Träume

Die meisten Träume sind belanglos, daher vergesse ich sie sofort oder binnen kürzester Zeit nach dem Erwachen. An manche, auch noch weit zurückliegende Träume erinnere ich mich indes noch jahrelang, auch wenn ich sie mir nie notiert habe.
Irgendwann habe ich mal Gerhard Schröder in einem harten fiktiven Streitgespräch zum Weinen gebracht. „Heul doch“, sagte ich ungerührt und schob noch irgendeine beleidigende Bemerkung hinterher. Unentschuldbar, aber man soll ja nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, schon gar nicht im Traum. Ich sah zu, wie seine Gesichtszüge entgleisten und seine Augen feucht wurden. Mitleid, gemischt mit einer Spur Verachtung empfand ich wohl. Ich erinnere mich auch, dass ich verstört war, mich sogar schämte, als ich später aufwachte. Wie hatte ich es wagen können? Ihn, den verdienten Politiker und Kanzler, so anzugreifen? Er hatte wenigstens was aus sich gemacht, es zu etwas gebracht. Nach heutigen Maßstäben war das, was ich träumte, eine verfassungsfeindliche Verunglimpfung von Verfassungsorganen. Selbst im Traum unverzeihlich. Allein dafür, einen solchen Traum zu haben und ihm widerspruchs- und regungslos beigewohnt zu haben, ohne empört ins Bett zu nässen, dafür hätte man sich schämen müssen. Zum Glück waren Gedanken- und Traumverbrechen damals noch nicht strafbar. Ich hatte nichts zu befürchten.
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