Zirkus Europa

Als Kind habe ich ab und zu davon geträumt, Trapezkünstler oder Messerwerfer zu werden und mit einem Zirkus auf Tour zu gehen. Vielleicht auch als Bogenschütze, das wär genau mein Ding gewesen. Pfeil und Bogen haben wir uns immer selbst gebastelt. Wie man einen Bogen baut, lernten wir von Großvater. Der hatte noch einschlägige Erfahrungen aus erster Hand. Pfeile waren natürlich immer ein Problem. Dafür nahmen wir dann einfach diese dünnen Holzstiele der ausgebrannten Feuerwerksraketen, die zu Jahresanfang überall auf den Straßen herumlagen. Da steckten wir die Plastikhüllen von leeren Tintenpatronen drauf, die wir vorn jeweils mit einem dünnen Nagel gespickt hatten – und fertig war der Indianerpfeil. Mein Bruder hat auch gern am lebenden Objekt trainiert. Gab sonst keine guten Zielscheiben oder Übungsplätze. Ab und zu ging auch mal ein Schuss daneben, in einen Fuß etwa, wobei aber meist der Nagel nicht durchs Leder drang. War noch echt Leder, kein billiges Imitat, und man war damals auch noch nicht so zimperlich. Ich kann mich noch gut dran erinnern, dass unsere kindlichen Schießübungen einmal in einer empörten Zeitungsmeldung auf lokaler Ebene thematisiert wurden. Irgendein Spasti hatte uns wohl heimlich beobachtet und uns beim Volkskorrespondenten der Lokalzeitung denunziert.
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Die Hard

Es war an einem dieser warmen Nachmittage im Spätsommer vor vielen Jahren – damals muss ich wohl in der ersten oder zweiten Klasse gewesen sein. Mit einem Schulfreund und dessen Oma, die uns wie eine Glucke folgte, waren wir auf dem Heimweg vom Freibad. Unsere wie immer schlecht aufgepumpten Räder rollten schwer und schienen am heißen Asphalt zu kleben. Wir fühlten uns träge und schlaff. Ich spürte eine angenehme Schläfrigkeit, die einen an lauen Sommernachmittagen befällt, wenn man ausgepowert ist. Die Glieder werden müde, man denkt erstmal an nichts, kommt dann ins Träumen, gestattet sich, kurz die Augen zu schließen, und flugs ist man eingedöst. Sekundenschlaf ist eine gefährliche Sache, Mädels. Ja, auf der langen staubigen Straße, die wie eine Zielgerade zu unserem langen grauen Häuserblock führte, bin ich während der Fahrt auf dem Fahrrad eingenickt.

So richtig kam ich erst zu mir, als ich auf der warmen Asphaltoberfläche aufschlug. Wo zur Hölle war ich? Eben noch hatte ich geträumt, dass ich auf der Gegenfahrbahn, der anderen Straßenseite frontal gegen ein parkendes Auto fuhr und mich mit angeborener Eleganz über dessen Motorhaube abrollen ließ. Nur, dass es tatsächlich passiert war. Keine Ahnung warum, aber in meiner Erinnerung sind manche belanglose Begebenheiten so fest eingebrannt, wie die Seriennummer in den Lauf einer Waffe eingeschlagen ist. Als ich auf der Straße lag, rieb ich mir verwundert die Augen. Zum Glück war kaum Verkehr damals. Meine beiden Begleiter schauten etwas besorgt drein. „Ups. Nix passiert“, beeilte ich mich zu versichern. Wäre blöd gewesen, wenn ich eine Acht im Vorderrad gehabt hätte. Aber das von meinem Bruder geborgte Fahrrad hatte zum Glück nichts abbekommen. Ich auch nicht. Nicht mal einen Kratzer. Um das Auto kümmerten wir uns nicht weiter. Continue reading Die Hard

Blick/Sprung über den Tellerrand

Cypher: „Ich hab diesen Krieg satt. Ich will nicht mehr kämpfen, ich habe dieses Schiff satt, diese ewige Kälte, diesen widerwärtigen, schleimigen Fraß jeden Tag …
Wenn ich die Wahl habe zwischen der Matrix und hier, hmm, dann entscheide ich mich für die Matrix!“

(Zitat aus „Matrix“ (Film), 1999)

Wir kennen flache und tiefe Teller, dicke und dünne Bretter sowie lange und kurze Schatten. Je nach Größe und Beschaffenheit dieser (aus Porzellan, Kunststoff, Holz oder geheimnisvoller Schattenmaterie bestehenden) Objekte und abhängig von den kognitiven Fähigkeiten des Rezipienten der modernen Vielfalt digitalisierter Medien war und ist es immer ein anspruchsvolles Unterfangen, über den Rand des eigenen Tellers zu blicken, das vor dem Kopf hängende Brett zu durchbohren oder über den eigenen Schatten zu springen (insbesondere Letztgenanntes dürfte den wenigsten Medienkonsumenten gelingen, mir auch nicht und schon gar nicht auf Dauer). Continue reading Blick/Sprung über den Tellerrand