Wachsam bleiben

Der unrasierte, mürrisch dreinblickende Mann in den Dreißigern, der soeben mit einer unter den Arm geklemmten schwarzen Aktentasche aus Kunstleder aus dem Hauseingang trat, sah auf den ersten Blick relativ harmlos aus. Ein Proll, wie die meisten, die in diesem Berliner Kiez ihr trauriges Dasein fristeten. Ein Normalo. „Aber was heißt schon normal in diesen turbulenten Zeiten“, dachte Hannes und nahm zur Sicherheit mit seinem Smartphone schnell ein Foto von dem Typen auf. Der Schnappschuss sollte für alle Fälle in der Datenbank gespeichert und mit der Adresse des Mannes katalogisiert werden, so war es in der Gruppe abgesprochen. Man konnte schließlich nie wissen, ob eine Person künftig mal auffällig wurde.

Als er von der letzten Stufe des Hauseingangs auf den Gehweg mit den alten brüchigen Pflastersteinen trat, drehte sich der Mann, der seinen „Paparazzo“ nicht bemerkt hatte, noch einmal kurz um, richtete einen schnellen prüfenden Blick auf die nun geschlossene Tür des Mehrfamilienhauses und ging festen Schrittes die paar Meter bis zu seinem Wagen, einem älteren blauen VW Golf III mit schwarzem Kotflügel. Es handelte sich offenbar um einen notdürftig instand gesetzten Unfallwagen mit einigen Kratzern und Beulen, bei dem man sich nicht mal mehr die Mühe gemacht hatte, ein farblich passendes Teil vom nächstgelegenen Schrottplatz zu beschaffen oder den Kotflügel nachträglich blau zu lackieren. Am Fahrzeug war ein Berliner Nummernschild mit einer unverdächtigen Buchstaben- und Zahlenkombination angebracht. Nein, dieser Mann sah wirklich nur harmlos aus; gewöhnlicher Durchschnitt: kurzes, aber nicht zu kurz geschnittenes dunkles Haar, leicht abgewetzte Blue Jeans, neonfarbene Laufschuhe einer nicht erkennbaren Marke und ein schwarzes Lederblouson, das schon mal bessere Tage gesehen hatte. Für ein ungeschultes Auge kam der Typ so unauffällig daher, dass man ihn in einer Großstadt wie Berlin im Vorbeigehen normalerweise nicht wahrgenommen hätte. Keine besonderen Merkmale. Ein Niemand, einer von denen, die in den östlichen Stadtbezirken zu Tausenden in ihren kleinen Mietwohnungen mit weißer Raufasertapete und billigem Laminat hockten, in ihren existenzsichernden Behausungen mit oder ohne Balkon. Andererseits wussten sich solche Spießbürger meist gut zu tarnen und ihre wahre Gesinnung zu verbergen, dachte Hannes, der junge Mann mit dichtem Vollbart, der ein schwarzes Kapuzenshirt mit dem bekannten stilisierten roten Konterfei von Che Guevara trug und sich gegenüber dem Hauseingang, auf der anderen Straßenseite hinter einem dichten Rhododendronstrauch postiert hatte. „Das reaktionäre Bürgertum passt sich an. Die halten sich im Hintergrund, lesen die Bild-Zeitung, gehen ihrer stumpfsinnigen Arbeit nach und haben vielleicht sogar eine Familie. Denken vielleicht noch, sie kommen damit durch.“ Continue reading Wachsam bleiben