Bruch

Polizeikommissar Ingo Kotschmarski, 43, ledig, Besoldungsgruppe A9, war heute nicht in Stimmung. Sogar ziemlich gefrustet war er, obwohl er doch, wie er zugeben musste, im Großen und Ganzen mit seinem Leben hätte zufrieden sein können. Zumindest bis zum heutigen Tag. Nun gut, der Schichtdienst war anstrengend und nervenaufreibend. Auch nach etlichen Dienstjahren litt er noch unter einem ständigen Schlafdefizit, die Ausrüstung war mies, und seine Vorgesetzten waren auch nicht immer einfach zu nehmen. Aber all dies gehörte eben zum Alltag eines Berliner Polizeibeamten. Und er hielt sich schließlich für einen guten Polizisten. Klar, es gab da auch noch einige andere Dinge in seinem Leben, die aus dem Ruder gelaufen waren, Beziehungskisten zum Beispiel, aber daran wollte er jetzt keinen Gedanken verschwenden. „Scheiß drauf“, sagte sich der stämmige Polizist, der in lässiger Haltung neben dem stark abgenutzt wirkenden Einsatzwagen verharrte – einem silbernen VW Passat mit blauer Folienbeklebung, auf dessen Dach ein Blaulicht nervös flackerte. Das blaue Licht war so grell, dass der vor ihm auf dem Boden kauernde junge Mann die Augen leicht zukneifen musste, um nicht geblendet zu werden.

Blaulicht

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Zur Frage der Paralleluniversen

Antwort auf eine Leserfrage:
Ich gebe zu, die Idee mit den Paralleluniversen klingt verführerisch.
Einfach mal rüberspringen in eine andere Welt, die in ihrem grundlegenden Aufbau so ist wie unsere bzw. eure, sich aber nur in bestimmten Ereignissträngen oder gesellschaftlichen Aspekten unterscheidet, so dass man mal schnell in die aus persönlicher Sicht „bessere“ Welt hinüberwechseln könnte, in der sich vielleicht das eigene Leben oder die Menschheitsgeschichte anders entwickelt hat, eine Welt, in der z.B. Kennedy nicht oder erst später ermordet und der dritte Weltkrieg doch nicht ausgelöst wurde. Wobei, das ist Quatsch, da hab ich wohl etwas mit einer anderen Realitätsverzweigung verwechselt.

Die positive Nachricht ist: Ja, es gibt diese Möglichkeit, theoretisch und auch praktisch, nur kann man aus eurer Sicht nicht so einfach hinüberwechseln, da unvorstellbar hohe Energiemengen für einen solchen Dimensionswechsel vonnöten wären, wobei jegliches menschliches Gewebe durch die extrem energiereiche Strahlung bereits beim Vorheizen des Sprungtors im Bruchteil einer Millisekunde zu Staub zerfallen würde. Gut, dafür gäbe es auch Lösungen, aber das soll jetzt nicht weiter ausgeführt werden. Es ist selbst für mich relativ kompliziert.

Die Crux, also der springende Punkt oder Hund, wie auch immer, liegt hier begraben, Freunde: Die meisten Paralleluniversen sind leider tote Welten, Wüstenplaneten ohne jede Atmosphäre, Asteriodenansammlungen oder ganz einfach leere Räume im All. Hä, sagt Ihr? Wie das? Die ganzen gebildeten Eierköpfe (z. B. der weit überschätzte Hawking) da draußen erzählen uns doch immer was anderes? Klicken und dort weiterlesen ->

Das Buch, das ich aus dem Fenster schmiss und vergaß

Mist, was soll ich tun? Verlinken oder nicht? Ich hab was gelesen, was mir gar nicht so gefallen hat. Genauer gesagt, hab ich mich drüber geärgert. Eigentlich wollte ich gar nichts drüber schreiben, aber ich kann halt nicht aus meiner Haut. Es ist dieses literarische schelmenhafte (ei, ei) Meisterwerk von epochaler Bedeutung, diese Geschichte von dem Hundertjährigen aus Schweden, ah, Ihr wisst schon, was ich meine…
Totaler Schmarrn, wenn ich mal ungefragt meine ehrliche Meinung äußern darf. Selbstredend bekam das Buch von mir keine 5 Sternchen. Damit meine negative Rezension bei Amazon unter den vielen Lobhudeleien nicht so einsam dasteht oder verschüttet wird, hab ich sie gleich in ein Blog geschrieben und ausgelagert. Und da bleibt sie auch stehen. Basta!
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(Fans des Buches müssen/sollten den Beitrag ausnahmsweise nicht lesen.)

