Liquidity

Fluss_komprEr war eine anerkannte Koryphäe auf seinem Fachgebiet, der Untersuchung von Weichteilschichtdicken menschlicher Schädel. Unbestritten. Weltweit gab es höchstens eine Handvoll Experten, die ihm auf dem Gebiet der Schädel- und Gesichtsrekonstruktion das Wasser reichen konnten. Seine Dissertation und weiterführenden Studien über Weichteilveränderungen an europiden Schädeln unter besonderer Beachtung kulturspezifischer und ernährungsbedingter Merkmale hatten neue Maßstäbe gesetzt und die Kriminalwissenschaften gleichsam revolutioniert.
Akademische Meriten waren ihm jedoch immer unwichtig gewesen. Allein seine Fachkompetenz und die Anwendbarkeit seiner Kenntnisse in der Praxis – das war alles, worauf er stolz war. Mit der Zeit hatte er sogar einen gewissen Promistatus erreicht, seit bekannt geworden war, dass er zur Lösung einiger spektakulärer Kriminalfälle im Berliner Umland beigetragen hatte. In den zahllosen abendlichen Autopsie- und Kriminaldokus wurde er stets als populärwissenschaftlicher Erklärbär im weißen Kittel vorgeführt. Er sah und hörte sich diese laienhaft vorformulierten, immergleichen Sätze sagen, die diesen voyeuristischen Gruselsendungen einen wissenschaftlichen Anstrich verleihen sollten, und er hasste sich mittlerweile dafür. Continue reading Liquidity

Ist Russophobie heilbar?

DSCN3215_kompr„Ist Russophobie eigentlich heilbar?“ Die Frage kam unerwartet und traf mich wie ein Pfeil, der aus der Dunkelheit aus kürzester Entfernung auf jemanden abgeschossen wird.
Ich erstarrte mitten in der Bewegung, in der einen Hand eine Grillzange, in der anderen eine halbvolle Flasche Oettinger, mit der ich gerade die vor sich hin brutzelnden Würste bespritzt hatte. Selbstverständlich erst, nachdem ich mich mit einem kräftigen Schluck von der Qualität des preiswerten Hopfengebräus überzeugt hatte, das im Kaufland gerade für 32 Cent pro Flasche im Angebot gewesen war. Es zischte immer so angenehm, wenn das Bier mit Fett vermischt auf die von einer dünnen Ascheschicht bedeckte heiße Holzkohle tropfte. Es sollte ein gemütlicher Grillabend mit einigen wenigen guten Freunden und einigen Nachbarn werden, wobei letztere in erster Linie aus taktischen Gründen eingeladen worden waren.
Der etwas wacklige Grill hatte seine Betriebstemperatur schließlich doch erreicht, die Holzkohle glühte nur noch an einigen Stellen schwach, die Eberswalder Würste und die marinierten Fleischstücke begannen, einen fast perfekten goldbraunen Farbton anzunehmen. Ein würziger Duft von leckerer Grillbratwurst lag in der Luft. Im Hintergrund dudelte gedämpfte Synthipop-Musik, ein alter Song von Depeche Mode, übertönt durch das beruhigende Gebrabbel aus höflichem Smalltalk und dem Stimmenwirrwarr durcheinander redender Personen, das einem stets auf Partys oder Familienfeiern entgegenschlägt und dessen Lautstärke sich mit steigendem Alkoholpegel allmählich hochschaukelt. Es war aber noch früh am Abend, an einem dieser letzten spätsommerlichen Wochenenden, an denen man mit allen Zellen seines Körpers spürt, dass der kühle Herbst bevorsteht und diese seltsame Melancholie nach dir zu greifen droht. In der Ferne hörte man die Straßenbahn über die schadhaften Gleise rumpeln. Man möchte diesen Sommer festhalten, nur noch ein paar warme Tage erleben, bevor man in den Herbstblues eintaucht. Continue reading Ist Russophobie heilbar?

