Dieses Gespräch hat nie stattgefunden

Ein verhärmter Pfandflaschensammler, der seinen mit prallen Beuteln und Taschen beladenen Drahtesel unten am Ufer der Spree vorbeischob und seinen auf den Wegesrand gerichteten Blick zufällig in diesem Moment anhob, erblickte die beiden Männer, die in luftiger Höhe über der Spree am Geländer einer beidseitig verglasten Fußgängerbrücke lehnten, die zwei moderne Zweckbauten im Berliner Regierungsviertel miteinander verband. Die gläserne Fußgängerbrücke, die nur für Bundestagspersonal zugänglich war, verband das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und das Paul-Löbe-Haus in Höhe des sechsten Stocks miteinander. Meist wurde dieser Übergang zwischen den beiden Parlamentsbauten nur als obere Brücke, zuweilen jedoch auch in ironischem Ton als Jakob-Mierscheid-Steg bezeichnet, da irgendwelche Witzbolde das Bauwerk einst nach dem fiktiven SPD-Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid benannt hatten. Den Pfandflaschensammler mit seinem alten Damenfahrrad interessierte all dies freilich nicht. Diese Welt war ihm fremd. Früher einmal, in einem anderen, geordneten Leben, da hätte es ihn vielleicht interessiert. Jetzt bedachte er sie nur mit einem gleichgültigen Blick – diese architektonischen Meisterwerke im Regierungsviertel, hypermoderne sterile Zweckbauten ohne Geschichte, denen angesichts der immer zahlreicher zu Tage tretenden Baumängel keine Zukunft beschieden sein würde. Nach einem verächtlichen Blick auf die dort oben hinter ihrem gläsernen Schutzschild auf ihn heruntergaffenden und vorbeihastenden Männer und Frauen richtete er seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Papierkorb, in dem er als Lohn seiner Mühe darauf hoffen durfte, gelegentlich eine dieser PET-Pfandflaschen zu ergattern, die ihm 25 Cent einbringen und ihn seiner nächsten Mahlzeit ein kleines Stück näherbringen würde. Continue reading Dieses Gespräch hat nie stattgefunden