Wachsam bleiben

Der unrasierte, mürrisch dreinblickende Mann in den Dreißigern, der soeben mit einer unter den Arm geklemmten schwarzen Aktentasche aus Kunstleder aus dem Hauseingang trat, sah auf den ersten Blick relativ harmlos aus. Ein Proll, wie die meisten, die in diesem Berliner Kiez ihr trauriges Dasein fristeten. Ein Normalo. „Aber was heißt schon normal in diesen turbulenten Zeiten“, dachte Hannes und nahm zur Sicherheit mit seinem Smartphone schnell ein Foto von dem Typen auf. Der Schnappschuss sollte für alle Fälle in der Datenbank gespeichert und mit der Adresse des Mannes katalogisiert werden, so war es in der Gruppe abgesprochen. Man konnte schließlich nie wissen, ob eine Person künftig mal auffällig wurde.

Als er von der letzten Stufe des Hauseingangs auf den Gehweg mit den alten brüchigen Pflastersteinen trat, drehte sich der Mann, der seinen „Paparazzo“ nicht bemerkt hatte, noch einmal kurz um, richtete einen schnellen prüfenden Blick auf die nun geschlossene Tür des Mehrfamilienhauses und ging festen Schrittes die paar Meter bis zu seinem Wagen, einem älteren blauen VW Golf III mit schwarzem Kotflügel. Es handelte sich offenbar um einen notdürftig instand gesetzten Unfallwagen mit einigen Kratzern und Beulen, bei dem man sich nicht mal mehr die Mühe gemacht hatte, ein farblich passendes Teil vom nächstgelegenen Schrottplatz zu beschaffen oder den Kotflügel nachträglich blau zu lackieren. Am Fahrzeug war ein Berliner Nummernschild mit einer unverdächtigen Buchstaben- und Zahlenkombination angebracht. Nein, dieser Mann sah wirklich nur harmlos aus; gewöhnlicher Durchschnitt: kurzes, aber nicht zu kurz geschnittenes dunkles Haar, leicht abgewetzte Blue Jeans, neonfarbene Laufschuhe einer nicht erkennbaren Marke und ein schwarzes Lederblouson, das schon mal bessere Tage gesehen hatte. Für ein ungeschultes Auge kam der Typ so unauffällig daher, dass man ihn in einer Großstadt wie Berlin im Vorbeigehen normalerweise nicht wahrgenommen hätte. Keine besonderen Merkmale. Ein Niemand, einer von denen, die in den östlichen Stadtbezirken zu Tausenden in ihren kleinen Mietwohnungen mit weißer Raufasertapete und billigem Laminat hockten, in ihren existenzsichernden Behausungen mit oder ohne Balkon. Andererseits wussten sich solche Spießbürger meist gut zu tarnen und ihre wahre Gesinnung zu verbergen, dachte Hannes, der junge Mann mit dichtem Vollbart, der ein schwarzes Kapuzenshirt mit dem bekannten stilisierten roten Konterfei von Che Guevara trug und sich gegenüber dem Hauseingang, auf der anderen Straßenseite hinter einem dichten Rhododendronstrauch postiert hatte. „Das reaktionäre Bürgertum passt sich an. Die halten sich im Hintergrund, lesen die Bild-Zeitung, gehen ihrer stumpfsinnigen Arbeit nach und haben vielleicht sogar eine Familie. Denken vielleicht noch, sie kommen damit durch.“ Continue reading Wachsam bleiben