Steinernes Bekenntnis (I)

Meine Schule war eine gute Schule. Ein altehrwürdiges Gebäude, mit dicken Mauern aus rot gebranntem Backstein; alle Klassenzimmer hatten dicke, schwergängige Türen aus massivem Holz. Statt Türklinken waren noch altertümliche Ziehgriffe mit Bügeln aus Messing angebracht. Schwere Türen, dunkel gebeizt. Ich weiß noch, dass mich als Kind die breiten steinernen Treppenstufen in meiner Schule vom ersten Tag an faszinierten. Die Füße vieler Schülergenerationen hatten im Laufe der Jahrhunderte unübersehbare Spuren im Granit der Treppenstufen hinterlassen und sie abgeschliffen, so dass flache Kuhlen in der Mitte der Stufen entstanden waren. Steter Tritt höhlte den Stein. So hatten Millionen schlurfende Füße all der müden, gelangweilten, schüchternen oder aufsässigen, klugen oder nicht so klugen Schüler an den meistbetretenen Stellen der Steinstufen dünne Schichten des harten Granits abgetragen, während der harte Stein wiederum Schicht für Schicht vom Material der Schuh- oder Stiefelsohlen abgeschliffen und als feinste Abriebpartikel in die Umwelt entlassen hatte. Fuß auf Stein bildete die alltägliche Reibpaarung, an der auch ich zwölf Jahre lang, wenn auch oft lustlos und gegen meinen Willen, beteiligt war. Ja, oft gegen meinen Willen, doch ich gehorchte. Ich tat, was alle taten. Ich tat, was man von uns verlangte. Treppen hinauf- und hinabsteigen, immer wieder, jeden Tag (außer sonn- und feiertags). Continue reading Steinernes Bekenntnis (I)

Flexi ist sexy

Der junge Sigmar Gabriel solle doch besser auf eine Sonderschule wechseln, empfahl einst eine Lehrerin den Eltern des heutigen SPD-Vorsitzenden. Der zehnjährige Sigmar sei zu dumm und mache zu viel Ärger. Kurzum, er war ein verhaltensauffälliges Kind. Gegen den gut gemeinten Rat seiner Lehrerin entschied man, das besagte Sorgenkind auf der Realschule zu belassen. Ein Fehler? Hätten ihm einfühlsame Sonderschulpädagogen helfen können, seine Verhaltensstörung zu überwinden und wie seine Altersgenossen geistig zu reifen? Jetzt dürfte es zu spät sein. Man erkennt jedoch, dass erstens Inklusion auch in den 70ern schon gelebte Wirklichkeit in Deutschlands Bildungslandschaft (West) war und zweitens kleine Versäumnisse aus der kindlichen Erziehung im späteren Leben eskalieren und schlimmstenfalls mit großer Wucht auf die gesamte Gesellschaft durchschlagen können. Continue reading Flexi ist sexy

Wo der Grill steht, ist links

AufzeichnenWow! Wir wissen: Auch das Private ist politisch. Und besonders beim Grillen ist der politische Hintergrund entscheidend. Folgende Gedanken zu obiger Polizeimeldung: Da war also eine Gruppe von Menschen, vielleicht ein Verein, vielleicht ein paar Freunde und deren Freunde, vielleicht auch ein Heimat-, Angler- oder Sportverein, egal, die treffen sich zum Grillen, nachdem sie, wie es sich in Deutschland gehört, den Platz von der Gemeinde angemietet haben. Alles korrekt, werden die sich gedacht haben.

So kann man sich täuschen, Leute. Ist nämlich ganz falsch zu glauben, dass das Grillen eine Privatangelegenheit wäre. Jedenfalls nicht, wenn man eine rechtsorientierte politische Gesinnung hat. Nachdem nun ein Außenstehender glaubte, unter diesen Grillfreunden „offensichtlich rechtsgesinnte Personen“ erkannt zu haben, werden diese von einem sogleich bereitgestellten massiven Polizeiaufgebot vertrieben. Der Staatsschutz ermittelt, wie ich andernorts las. Wenn das Grillen von Bratwürsten unter Verschweigen der Gesinnung bereits so hart geahndet wird, muss einem um die innere Sicherheit in Deutschland wahrlich nicht Bange sein. Continue reading Wo der Grill steht, ist links

Integration!

