Über Fristigkeiten

Kurzfristig kann man schon gut klarkommen bzw. ein krisenhaftes Problem aufschieben, aber langfristig wird das nicht funktionieren. Wie oft habe ich einen ähnlichen Satz schon von Politikern, Bankern oder kritischen Zeitgenossen gehört oder gelesen? Ich selbst habe derartige Sätze wahrscheinlich auch schon unzählige Male geschrieben oder dahingesagt – eine bis zum Erbrechen durchexerzierte Sprachformel, die in Fleisch und Blut übergegangen ist, wie so viele Ausdrücke und Phrasen, die unsere tägliche Sprache durchdrungen, buchstäblich infiziert haben, so dass man sie nicht mehr bewusst wahrnimmt.
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Preis

Freitagvormittag, kurz vor 11, irgendwo in Deutschland, vor einer Ampel. Eigentlich mag ich Freitage. Heute nicht. Es staut sich. Es stockt. Nichts geht mehr. Rechts neben mir starrt ein Opa aus seinem wie geleckt wirkenden silbergrauen VW. „Diesel, hä?“ Der Rentner glotzt mich an, als hätte ich ihm ein unanständiges Angebot unterbreitet. Wohl schwer von Begriff; und das in diesen Zeiten, man stelle sich vor. Ich verstelle den Innenspiegel, um zu gucken, ob irgendwas mit mir ist, ob ich noch ich bin. Ein bekanntes müdes, unrasiertes Gesicht blickt mich an. Um 11 ist der Zahnarzttermin, ich komme zu spät. Macht aber nichts. Ich bin halt da, wenn ich da bin, Alda. Deutschland muss eh etwas lockerer und chaotischer werden.
Zur Ablenkung etwas Musik? Mit dem Daumen schnell die Senderprogrammtaste am Lenkrad gedrückt, und der Sprecher plappert munter los: Überraschung in Oslo. Friedensnobelpreis 2015 geht an das „tunesische Quartett für den nationalen Dialog“, erklärt der Sprecher. Erleichtert atme ich auf. Glückwunsch an das tunesische Quartett. Nochmal gut gegangen. Die Demütigung bleibt uns erspart. Schlagartig verbessert sich meine Laune. Die Ampel schaltet um und erstrahlt in sattem Grün. Die Grünphase dauert an, bis ich die Kreuzung passiert habe. Könnte noch ein versöhnlicher Freitag werden.

Masken

Maske„Sind Sie schuldig?“, fragte der Moderator in strengem Tonfall. Ein arrogantes, leicht gehässiges Grinsen umspielte seine Lippen.
„Natürlich bin ich schuldig!“, rief nun der im Sessel kauernde Mann mit einem ängstlichen Seitenblick auf die Fernsehkameras. „Sie glauben doch nicht, dass unsere Medienschaffenden einen unschuldigen Menschen an den Pranger stellen würden?“ Er beruhigte sich wieder; sein verschwitztes Gesicht nahm einen leicht einfältigen Ausdruck an. “Hassverbrechen und Propagandadelikte sind etwas Schreckliches, lieber Herr Plasberg”, sagte er salbungsvoll. „Es ist etwas Heimtückisches. Es kann einen überkommen, sogar ohne dass man es weiß. Wissen Sie, wie es mich überkommen hat? Im Schlaf! Ja, Tatsache. Da war ich, plagte mich, versuchte tagsüber das meinige zum Nutzen unserer bunten, weltoffenen Gesellschaft zu leisten – und hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt je etwas Böses im Kopf hatte. Und dann fing ich an, im Schlaf zu sprechen. Wissen Sie, was man mich sagen hörte?“
Er senkte die Stimme wie jemand, der aus ärztlichen Gründen gezwungen ist, eine Unschicklichkeit auszusprechen.
„Nieder mit der Großen Mutter!“ Ja, das sagte ich! Sagte es immer wieder, wie es scheint. Unter uns, mein Freund, ich bin froh, dass man mich ertappt hat, ehe es weiterging. Wissen Sie, was ich sagen werde, wenn ich vor Gericht stehe? Danke euch, werde ich sagen, danke euch, dass ihr mich gerettet habt, ehe es zu spät war.”… (1) Continue reading Masken