Sturz

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Immer öfter blieb er einfach im Bett liegen. Noch lange nach dem Aufwachen lag er einfach so da und überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, heute aufzustehen. Er bemühte sich, gegen den wieder stärker werdenden Schlafdrang anzukämpfen, Morpheus’ wohligen Armen zu entkommen, die ihn fest umklammert hielten und seinen schweren Kopf und Körper in die Kissen zurückdrücken wollten. Ein Frühaufsteher war er eigentlich nie gewesen, doch mit den Jahren hatte er immer seltener die Disziplin aufgebracht, seinen Stoffwechsel mit einem frühmorgendlichen Läufchen oder wenigstens ein paar Liegestützen auf Trab zu bringen. Stattdessen hatte er sich zu einem waschechten Morgenmuffel entwickelt. Ein richtig fauler Sack war er geworden, wie er sich in einem der seltenen Anflüge von Selbsterkenntnis und Ehrlichkeit manchmal eingestand. Wie ein innerliches Kräftesammeln nahm er daher diese letzten Minuten des Halbschlafs wahr, die in ein unruhiges Dösen übergingen, bevor er sich nach einem letzten wehmütigen Blick auf die grünen Leuchtziffern seines staubigen Radioweckers aufraffte und barfuß ins Bad schlurfte, um sein morgendliches Geschäft zu verrichten. Er hatte das alles so satt. Das frühe Aufstehen, die ständige Müdigkeit, die Arbeit, die ihm im Grunde seines Herzens verhasst war, dann die idiotischen Kollegen in der Redaktion, die nutzlosen Sitzungen und lächerlichen Intrigen, der stets zermürbende Streit mit seiner Exfrau ums leidige Geld und der ganze zivilisatorische Ballast, den er mit sich herumschleppte – all dies war ihm zuwider. Diese aufgezwungenen Normen, antrainierten Gewohnheiten und andressierten Sprachregelungen – all das, was sein unbedeutendes Leben, seine berufliche Existenz und den täglichen Kampf um sein erbärmliches Dasein bestimmte. Continue reading Sturz

Donezk und Lugansk anerkennen?

Könnte nicht eine internationale Anerkennung der proklamierten Volksrepubliken Donezk und Lugansk den ukrainischen Bürgerkrieg beenden?
In der Ukraine herrscht Krieg, das lässt sich nicht leugnen oder? Das Gerede von einer „Antiterror-Operation“ gegen das eigene Volk ist doch Unsinn. Mit jedem Tag, jedem getöteten Menschen, jedem abgefeuerten Schuss, jeder Granate, die in Wohnvierteln landet, wird eine Versöhnung zwischen den Angreifern und den Verteidigern sowie Bewohnern der umkämpften Gebiete in der Ostukraine schwieriger, und die Gefahr steigt, dass Russland in den Konflikt hineingezogen wird. Continue reading Donezk und Lugansk anerkennen?

Peter Scholl-Latour

Ich mag keine Nachrufe, aber schon lange nicht mehr habe ich den Tod eines fremden, mir persönlich eigentlich unbekannten Menschen als solch großen Verlust empfunden. Peter Scholl-Latour ist verstorben. Ich hätte ihm noch viele weitere Jahre Lebenszeit gewünscht. Am 9. März hatte er dem Münchner Merkur zu seinem 90. Geburtstag noch ein ausführliches Interview gegeben. Weltoffen, lebenserfahren und derart kompetent in außenpolitischen Fragen, dass er in den letzten Jahren zu einem echten Exoten in der deutschen Journalistengilde wurde. Ein polyglotter Weltbürger und scharfsinniger, intelligenter Freigeist, der sich stets einen klaren, unverstellten Blick auf die Welt bewahrt hat. Seine Stimme, seine von Weisheit und Kulturkompetenz geprägten Interviews und Wortmeldungen werde ich schmerzlich vermissen. Ja, ich habe ihn gemocht, viel von ihm gelesen und gehört. Für mich war er einer der besten Journalisten bzw. Nahost- und Osteuropaexperten, die wir in Deutschland hatten. Viele der heutigen Entwicklungen hat er übrigens vor Jahren vorhergesehen und mit Nachdruck vor genau den Eskalationen gewarnt, die jetzt eingetreten sind.
Ein herausragender Vertreter des unabhängigen Journalismus in Deutschland ist tot. Mögest du in Frieden ruhen, Peter Scholl-Latour.

Blogs

Ich schnüffele in letzter Zeit oft in fremden privaten Blogs. Schnüffeln ist natürlich nicht der richtige Ausdruck. Schnüffeln geht gar nicht! Ich fange besser nochmal neu an: Manchmal, meist abends, durchstöbere ich den gesamten Blogindex. Ich fange im alphanumerischen Verzeichnis immer ganz hinten an und arbeite mich nach vorn durch. Ohnehin schon stark frequentierte und kommerzielle Blogs (z. B. Produkttestblogs o. ä.) lasse ich links liegen. Nur mauerblümchenartig im Schatten gedeihende private Blogs von echten Menschen mit eigenen Gedanken sind für mich dann interessant. Da bleiben gar nicht so viele übrig, wie man denken mag. Ich komme aber meist eh nicht bis zum Anfang der Liste. Continue reading Blogs

Zur Objektivitätsfrage

Eine Frage, die ich mir selbst gelegentlich stelle, ist die nach der gebotenen Objektivität in den hier oder anderswo veröffentlichten Blog- oder Forenbeiträgen. Wie neutral und unparteiisch muss ich in meinem Urteil sein, das ich der Welt oder besser der deutschsprachigen Blogosphäre zur Kenntnis gebe. Muss ich mich verpflichtet fühlen, in einem öffentlichen Blog objektiv zu sein? Kann ich denn überhaupt objektiv sein?

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