfach, wenn Ihnen nichts Eigenes einfällt“, sagte mir mal vor vielen Jahren ein Mentor – kein geistiger Mentor oder Guru, sondern ein wissenschaftlicher Betreuer an einer Hochschule, wo ich mal eine Diplomarbeit schreiben sollte oder hätte schreiben sollen… Ich fragte: „Hä, polemi… was?“ „Na, meckern und kritisieren Sie einfach, Herr Mustermann, natürlich nur rein fachlich gesehen.“ Aber damals redete man sich üblicherweise noch mit Genosse an… Hab ich also eigentlich falsch wiedergegeben. Ich schweife mal wieder ab, ein alter Fehler. Beiträge werden zu lang und fasern aus, dann liest sie keiner, was auch irgendwie Kacke ist. Kacke im Sinne von schade. Trübe Herbsttage bringen düstere Gedanken. Egal, pulitzerpreisverdächtig war es eh nicht, und so hab ich wenigstens mal freihändig notiert, was mir eben in den Sinn kam.

Hiermit möchte ich also für heute schließen, Freunde. Voll retro, der Spruch. Aber mit dieser oder einer ähnlichen Floskel beendete ich früher immer meine Briefe, damals, als man noch mit der Hand schrieb.

2 thoughts on “102”

    1. Ja, aber etwas Selbstreflexion schadet doch nicht. ;-) Na ja, etwas Sarkasmus und Spielerei mit Klischees steckt ja bei mir in fast jedem Beitrag auch drin, vieles ist auch Selbstironie, ich denke, das spürt man? Also jedenfalls will ich schon so verstanden werden, auch wenn ich jetzt gar nichts davon halte, extra Ironie-Tags einzusetzen… So gesehen, will ich eben auch nicht den Kasper geben… Dafür gibt’s schon den Postillon.
      Haruki Murakami schrieb mal sinngemäß in 1Q84: Gewisse Dinge kann man nicht erklären (wortwörtlich: Was man ohne Erklärung nicht versteht, versteht man auch nicht mit). Daher denke ich, ich schreibe eigentlich auch viel zu viel, denn wenn mich jemand missversteht, ist es auch OK. Missverständnisse sind nur eine andere Auslegung eines Textes…
      Gut, wer mich persönlich nicht kennt, weiß ja nur das, was er hier herausliest, und das ist wahrsch. nich viel… Gut N8.

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