Gewagter Versuch

Vorläufiges Ergebnis eines Langzeitexperiments: Konsequenter Medienverzicht wirkt sich förderlich auf die mentale Verfassung eines Probanden aus. Im Selbstversuch hat sich allerdings herausgestellt, dass sich derlei schädliche Einflüsse aufgrund der Omnipräsenz und des massierten, trommelfeuerartigen Einwirkens systemtreuer Medien (bundesdeutsches Fernsehen (ÖR und Privatsender), Radio (Nachrichten) und Tagespresse) auf die ungeschützte Psyche eines Menschen nie gänzlich vermeiden lassen. Die Seele trägt unweigerlich Wunden davon, die bestenfalls irgendwann vernarben.

Merkels Flaggengate

Abendgespräche über Regierung und Kanzlerin. Ein Gast: „Die wahre Bedeutung der Flaggen-Episode vom Wahlabend 2013 ist mir erst in den letzten Wochen klargeworden. Dies wird das bleibende Bild von Merkels Kanzlerschaft.“, schreibt Nicolaus Fest in seinem Blog.

Nicht auszuschließen, dass man dies dereinst so bewerten wird. Jedenfalls kurios, dass sich auch andere Leute noch an diesen beschämenden Vorfall erinnern. Auch mir ist diese peinliche Jubelszene vom Wahlabend lange im Gedächtnis haften geblieben.

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Waffenexporte und Zuwanderung

Sehr oft stößt man im Netz oder in Echtwelt-Diskussionen auf die Forderung, man möge doch erst einmal die deutschen Waffenexporte verbieten, da diese (und der daran fürstlich mitverdienende Staat) für die Entstehung der Flüchtlingskrise mitverantwortlich oder sogar ursächlich seien.

Diese Argumentationsschiene ist m. E. ziemlich schief und fehlgeleitet. Hätte ein einseitiges deutsches Ausfuhrverbot für Rüstungsgüter die derzeitige massive Migrationsbewegung aus allen verunsicherten Regionen der Welt nach Deutschland überhaupt verhindern oder in irgendeiner Weise bremsen können? Natürlich nicht. Die Probleme und Ursachen für Fluchtbewegungen sind anders gelagert und bestehen zum Teil seit vielen Jahrzehnten. Regionen, die ohnehin schon ein Pulverfass waren, wurden gezielt destabilisiert. Künstlich angeheizte und fremdseitig befeuerte Konflikte bzw. Kriege in Lybien, Syrien, Irak und Afghanistan haben letztlich den Deckel von einem kochenden Topf gesprengt. Angesichts der anarchischen Zustände in einstigen Torwächterstaaten wie Lybien, ungeschützten europäischen Außengrenzen und der offenen Grenzen innerhalb des Schengenraums war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der weltweite Zuwanderungsstrom in das Land ergießt, in dem eine gütige und einfältige Mama Merkel, im arabischen Raum bereits als Mutter aller Gläubigen tituliert, jedem Ankommenden den Zugang zu einen Sozialstaat eröffnet, der verständlicherweise jedem Zuwanderer aus ärmeren Gefilden wie ein Schlaraffenland vorkommen muss. In diesem Kontext könnte man auch das offensichtliche Scheitern der sogenannten Entwicklungshilfe, Subventionierung, religiöse Fragen etc. thematisieren. Und so weiter und so fort, täglich grüßt das Murmeltier …
Schlussendlich wird Milton Friedman wohl Recht behalten, der einst konstatierte, eine Nation könne einen Sozialstaat oder offene Grenzen haben, aber nicht beides zugleich. Die Welt ist buchstäblich aus den Fugen geraten, so wie es Peter Scholl-Latour vor einigen Jahren erkannte bzw. vorhersah.

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