Der überschwere Explorationskreuzer Coriolan schwebte antriebslos im tiefschwarzen Raum vor Pluto. Das von seinem äußeren Erscheinungsbild her beeindruckende Flaggschiff der Frachterflotte des zweitgrößten terranischen Konzerns, der US Deep Space Mining Corporation (DSMC), war gerade erst von einer längeren Erkundungs- und Fördermission zurückgekommen. Die beiden Tachyonentriebwerke waren bereits heruntergefahren und aus Sicherheitsgründen in den Leerlaufmodus geschaltet worden. Entwichenes Kondensat hatte einen zentimeterdicken Eispanzer auf den Triebswerksabdeckungen gebildet. Seitlich aus dem Rumpf ausgefahrene Steuerungstriebwerke feuerten von Zeit zu Zeit kurze computergesteuerte Impulse, um den umgebauten Kreuzer, der streng genommen ein Frachter war, präzise auf der vorgeschriebenen Position im Orbit von Pluto zu halten. Nach dem Rücksprung von einer der konzerneigenen Kolonien, die sich in der Nähe des Doppelsterns Epsilon Lyrae im Sternbild Leier befand, bezog der Frachter seinen Platz in der vierten Warteschleife der Erdanflugkontrolle. Es blieb noch genug Zeit, um vor dem letzten Rücksprung in den Erdorbit alle lästigen, aber notwendigen Formalitäten und Quarantäne-, Reinigungs- oder Desinfektionsarbeiten auszuführen. Es konnte schließlich noch einige Tage dauern, bevor man die Freigabe für den Anflug zu den heimatlichen Konzerndocks erhielt. Bei dieser auch vom Weltrat subventionierten Explorationsmission war es vordergründig um die Erkundung von Erzvorkommen gegangen, um die Suche nach und Förderung von seltenen Erden und Mineralien, die für das weitere Wachstum der terranischen Ökonomie dieses lichten Jahrtausends unabdingbar waren. Alle verfügbaren Ladebuchten und Container waren bis zum Bersten gefüllt mit hochreinem Tantal, Osmium, Platin, Meitnerium und sogar dem seltenen, erst kürzlich entdeckten Merkelium, das sich als unentbehrlich für die Fertigung von hoch leistungsfähigen Androidhirnen erwiesen hatte.

Noch ahnte es niemand, aber schon bald sollte die Besatzung des Raumschiffs, so wie auch später die Öffentlichkeit auf der Erde am eigenen Leibe erfahren, dass diese Expedition auch noch einen anderen, speziellen Auftrag hatte. Continue reading Integration!

Was und wem die Stunde schlägt …

DSCN4295Wenn sie an den Laternenpfählen hängen, ist es wieder soweit. Muss wohl, denn die Laternen werden knapp. Was ist schlimmer: Gehweg- oder Dachschaden? Wahlen stehen an. Allerorten sieht man mit Draht befestigte Bilder, Pappkameraden oder -kameradinnen, hübsch und bunt, in den jeweiligen Parteifarben gehalten, retuschierte Fratzen geklont wirkender Kandidaten beiderlei Geschlechts, frisch auf die Liste ihrer Ortsverbände gesetzt. Generische Gesichter der Demokratie. Gephotoshopte Konterfeis gesichtsloser Statisten. Gesichtslosigkeit, ein Symbol unverzichtbarer Alternativlosigkeit. Sei’s drum. Turnusmäßig wollen Pfründe neu besetzt werden, neuer Zugang zu den Fleischtrögen will erlangt werden. Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch – der schafft das. Retuschierte Visagen, zu grimmigem (Pardon: gewinnendem) Lächeln erstarrte Larven des lokalen Parteinachwuchses. Junge Wölfe und Wölfinnen, die ihren Schäfchen ein freundliches Gesicht zeigen, auf dass es sich ins Hirn einbrennen möge: So sympathisch, so dynamisch, so sozial, so kompetent … Das Image des Erfolgs im Digital- oder Offsetdruck, dünn aufgezogen auf billige Recyclingpappe.  Ob irgendwo eine künftige Kanzlerin oder Parteivorsitzende hängen wird? Neuer Stern am Himmel der Demokratie oder die nächste Hochstaplerin?
Ach, wunderbare Welt der netzaffinen Prosumenten. Warum Wasser schleppen, wenn man es lassen kann?
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Irgendwann …

Ist schon eine Weile her, aber irgendwann hab ich mal auf einen Schlag 1.000 Mark verloren. War ein kleines Vermögen für mich. Das Geld war der Lohn von einem Semesterferienjob im Sommer, als ich zeitweise noch zusätzlich gearbeitet hab – ein ganzer Monatslohn, den ich mir hatte bar auszahlen lassen. Lässig steckte ich das zusammengefaltete Bündel Scheine lose in meine linke Jackentasche, zog den Reißverschluss der Laufjacke (Billigmarke) zu und schwang mich in euphorischer Stimmung aufs Fahrrad. Als ich zu Hause ankam, war meine Jackentasche leer; das Geld war verschwunden. Hakelige, unzuverlässige Reißverschlüsse aus Kunststoff waren mir immer schon verdächtig. Bin dann die ganze Strecke nochmal im Schritt abgefahren, hab in alle Ecken und Rinnsteine geschaut, war aber zwecklos. Hab mich auch nach ehrlichen Findern umgehört, aber Fehlanzeige. Zu jener Zeit kam es noch nicht so oft vor, dass herrenlose Geldbündel, -scheine oder gefüllte Geldbörsen im Fundbüro abgegeben wurden. Continue reading Irgendwann …