Zirkus Europa

Als Kind habe ich ab und zu davon geträumt, Trapezkünstler oder Messerwerfer zu werden und mit einem Zirkus auf Tour zu gehen. Vielleicht auch als Bogenschütze, das wär genau mein Ding gewesen. Pfeil und Bogen haben wir uns immer selbst gebastelt. Wie man einen Bogen baut, lernten wir von Großvater. Der hatte noch einschlägige Erfahrungen aus erster Hand. Pfeile waren natürlich immer ein Problem. Dafür nahmen wir dann einfach diese dünnen Holzstiele der ausgebrannten Feuerwerksraketen, die zu Jahresanfang überall auf den Straßen herumlagen. Da steckten wir die Plastikhüllen von leeren Tintenpatronen drauf, die wir vorn jeweils mit einem dünnen Nagel gespickt hatten – und fertig war der Indianerpfeil. Mein Bruder hat auch gern am lebenden Objekt trainiert. Gab sonst keine guten Zielscheiben oder Übungsplätze. Ab und zu ging auch mal ein Schuss daneben, in einen Fuß etwa, wobei aber meist der Nagel nicht durchs Leder drang. War noch echt Leder, kein billiges Imitat, und man war damals auch noch nicht so zimperlich. Ich kann mich noch gut dran erinnern, dass unsere kindlichen Schießübungen einmal in einer empörten Zeitungsmeldung auf lokaler Ebene thematisiert wurden. Irgendein Spasti hatte uns wohl heimlich beobachtet und uns beim Volkskorrespondenten der Lokalzeitung denunziert.
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